Seenotrettung : „Wer auf dem Meer unterwegs ist, der hilft“

Diakon Fiete Sturm leitet die Seemannsmission Altona. Als Seelsorger betreut er Seeleute an Land und weiß: Retten ist für sie selbstverständlich. Foto: Dmitrij Leltschuk

Als Seelsorger kennt Seemannsdiakon Fiete Sturm die Sorgen der Seeleute. Seenotrettung – auch von Flüchtlingen – ist für sie selbstverständlich.

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Die Flucht über das Mittelmeer war immer gefährlich. Die Internationale Organisation für Migration zählt allein in den vergangenen dreieinhalb Jahren mehr als 13.500 Tote. Damit ihre Zahl nicht weiter steigt, setzen Hilfsorganisationen wie Sea Watch, Sea Eye und Lifeline inzwischen Rettungsboote ein. Jetzt wurden ihre Schiffe in Malta festgesetzt. Die Seenotrettung wird infrage gestellt, während das Sterben weitergeht. Italien verweigert Schiffen mit geretteten Flüchtlingen gar die Einfahrt.

Es sind nicht nur Rettungsboote, sondern auch große Frachter, die Schiffbrüchige aufnehmen. Das internationale Seerecht verpflichtet Schiffsführer dazu, innerhalb ihrer Möglichkeiten Menschen in Not auf hoher See unverzüglich Hilfe zu leisten. Alles andere würde die Ehre der Seeleute auch zutiefst verletzten. Da ist sich Seemannsdiakon Fiete Sturm sicher. Der 36-Jährige ist Leiter der Deutschen Seemannsmission Hamburg-Altona unweit des Fischmarkts und als Seelsorger regelmäßig im Gespräch mit Seeleuten. Fiete Sturm erzählt aus seinen Begegnungen und erklärt, warum Seenotrettung unabdingbar ist:

Ein Seemann hat mir mal erzählt, wie er vor seinen Augen ein Kind und seine Mutter ertrinken sah. Er war auf einem größeren Containerschiff. Im Wasser schwammen Rettungswesten. Offenbar gab es bereits Tote. Mit letzter Kraft näherten sich Kind und Mutter einer Rettungsleiter. Aber das Schiff hatte noch ein bisschen Fahrt und die See war unruhig. Die beiden wurden unter Wasser gezogen und man hat sie nicht mehr wiedergesehen.

Der Seemann beobachtete alles und hatte keine Chance zu helfen. Das hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Es dauerte Monate, bis er wieder zur See fahren konnte. Auf das Mittelmeer traut er sich aber bis heute nicht.

 

Andere Seeleute versuchen zu verdrängen, was sie erleben

Ich kann das nachvollziehen. Man muss funktionieren auf See. Das ist ein harter Job. 300 Stunden Arbeit im Monat und dann ist man teilweise neun Monate unterwegs und weg von zu Hause. Erst wenn Seeleute länger im Hafen verweilen, weil sie beispielsweise erkrankt sind, erst dann bietet sich ausreichend Zeit für ein Gespräch mit einem Seelsorger wie mir.

Hunderte Tote in zwei Wochen
Seenotretter dürfen nicht mehr retten
Während auf dem Mittelmeer hunderte Migranten ertrinken, halten die Behörden Organisationen wie die Sea Watch von ihren Rettungsmissionen ab: Schiffe dürfen nicht auslaufen, ein Flugzeug nicht starten.

Einer Kollegin hat sich vor drei Jahren ein Seemann anvertraut, weil er sich nicht mehr traut, durch das Mittelmeer zu fahren. Er war über Kinderrucksäcke gefahren, die im Meer trieben. Immer noch fliehen viele Menschen vor Hunger und Krieg auf diesem Wege. Ich kenne Seeleute, die haben in den Sommermonaten schlaflose Nächte vor einer Fahrt ins Mittelmeer.

Die Angst ist ständig da, dass eine Bergung scheitern könnte. Im Unterschied zu den Booten der Rettungsorganisationen sind Frachter nicht dafür ausgelegt, dass man leicht aus dem Wasser an Bord kommt. Die Schiffswand führt vom Wasserspiegel teilweise 30 Meter nach oben, und es gibt keine Luken, über die man Menschen einfach reinziehen kann. Unten im Wasser kann es selbst bei ruhiger See zu einer Sogwirkung kommen.

„Viele würden am liebsten die Augen verschließen. Aber das tun sie nicht“– Fiete Sturm

Die Seeleute begeben sich also in Lebensgefahr, wenn sie über eine Strickleiter zu den Schiffbrüchigen herabsteigen. Allein nur der Gedanke, dass jederzeit etwas in dieser Richtung vor der libyschen Küste passieren kann, sorgt für Ängste bei den Seeleuten.

Viele würden am liebsten die Augen verschließen. Aber das tun sie nicht. Sie sind rechtlich dazu verpflichtet, in Seenot Rettungsdienst zu leisten. Aber sie helfen nicht wegen einer Vorschrift: Wer auf dem Meer unterwegs ist, der hilft. Das ist ein klarer Grundsatz. Das hat auch nichts mit Moral zu tun. Ich habe mit Seemännern gesprochen, die rechte Parteien wählen, die finden, dass viel zu viele Flüchtlinge nach Europa kommen. Für die es aber selbstverständlich wäre, Flüchtlinge in Seenot an Bord zu holen. Egal wie gefährlich es ist und was sie persönlich von diesen Menschen halten. Es sind für sie in diesem Moment keine Flüchtlinge, sondern Schiffbrüchige, die auf dem Wasser treiben.

Anklage gegen Seenotretter

Wenn jetzt – wie bei der Lifeline geschehen – Kapitäne angeklagt werden, weil sie Hilfe geleistet haben, dann werden grundlegende Sicherheiten zerstört. Seenotrettung ist eine Selbstverständlichkeit. Daran darf niemals gerüttelt werden. Wer noch einen Schritt weitergeht und die Erwartung auf Hilfe in Seenot als Fluchtursache benennt, der verwechselt Ursache und Wirkung. Die Menschen, die ertrunken sind, waren zuerst da. Ansonsten wären die Helfer mit ihren Rettungsbooten gar nicht erst rausgefahren. Jetzt heißt es: Gäbe es die Helfer nicht, würden die Menschen nicht die waghalsige Flucht über das Meer wagen. Aber es gibt genügend Studien, die sagen, dass das nicht der Fall sei. Die Menschen werden weiterhin fliehen. Auch und immer wieder über das Meer.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über die Autoren
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.
Fiete Sturm

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