Aljosha Muttardi : „Warum dürfen Männer nicht mal High Heels tragen?“

Aljosha Muttardi setzt sich für Sichtbarkeit von queeren Menschen ein. Foto: Imke Lass

Influencer, Arzt und Aktivist Aljosha Muttardi will, dass queere Menschen sich nicht mehr verstecken müssen. Ein Gespräch über Sichtbarkeit, Schwulen-Klischees und eine sensiblere Art, miteinander zu sprechen.

Hinz&Kunzt: Das Doku-Format „Queer Eye“ läuft seit 2018 sehr erfolgreich beim Streaminganbieter Netflix. Darin kümmern sich fünf queere Menschen mit viel Herz um die kleinen und großen Probleme ihrer Mitmenschen. Dieses Jahr startete der deutsche Ableger, in dem Sie mitwirken. Die Reaktionen auf „Queer Eye Germany“ waren durchweg positiv. Hat Sie das überrascht?

Aljosha Muttardi: Ich habe nicht damit gerechnet, dass das Feedback so positiv wird – erst recht nicht medial. Gerade bei den konservativen Zeitschriften dachte ich, die verreißen uns. Aber ich habe nichts Negatives gefunden. Deutsche Formate, die etwas nachzuahmen versuchen, sind ja oft cringe (peinlich, Red.). Das war auch meine größte Sorge. Aber „Queer Eye Germany“ ist wirklich superschön und authentisch geworden.

Wie hat sich Ihr Leben seit der Ausstrahlung verändert?

Ich bin ein arrogantes Arschloch geworden (lacht). Nein, es hat sich gar nicht so stark verändert, außer dass ich jetzt vielleicht ein bisschen öfter erkannt werde. Ich hatte schon davor eine große Plattform durch „Vegan ist ungesund“ (YouTube-Kanal und Podcast über vegane Ernährung, Red.).

Sie haben in Interviews gesagt, dass Sie beim Dreh das erste Mal in Ihrem Leben das Gefühl hatten, sich nicht verstellen zu müssen. Sie konnten sich ausprobieren, Make-up tragen, die Fingernägel lackieren – tatsächlich zum ersten Mal?

Ja, durch die Dreharbeiten ist mir vieles bewusst geworden, was meine eigene Identität, mein Leben und meine Vergangenheit angeht. Ich habe ja vorher im Krankenhaus gearbeitet. Dort ist es sehr hetero-normativ, hierarchisch und männerdominiert. Die Strukturen sind auf Effizienz und Leistung ausgerichtet. Ich wäre dort nie mit Make-up rumgelaufen, ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen. Auch bei den Dreharbeiten hat sich das langsam entwickelt. Es war ein bisschen wie auf dem Christopher Street Day. Dort sind die Verhältnisse ja auch umgekehrt. Man ist plötzlich nicht mehr in der Minderzahl, man kann machen, was man möchte. Dann werden einem auch die Machtverhältnisse klar, die sonst herrschen, wenn nicht CSD oder Pride ist.

Am 6. August findet die diesjährige Hamburger Christopher-Street-Day-Parade statt, bei der es immer auch um Sichtbarkeit von queeren Menschen geht. Das ist auch eines eines Ihrer großen Themen. Warum?

Sichtbarkeit schafft Normalität. Und das ist ja das, was wir uns alle wünschen. Normalität meine ich im Sinne von: was wir häufig sehen und womit wir häufig konfrontiert werden. Wenn ich in der Kindheit gesehen hätte, dass Männer Männer lieben und Frauen Frauen, dass es bi und trans Menschen gibt, dann hätte ich nicht das Gefühl gehabt: Ich bin falsch. Es geht darum zu zeigen, dass man nicht alleine ist. 

Was ist mit Künstler:innen wie Elton John, Boy George oder Melissa Etheridge?

Die habe ich nicht wahrgenommen. Das ist ja immer auch eine Frage, in welcher Blase man aufwächst. In Zeitschriften, im Fernsehen oder in der Werbung habe ich eigentlich nur heterosexuelle, meist weiße Menschen gesehen.

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Autor:in
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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