Wohnungslose: brisante Zahlen

(aus Hinz&Kunzt 143/Januar 2005)

Die Zahl klingt alarmierend: Um 78 Prozent sei im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Menschen gestiegen, die sich obdachlos gemeldet hätten. Das berichtet pflegen & wohnen (p&w), zuständig für die Unterbringung der meisten Betroffenen, in einem internen Papier von November, das Hinz & Kunzt vorliegt.

„Warum sollte er böse sein?“

Wie Kinder Obdachlose sehen – ein Malwettbewerb von Hinz & Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 142/Dezember 2004)

Hinz&Kunzt war neugierig darauf, was Kinder von Obdachlosen halten. Deswegen veranstaltete das Straßenmagazin in mehreren Einkaufszentren einen Malwettbewerb. Die Ergebnisse sind im Dezember bei Hinz&Kunzt ausgestellt.

Meine Eltern: Ohne Wohnung

Besuch bei zwei Familien, in den Mutter oder Vater zeitweise obdachlos waren

(aus Hinz&Kunzt 142/Dezember 2004)

Ein halbes Jahr lang lebten Jennifer und Jacquelin bei ihrer Tante. Was sie nicht wussten: Ihre Mutter war in der Zeit obdachlos.

Parteien-Check zur Wahl

(aus Hinz&Kunzt 132/Februar 2004)

Zum zehnjährigen Bestehen von Hinz&Kunzt haben wir zehn Wünsche für Hamburg für Hamburg veröffentlicht. Einige Forderungen finden parteiübergreifend Zuspruch. Hier die Antwort der Bürgerschaftsfraktionen.

Nr. 1: Die Krankenstube für Obdachlose ist hoffnungslos überfüllt.

H&K fordert: Mehr Betten für kranke Obdachlose.

Zu fünft im Zimmer

Ortstermin: eine Obdachlosen-Unterkunft in Glinde

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

„Die junge Stadt im Grünen“, so wirbt Glinde für sich. Ein Städtchen im Osten Hamburgs, 16.000 Einwohner – und ein paar Menschen, die keine Wohnung haben. 13 von ihnen hat die Stadt in einer Villa einquartiert. Bis zu fünf Bewohner sind in einem Zimmer zusammengewürfelt – obwohl andere Räume leer stehen. Hinz & Kunzt war vor Ort.

Kicken mit Wir-Gefühl

Anpfiff zur zweiten Straßenfußball-Weltmeisterschaft in Göteborg

(aus Hinz&Kunzt 138/August 2004, Die Verkäuferausgabe)

Ende Juli begann die Streetsoccer-Weltmeisterschaft der Obdachlosen in Göteborg. Dort treffen sich zum zweiten Mal Straßenfußballer aus rund 30 Nationen. Die Ergebnisse lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Geschäfte mit der Not

Vermieter schlagen Profit aus der Unterbringung von Obdachlosen – Sozialbehörde kündigt die Verträge

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

Der Mitbewohner von Ralf (Name geändert) lässt sich nicht stören. Es ist Nachmittag, und er schläft seinen Rausch auf der oberen Matratze des Stockbetts aus. „Hübsch, was?“, sagt Ralf (50) sarkastisch und zeigt sein Reich: Mehr Luxus als das Bett und einen Tisch mit einem Uralt-Fernseher bietet das zwölf Quadratmeter kleine Zimmer nicht. Dazu feuchte Flecken an der Wand. Ein unwohnlicher Raum in einem „Hotel“ am Hamburger Berg (St. Pauli), einer Straße mit vielen Kneipen und Discos, deren Besucher jede Nacht zum Tag machen. Ralf lebt hier seit mehr als einem Jahr. Er teilt sich das Zimmer mit einem Junkie, der ihm schon mal die Herzmedikamente klaut und verkauft, so Ralf. Einmal sei der Typ durchgedreht, habe ihn mit einer Eisenstange auf den Kopf schlagen wollen.

Bei Motte in der Lehre

Schriftstellerin Dagmar Seifert recherchierte bei Obdachlosen für ihr Buch „Der Winter der Libelle“

(aus Hinz&Kunzt 135/Mai 2004)

Dagmar Seifert ist wieder da. An dem Ort, an dem sie vor ein paar Monaten gebettelt hat. „Hier saß ich“, sagt sie und schaut sich am Mönckebrunnen um. Hinten auf der Bank sitzen die von immer, palavern und trinken ein Bierchen in der Sonne. Motte, ein Hinz & Kunzt-Verkäufer, hatte die Schriftstellerin damals unter seine Fittiche genommen.

„Mehr Glück brauche ich nicht“

Gerd und Stephanie feierten Berberhochzeit

(aus Hinz&Kunzt 133/März 2004)

Stephanie und Gerd begegnen sich am Hauptbahnhof. Sie unterhalten und verlieben sich. Nach ein paar Monaten heiraten sie. Was sich ganz gewöhnlich anhört, ist doch sehr selten. Denn Hinz & Künztler Gerd lebt seit 20 Jahren auf der Straße.

Die Mutmacher: Helmut

Wie Hinz&Künztler heute leben

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Rund 3400 Verkäufer haben seit 1993 bei Hinz & Kunzt angefangen. Vielen von ihnen ist der Ausstieg aus der Obdachlosigkeit gelungen. Wie Helmut Feldtmann. Vor sieben Jahren war er ganz tief unten. Heute hat er eine Wohnung und einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma. Und er hilft anderen Alkoholikern beim Ausstieg aus der Sucht.

Eine Sekunde entschied mein Leben. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, komme über den Hauptbahnhof und sehe einen Obdachlosen. Er kauert da am Boden, ist betrunken und hat seine Mütze aufgestellt. Er sieht niemandem ins Gesicht. Ich werfe ihm nichts in die Mütze, obwohl er mein ganzes Mitgefühl hat. Ich sehe nämlich mich selbst in ihm.

Es war 1996. Alle meine Säulen brachen bei mir weg, die ein Leben so ausmachen: Ich verlor meinen Job als Lagerarbeiter, meine Frau trennte sich von mir, und ich musste aus der Wohnung raus. Da stand ich dann mit meinen paar Sachen auf der Straße und wusste nicht weiter. Der Alkohol hatte alles zerstört. Ich hatte alles zerstört. Und natürlich war das nicht alles auf einmal passiert, sondern schleichend.

Aufgewachsen bin ich im Alten Land, ich komme aus einem alten Bauerngeschlecht. Da macht man alles mit sich selbst aus, gerade wenn man ein Junge ist. Okay, alle trinken auf dem Land. Es gab Leute, die sogar viel mehr getrunken haben als ich, aber die waren nicht unbedingt Alkoholiker. Ich wurde einer. Ich brauchte den Alkohol.

Bei so einer Großveranstaltung beispielsweise. Da sollte ich die Eröffnungsrede halten. Ich hatte Angst, kein Wort rauszukriegen. Also kippte ich mir kurz einen hinter die Binde. Es klappte. Ich war total locker, die Rede war gut, ich bekam Applaus. Oder in der Disko. Ohne dass ich etwas getrunken hatte, war ich viel zu schüchtern. Alkoholsucht kommt ja nicht von heute auf morgen, sondern dauert unter Umständen Jahre, bis sie richtig „ausbricht“. Man sagt sogar: Sie braucht zehn Jahre, bis sie entsteht, und zehn Jahre, bis man sie erkennt.

Ich wollte immer aussteigen. Ich dachte, ich könnte meinen Alkoholkonsum irgendwann kontrollieren. Das war natürlich eine Illusion. Man steigt nur aus, wenn man den Tiefpunkt erreicht hat. Und diesen Tiefpunkt musste ich erst mal erreichen. Der war grausam … Ich wohnte also auf der Straße, machte irgendwo Platte oder fuhr mit der S-Bahn oder U-Bahn, um mich aufzuwärmen. Manchmal verbrachte ich ein paar Nächte auf dem Wohnschiff. Zehn Tage wohnte ich im „Pik As“, hielt es da aber nicht mehr aus. Es war, als gucke man seinem eigenen Elend ins Gesicht. Nebenbei verkaufte ich Hinz & Kunzt.

Da gibt es Stephan, den Sozialarbeiter. Das wusste ich, aber ich wollte nichts mit ihm zu tun haben. Ich war jetzt schon mehr als ein Jahr auf der Straße, und der Winter stand vor der Tür. Eines Tages traf ich K. wieder, einen anderen Obdachlosen, einen Junkie, der in meinen Augen total fertig war. Der guckte mich von oben bis unten an und sagte: „Damals auf dem Wohnschiff sahst du aber noch besser aus.“

Das saß. Ich blickte ins Schaufenster, sah mein Spiegelbild und erschrak. So sehr, dass ich mich auf dem Absatz umdrehte und weglief. Einfach nur weg. Dabei konnte ich kaum laufen, mein ganzer Körper war krank, meine Beine waren total kaputt. Schlagartig wurde mir klar, dass ich jetzt nur eine Wahl hatte: Leben oder Tod. Und wenn ich sage Tod, dann meine ich nicht normal sterben, sondern elendiglich verrecken.

Am nächsten Tag stand ich pünktlich bei Hinz & Kunzt auf der Matte – und ging sofort zu Stephan. „Ich will hier raus“, sagte ich. Stephan lächelte mich an: „Ich habe schon lange auf dich gewartet“, sagte er. „Du siehst mich doch jeden Tag“, fragte ich erstaunt, „warum hast du mich nicht angesprochen?“ „Es hätte keinen Sinn gehabt, oder?“, sagte Stephan. Und leider muss ich zugeben: Das stimmt.

Von da an ging es bergauf. Langsam zuerst. Stephan vermittelte mir einen Schlafplatz im Bodelschwinghhaus. Die nächste Hürde war die Entgiftung. Ich wollte zwar eine machen, aber mich trotzdem nicht vom Alkohol trennen. Bevor ich in die Vorsorge nach Alsterdorf ging, um mich auf die Therapie vorzubereiten, habe ich mit Kumpels ordentlich Abschied gefeiert. So doll, dass die mich in Alsterdorf gleich wieder weggeschickt haben. Siehste, klappt nicht, sagte ich mir und kaufte mir sofort wieder einen Flachmann.

Aber irgendwas stimmte nicht. Irgendwie konnte ich den nicht mehr in Ruhe trinken. Die andere Stimme in mir, Mensch, hör auf, war zu laut. Da saß ich also und wusste nicht mehr weiter. Die wussten ja auch, dass ich eigentlich weg wollte vom Alkohol. Einer von der Heilsarmee – der sprach auch noch Platt, meine Muttersprache – sagte dann: „Ick foer di no Alsterdoerp hen.“ Okay, dachte ich, irgendwann. Und er: „Der Bus steht vor der Tür. Jetzt.“ Ich zögerte. „Du kannst in den Bus einsteigen oder auch nicht. Es ist ganz allein deine Entscheidung“, sagte der Mann von der Heilsarmee. Und ich stieg ein. Diese eine Sekunde hat mein Leben entscheidend verändert. Seitdem habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Ich brauche mir noch nicht mal zu sagen: „Alkohol tut dir nicht gut, du darfst keinen Alkohol trinken.“ Nein, Ich brauche ihn einfach nicht mehr.

Inzwischen habe ich auch wieder eine Wohnung und sogar einen Job. Ich arbeite bei einer Zeitarbeit und werde mal hier, mal dort eingesetzt. Aber der Schlüssel zu allem war die Entscheidung, dass ich selbst verantwortlich bin für mein Leben. Dass es egal ist, was Eltern oder sonst wer getan haben, dass du alleine es bist, der etwas verändern kann. Das sind natürlich nur Worte, aber sie stimmen. Ich bin bei den Anonymen Alkoholikern, habe dort viel Halt bekommen, aber auch meine eigene innere Kraft entdeckt. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Diese innere Kraft macht mich richtig zufrieden. Ich berate ehrenamtlich andere Alkoholiker – einfach, weil ich denen Hilfestellung geben will, die noch so leiden, wie ich damals gelitten habe.

Birgit Müller