Wilhelmsburg : Protest gegen Umsiedelung

Die Bewohner*innen der Unterkunft fordern Mietverträge für die Sozialwohnungen, die dort entstehen sollen. Foto: Mauricio Bustamante

Weil ihre Unterkunft in Wilhelmsburg abgerissen werden und Sozialwohnungen weichen soll, gehen einige Bewohner*innen auf die Barrikaden. Sie fordern ein Mitspracherecht bei den Ausweichquartieren und ein Rückkehrrecht in das neue „Hafenbahnpark“-Quartier.

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Zumretta Sejdovic muss umziehen. Nach 10 Jahren in den Wohnungen der städtischen Unterkunft an der Hafenbahn im nordöstlichen Wilhelmsburg sollen sie und 240 andere Bewohner*innen ihr gewohntes Umfeld verlassen und in zum Teil sehr abgelegene Ausweichquartiere umgesiedelt werden. Der Grund: Die Gebäude sind laut Betreiber fördern und wohnen „in sehr schlechtem baulichen Zustand und nicht sanierungsfähig“ und sollen deshalb einem Neubau weichen. „Dass auf dem Grundstück viele geförderte Wohnungen vor allem für Menschen entstehen werden, die auf dem Wohnungsmarkt kaum eine Chance haben, halten wir für ein hohes Gut“, sagt Unternehmenssprecherin Susanne Schwendtke.

Dagegen hat auch Sejdovic nichts einzuwenden – wohl aber gegen den angeblichen Umgang von fördern und wohnen mit ihr und ihren Nachbar*innen. Die Bewohner*innen hätten erst vor zwei Wochen von den erzwungenen Umzügen erfahren, seien vor vollendete Tatsachen gestellt worden. In einer Pressemitteilung der Poliklinik Veddel wird beklagt, dass es kein Mitspracherecht für die Familien gegeben habe. „Die Bewohner*innen verlieren ihre sozialen Bezüge, verlieren ihre Stabilität“, erklärt darin Madeleine Does von der Gesundheits- und Sozialberatung der Poliklinik. „Und sie sind aufgrund der komplexen Lebenslagen besonders vulnerabel.“

Zumretta Sejdovic (52) arbeitet als Beraterin in der Poliklinik Veddel. Foto: Mauricio Bustamante

Deswegen steht Zumretta Sejdovic am Dienstagvormittag mit Nachbar*innen und Unterstützer*innen vor dem Wohnkomplex, Protestschilder und Transparente in den Händen. „Unsere Nachbarn sollen bleiben“ steht darauf und: „Redet mit uns!“ Einer der Vorwürfe an die Unterkunftsleitung lautet, dass mit den Bewohner*innen kaum über die Umzüge kommuniziert werde. „Wir kriegen Container, wissen aber nicht wo“, sagt Sejdovic. Eine Nachbarfamilie sei bereits an den Stadtrand umquartiert worden. Sejdovic befürchtet, dass ihrer Familie das selbe Schicksal droht: „Meine Arbeit ist hier, meine Kinder gehen hier in die Schule“, sagt sie. „Ich habe keine Bekanntschaften da, das ist wie eine andere Stadt!“

Laut fördern und wohnen wurden die Bewohner*innen schon 2019 informiert

Fördern und wohnen schildert die Abläufe gänzlich anders: Die Bewohner*innen seien „seit Frühjahr 2019 wiederholt brieflich und in Einzelgesprächen“ über die Umzüge informiert worden, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber Hinz&Kunzt. Auch hätten sie Kriterien für die Orte nennen können, an die sie umziehen wollen: „Leider konnten nicht alle Wünsche erfüllt werden. Dass einige Familien weiter weg
ziehen müssen, ließ sich nicht vermeiden.“

fördern und wohnen baut bis zu 400 Wohnungen
Wilhelmsburg
fördern und wohnen baut bis zu 400 Wohnungen

Ein Rückkehrrecht könne fördern und wohnen den Bewohner*innen nicht garantieren, denn noch seien die neuen Plätze nicht gebaut, auch gebe es noch keine Baugenehmigung. „Es wäre nicht verantwortungsvoll, Zusagen zu machen, die einhalten zu können nicht absolut sicher ist“, erklärt Sprecherin Schwendtke. Rechtlich sei die Sache ohnehin klar: „Ein Anspruch auf öffentliche Unterbringung ist grundsätzlich ortsungebunden. All unsere Standorte sind zeitlich begrenzt.“

Öffentlich hatte fördern und wohnen bereits im März 2019 die Abrisspläne bei einer Pressekonferenz vorgestellt. Im neuen Quartier „Hafenbahnpark“ sollen bis zu 400 Wohnungen entstehen, viele davon sollen speziell für Wohnungslose, Flüchtlinge, Senioren und Menschen mit Behinderung sein.

Autor*in
Benjamin Laufer
Benjamin Laufer
Seit 2012 bei Hinz&Kunzt. Redakteur und CvD Digitales.

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