Hiphop aus St. Pauli : Vom Desaster zum (Rap-)Star

Prolliges Verhalten bei seinen Genrekollegen hält Disarstar für "eine Überkompensation von Komplexen.“ Foto: Mauricio Bustamante

Sexismus, Gewaltverherrlichung, Drogen: Straßenrap hat es nicht leicht. Um das Musikgenre besser zu verstehen, hat sich Hinz&Kunzt mit dem Straßenrapper Disarstar (23) aus St. Pauli getroffen. 

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„Du hast nicht den Hauch einer Idee, wie viel Scheiße ich erlebt hab’“ heißt es in einem von Disarstars neuen Songs. Der 23-jährige Straßenrapper ist relativ bürgerlich in Hamburgs Nordwesten aufgewachsen, sorgte aber auch immer für Kontroversen: „Ich war ein hyperaktives Kind – in Kindergarten und Schule bin ich angeeckt. Mit 13 fing ich an zu trinken und mit 15 kamen andere Drogen dazu.“ Als Gerrit Falius, so heißt Disarstar bürgerlich, mit 16 von zu Hause auszog, hatte er schon 20 Anzeigen – wegen Betrug, Erpressung, Diebstahl und Körperverletzung.

Solche Erlebnisse liefern den Stoff für Songs: „Die Kunstform Straßenrap kommt von unten. Sie bespricht Lebensrealität und Probleme am unteren Rand der Gesellschaft“, erklärt Disarstar, dessen Aussagen im Interview manchmal so schnell und rhythmisch aus ihm herausschießen, als würde er gerade rappen.

„Straßenrap kann auch intelligent, reflektiert und kritisch sein.“– Disarstar

Das Musikgenre kämpft mit Vorurteilen: Sexismus, Homophobie, Gewaltverherrlichung, Chauvinismus und Proletentum – solche Stempel werden Straßenrap aufgedrückt. „Die Gesellschaft hat Stereotypen im Kopf, an denen prominente Rapper natürlich nicht ganz unschuldig sind“, sagt Disarstar. „Die Leute wissen oft nicht, dass Straßenrap auch intelligent, reflektiert und kritisch sein kann.“

Er wünscht dem Genre weniger Glorifizierung und mehr Tiefe: „Oft heißt es nur: ‚Ich verticke Koks, bin der Heftigste und kaufe mir von dem Geld ’ne fette Kette.’“ Disarstar hat den Anspruch, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge in die Texte miteinzubeziehen: „Wenn ich zum Beispiel erzähle, dass mein Elternhaus mich nicht in der Formulierung meiner Ziele unterstützt hat, ich schlecht in der Schule war, nichts mit mir anzufangen wusste und deswegen mit dem Dealen anfing – dann ist das eine Kausalkette, die man gleich besser nachvollziehen kann.“ Für das Prollige hat Disarstar auch eine Erklärung: „Wenn man immer nur unten war und auf einmal das hat, was die Reichen haben, will man das zeigen. Eine Überkompensation von Komplexen.“

Disarstar wohnte mit 16 zunächst in einer Jugendwohnung und traf sich regelmäßig mit einem Betreuer. Doch dann bekam er mit 17 eine Wohnung auf St. Pauli, war auf sich allein gestellt: „Da begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich war jeden Tag unterwegs und habe Saufen und Drogen auf die Spitze getrieben.“ Und auch seine Kriminalität – mit 19 bekam er eine Bewährungsstrafe wegen schwerer Körperverletzung.

Das war sein Wendepunkt: „Vorher hatte ich immer mir wohlgesonnene Richter, die in mir einen plietschen Typen gesehen haben, aus dem noch was wird. Auf einmal war der Knast ganz nah und ich habe kapiert: Wenn ich 23 Stunden am Tag in einer Zelle sitze, kriege ich ’ne Klatsche.“ Er traf eine Entscheidung, machte einen Entzug und hat bis heute Alkohol und Drogen nicht mehr angerührt.

Über den Autor
Frederike Arns
Frederike Arns ist ganz frisch bei Hinz&Kunzt. Nach ihrem Volontariat bei der Hamburger Morgenpost ist sie nun freie Journalistin. Schwerpunkte: Musik, Kultur und Gesellschaft.

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