Leichte Sprache :
Selbst-Bestimmung statt strenge Regeln

Schwarz-weiß-Foto von tanzenden Menschen
Schwarz-weiß-Foto von tanzenden Menschen
Künstlerische Maßnahmen gegen die Kälte: Jeden Abend ab 20 Uhr gab es in der Mission Programm. Hinz&Künztlerin Ulla (Mitte) tanzt ausgelassen bei einer Party. Foto: Markus Scholz

25 Jahre hat die „Mission“ gezeigt,
dass obdachlose Menschen für sich selbst sorgen können.
Sie brauchen dafür Raum und Freiheit.
Ein Buch erzählt jetzt die Geschichte von diesem Projekt.

Ein sehr besonderes Projekt

Der Fotograf Markus Scholz sagt:
„Ich wollte schon lange ein Buch über die ‚Mission‘ machen.“
Markus Scholz hat sehr viele Schwarz-Weiß-Fotos gemacht.
Die Fotos zeigen die Geschichte von der „Mission“,
ein besonderes Projekt für obdachlose Menschen in Deutschland.
Erst mit Anna Ulmer konnte Markus das Buch machen.
Anna Ulmer ist Designerin in Hamburg.
Sie suchte lange nach Informationen über die „Mission“.
An der Universität hat Anna die Geschichte und
die Bedeutung von der „Mission“ erforscht.

Als die „Mission“ 1997 begann,
war Anna Ulmer erst fünf Jahre alt.
Der Künstler Christoph Schlingensief startete das Projekt.
Nach einer Feier im Schauspielhaus ging er mit vielen Menschen los.
Dabei waren:

obdachlose Menschen
Menschen mit Drogen-Problemen
Prostituierte
Die Gruppe ging in eine alte, verlassene Polizei-Wache am Haupt-Bahnhof.
Dort wollte Christoph Schlingensief eine neue Bahnhofs-Mission aufmachen.
Die Menschen sollten nicht nur Essen bekommen.
Sie sollten auch Kunst und Kultur erleben.
Darum gab es Musik und Lesungen.

Die Sängerin Nina Hagen aus Berlin hat in der „Mission“ gesungen.
Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat Texte vorgelesen.
Bei einem „Offenen Mikrofon“ durften alle mitmachen.
Das Mikrofon war für alle Menschen,
die etwas sagen oder rappen wollten.
Auch Bands aus anderen Städten sind gekommen.
Sie haben Musik für wenig Geld gespielt.

Die Idee von Christoph Schlingensief war sehr erfolgreich.
Er hat mit der „Mission“ einen Ort geschaffen,
an dem arme und reiche Menschen zusammen kommen.
Kunst hat dabei geholfen.

Sieben Tage und viele Jahre

Der Fotograf Markus Scholz war von Anfang an dabei.
Es war alles ganz schön viel für ihn.
„Ich wusste nicht,
wie ich mich in der ‚Mission‘ verhalten soll“, sagt er.
Er hatte gedacht,
dass er viel über soziale Probleme weiß.
In der „Mission“ hat er dann obdachlose Menschen kennen gelernt
als ganz normale Leute.
Dabei hat er bei sich gemerkt:
Er hat selbst Vorurteile.

Er ist aber immer wieder zur „Mission“ gegangen.
Aus dem Beobachter Markus wurde ein Besucher.
Später wurde er zum Chronisten der „Mission“.
Das bedeutet:
Er hielt die Geschichte von dem Projekt in vielen Fotos fest.

Eigentlich sollte das Projekt nur sieben Tage dauern.
Aber die „Mission“ hat einfach weiter gemacht.
Die Menschen bekamen einen kostenlosen Raum im Bieberhaus.
Später ging die Gruppe in die Neustadt.

Ab 2003 machten obdachlose Menschen die „Mission“ selbst.
Sie haben Veranstaltungen mit dem Namen „Brot & Spiele“ geplant.
Sie haben viele Betten aufgebaut.
Sie haben Filme gezeigt.
Die „Mission“ wurde ein Wohnzimmer für Menschen ohne Zuhause.
Und auch für alle anderen Menschen,
die einen Treffpunkt brauchten.

Wie wollen wir heute zusammen leben?

Anna Ulmer lernte die „Mission“ erst spät kennen.
Da war das Projekt schon wieder vorbei.
Anna Ulmer hat Experimentelles Design in Hamburg studiert.
Sie interessiert sich dafür,
wie Menschen zusammen leben und Räume gemeinsam nutzen.
Die „Mission“ findet sie besonders spannend.

Anna Ulmer sagt:
Die „Mission“ stellt sehr wichtige Fragen.
Zum Beispiel:

Was können wir aus den 1990er-Jahren lernen?
Wie wollen wir heute zusammen leben?
Anna Ulmer sieht auch Ähnlichkeiten zur heutigen Zeit.
Sie sagt:
„Im Moment gibt es wieder mehr strenge Regeln und Kontrollen.
Besonders am Haupt-Bahnhof.
Viele obdachlose Menschen werden dort kontrolliert oder verdrängt.“
Anna Ulmer findet das absolut falsch.
Sie sagt:
„Obdachlose Menschen sind für viele Leute nur hilflose Menschen.
Dann entscheiden andere über das Leben der Obdachlosen.
Aber Menschen können viele Dinge selbst organisieren.
Sie brauchen nicht immer Kontrolle von oben.“

Die „Mission“ zeigt:
Das kann wirklich sehr gut klappen.

Die Geschichte erzählen

Anna Ulmer suchte viele Monate nach früheren Mitgliedern der „Mission“.
Das war nicht einfach.
Viele Menschen haben keine feste Wohnung.
Darum waren sie schwer zu finden.
Aber die Gespräche waren oft sehr gut.

Anna Ulmer sagt:
„Die Menschen wollen unbedingt erzählen.
Manche hören gar nicht mehr auf zu reden.“
Ein Mann heißt Rudolf.
Alle nannten ihn nur „den Alten“.
Er erzählte von Regeln in der „Mission“.
Die Regeln standen nicht auf Papier.
Trotzdem hielten sich alle daran:

Mitarbeiter durften keinen Alkohol trinken.
Niemand durfte andere Menschen beleidigen oder anpöbeln.
Wer sich nicht an die Regeln hielt,
musste gehen.

Ein anderer Mann heißt Matthias.
Er versteht eine Sache nicht:
Die Firma „Fördern und Wohnen“ gehört der Stadt Hamburg.
„Fördern und Wohnen“ hat den Miet-Vertrag von der „Mission“ gekündigt.
Zur gleichen Zeit hat die Stadt Hamburg aber
eine neue Tages-Einrichtung für obdachlose Menschen eröffnet.
Dort gibt es aber viel strengere Regeln als in der „Mission“.
Die „Mission“ durfte nicht bleiben.

Menschen können viel schaffen

Die „Mission“ wurde von den Menschen selbst verwaltet.
Dort haben die Menschen viel mehr selbst entschieden.
Im Jahr 2022 hat Hamburg die „Mission“ endgültig geschlossen.
Die Begründung von der Stadt Hamburg war:
Das Gebäude „Pik As“ soll saniert werden.
Die „Mission“ war direkt daneben und musste auch schließen.

Für Anna Ulmer und Markus Scholz ist aber klar:
Hamburg braucht Orte wie die „Mission“.
Die „Mission“ hat gezeigt:
Menschen können viel schaffen,
wenn sie genug Raum, Freiheit und Vertrauen bekommen.
Das gilt auch für Menschen in schwierigen Lebens-Situationen.

Das Buch

Anna Ulmer, mit Fotos von Markus Scholz: Kunst gegen Kälte. Die „Mission“ in Hamburg 1997 – 2022, Adocs Verlag,
240 Seiten, 28 Euro. Das Buch kann man ab 19. Juli 2026 kaufen.

Übersetzung in leichte Sprache: Grone barrierefrei

Artikel aus der Ausgabe:
Ausgabe 399

Bereit für Olympia?

Bereit für Olympia? Wir haben HSV-Rekordsprinter Owen Ansah und den französischen Olympia-Gegner Paul Alauzy getroffen und waren zu Gast in Lurup bei einem Schwimmverein. Außerdem: miese Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen und Ansichten einer Obdachlosen-Vertreibung.

Ausgabe ansehen
Autor:in
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

Weitere Artikel zum Thema