Soziologe Harald Welzer : „Utopien müssen dort ansetzen, wo Veränderungen möglich sind.“

Am Mittwoch, den 25. August, diskutieren Maja Göpel und Richard David Precht mit Diana Kinnert und Harald Welzer über die Frage "Wie geht Veränderung?". Foto: Christoph Hardt / Future Image / Actionpress

Der Utopie-Sommer 2021 in Lüneburg lädt dazu ein, eine bessere Zukunft zu erfinden. Mit dabei ist auch der Soziologe Harald Welzer.

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Wie können wir die Zukunft gut gestalten angesichts von Pandemie und digitaler Revolution, Erderwärmung und autoritären Versuchungen? Dieser Frage will der „Utopie-Sommer 2021“ nachgehen. Die Veranstalter:innen suchen Projekte und Ideen, die über die datenbasierte Wachstumsgesellschaft hinausweisen und Pfade des guten Zusammenlebens erkunden. In Hamburg finden mehrere Camps statt, der Philosoph Richard David Precht und die Transformationsforscherin Maja Göpel halten die Konferenz von Lüneburg aus zusammen. Welzer ist digital zu Gast.

Hinz&Kunzt: Herr Welzer, wer Erfolg hat, lebt vielleicht bereits in seiner Utopie und hat wenig Grund, sein Verhalten zu verändern. Wie könnten solche Menschen dennoch Lust auf einen Wandel zur Nachhaltigkeit bekommen?

Harald Welzer: Indem man Bilder zeichnet einer Welt, in der die Lebensqualität besser ist: etwa das einer Stadt ohne Autos. Weil es dann weniger Luftverschmutzung gäbe, weniger Lärm und mehr Sicherheit. Und weil der Platz, den heute Straßen einnehmen, viel ­besser genutzt werden könnte. Oder Bilder einer Zukunft, in der wir weniger Wege zurücklegen müssen, mehr Zeit haben, etwas für uns zu tun durch eigene Bewegung, und mehr Raum, wo wir uns mit anderen Menschen treffen können.

Nachhaltig leben ist einfacher für ­Menschen, die viel Geld verdienen. Wer wenig hat, kann sich Bio-Lebensmittel nicht leisten und auch keine Ökoklamotten …

Diese Menschen leben ja schon mit ­einem kleineren ökologischen Rucksack. Verändern müssen sich die, die zu viel Verbrauch haben.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander. Welche Utopie könnte diese Entwicklung umkehren?

Dass wir gleiche Lebensverhältnisse herstellen können, ist eine alte Idee. Da waren wir schon mal besser als heute. Ökologischer Umbau der Wirtschaft muss zusammengedacht werden mit sozialer Gerechtigkeit. Beides ist in den vergangenen 30 Jahren viel zu wenig verfolgt worden.

Es bringt wenig, wenn wir hierzulande nachhaltig leben und der Rest macht weiter wie bisher. Haben Sie eine Vision für unsere Welt als Ganzes?

Das ist eine Geisterfrage. Ich kann nur dort Dinge bewegen, wo ich Einfluss habe.

Angesichts der Probleme, die der ­Klimawandel heute schon verursacht – gerade erst die verheerenden Überschwemmungen in Teilen Deutschlands: Wie kann man Menschen dazu bringen, nicht zu resignieren, nach dem Motto: „Ist doch eh alles egal, ich genieße jetzt mein Leben“?

Man sieht doch an dem Beispiel, dass gerade das nicht funktioniert: Ich kann sagen, dass mir alles egal ist – und dann bekomme ich trotzdem mein Haus weggeschwemmt. Wenn wir weiter­machen mit der Flächenversiegelung für neue Straßen und Baugrundstücke, werden wir immer mehr solcher Kata­strophen erleben.

Ist es nicht schon zu spät für den notwendigen Wandel?

Es ist nie zu spät. Die ganze Menschheitsgeschichte ist geprägt von Problemen. Wenn die Leute immer gesagt hätten, es sei zu spät, wäre nie etwas zum Positiven verändert worden.

Wie realistisch sollten Utopien sein?

Sie dürfen keine Wolkenkuckucksheime sein, sondern müssen dort ansetzen, wo Veränderung möglich ist. Bei der Stadt ohne Autos fangen Sie mit einzelnen Vierteln an. Dann sieht man: Es geht. Und dann wollen andere es auch.

Am Mittwoch, den 25. August, diskutieren Maja Göpel und Richard David Precht mit Diana Kinnert und Harald Welzer von 9:15 bis 10 Uhr über die Frage „Wie geht Veränderung?“.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor:in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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