Hinz&Künztler Daniel : Zukunft himmelblau

Hinz&Künztler Daniel. Foto: Mauricio Bustamante

Daniel, 39, verkauft Hinz&Kunzt vor Budni in der Langen Reihe. Nach 12 Jahren auf der Straße konnte er in die Wohnung seiner Freundin einziehen.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Daniel tippt sich mit dem Zeigefinger an eine golfballgroße Beule oberhalb seiner Schläfe: „Was da genau passiert ist, weiß ich bis heute nicht“, sagt er. Die Stelle zeugt von einer Kindheit, die sich immer wieder in Krankenhäusern abspielte.

Geboren wurde Daniel 1983 in einer Kleinstadt in Thüringen, wo er bei seiner alleinerziehenden Mutter aufwuchs. „Meinen Vater habe ich ein einziges Mal für eine halbe Stunde gesehen“, erzählt er. Sieben Jahre alt war Daniel da. Schon früh wurde bei dem heute 39-jährigen Hinz&Künztler eine Epilepsie diagnostiziert. Um ihrem Sohn eine gute Behandlung zu ermöglichen, zog seine Mutter immer wieder mit ihm um, bis Daniel auf ein spezielles Internat für kranke Kinder kam. Allerdings: „Ich habe mehr Zeit im Krankenhaus als in der Schule verbracht.“

Wegen der noch heute sichtbaren Ausbeulung am Kopf wurde er mehrfach operiert. Immer wieder war er wegen seiner Epilepsie in längerer Behandlung. Immerhin mit Erfolg. Die Anfälle hörten auf, sogar seine Medikamente konnte Daniel absetzen. Nachdem er im Anschluss an das Internat mehrere Jahre eine Förderschule besuchte, begann er mit 16 ein freiwilliges ökologisches Jahr bei einem Schäfer. Im Anschluss besuchte er eine Berufsschule: „Die hab ich aber nicht geschafft.“

Daniel jobbte zwar weiter in der Schäferei, zu Hause hielt er es aber immer weniger aus. Mit dem neuen Freund der Mutter geriet er immer wieder auch körperlich aneinander. Eines Tages packte er seine Sachen, verließ die Wohnung und schloss sich einem Zirkus an, der gerade in der Gegend Halt machte. Mit dem tourte er mehrere Jahre – bis beim Abbau das falsch gespannte Zeltdach aufsprang und Daniel heruntergeschleudert wurde. „Ich habe zwei Wochen lang Blut gespuckt“, erinnert er sich – und kaum noch laufen können. Die Zirkusbetreiber hätten ihn aber weder verarzten noch gehen lassen wollen. Deshalb nahm Daniel eines Nachts in Hamburg verzweifelt Reißaus.

Sein Weg führte ihn erst zur Bahnhofsmission, von dort in das Übernachtungshaus für Obdachlose „Haus Jona“ und dann in eine öffentliche Unterkunft. Daniel fand eine Wohnung, einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma – und eine Freundin. Doch als die Beziehung in die Brüche ging, stürzte Daniel in eine Krise. „Das ging irgendwann mit dem Kopf nicht mehr.“ Er verließ seine Wohnung, und sein Leben auf der Straße begann. Die erste Nacht verbrachte er auf einer Parkbank an der Burgstraße, später machte er Platte in Eingängen von Geschäften rund um den Hauptbahnhof und unter der Kennedybrücke.

Anfang 2013 kam er schließlich zu Hinz&Kunzt – auf der Straße blieb er zunächst trotzdem. Bis er vor knapp zwei Jahren – nach 12 Jahren Obdachlosigkeit – seine heutige Freundin kennenlernte, bei der er mittlerweile eingezogen ist. Gerade renoviert er die Wohnung. Türrahmen, Fenster, Wände streichen. Was eben ansteht. Die Beschäftigung tut ihm gut – und weckt seine Kreativität: „Meine Tür, meinen Fensterrahmen – das habe ich alles blau gestrichen. Mein ganzes Zimmer ist blau. Himmelblau“, sagt er und grinst.

Artikel aus der Ausgabe:

Wenn Armut krank macht

Wie Armut psychisch krank macht, wie kranke Obdachlose in Hamburg zu wenig Hilfe bekommen und wie eine Community Health Nurse den Bewohner:innen auf der Veddel hilft – mit Zeit. Außerdem: KI-Kunstwerke generiert aus Schicksalen von Obdachlosen und beindruckende Bilder aus Georgien.

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Autor:in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit 2019 bei Hinz&Kunzt. Zunächst als Volontär, seit September 2021 als Redakteur.