Fahrgäste als Denunzianten?

S-Bahn nimmt Bettler ins Visier

Die Bahn will verstärkt gegen Bettler und Musiker vorgehen: Dafür hat sie einen „neuen Service“ vorgestellt. S-Bahn-Fahrgäste können sich bei der Kunden-Hotline melden, wenn sie sich belästigt fühlen. Sozialarbeiter kritisieren das als Vertreibungsmaßnahme.

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„Ich fühle mich zwischen allen Stühlen am wohlsten“

(aus Hinz&Kunzt 208/Juni 2010)

Den Schauspieler Hannes Hellmann kennt jeder Fernsehzuschauer, auch wenn ihm der Name vielleicht nichts sagt. Dafür kann  dieser in Ruhe seinen Leidenschaften nachgehen.
01HK208_Titel_05.inddStört es ihn, wenn man ihn erst mal als Nebendarsteller beschreibt? „Nein“, sagt Hannes Hellmann mit fester Stimme. Er hat tatsächlich eine lange Liste an Film- und Fernsehauftritten vorzuweisen, war in „Wolffs Revier“ und dem „Großstadtrevier“ unterwegs; war an Filmen, die nur eingefleischten Cineasten etwas sagen, ebenso beteiligt wie an der „Soko Wismar“ oder der „Küstenwache“: Vorabendserien, bei der mancher das Gesicht verzieht. „Da braucht niemand die Nase zu rümpfen“, sagt Hellmann. „Da arbeiten überall Leute, die eine gute Arbeit machen.“

Seine bekannteste Rolle ist vermutlich die des Hauptkommissars Hans Wolfer in der ZDF-Samstagskrimireihe „Einsatz in Hamburg“. Hellmann gibt hier neben Aglaia Szyszkowitz und Reiner Strecker den dritten Ermittler. Immer gut gekleidet, eher bedächtig, der Ruhepol. „Wir machen diese Serie jetzt seit zehn Jahren, wir verstehen uns prima und es ist eine wunderbare Arbeitsatmosphäre“, schwärmt er. Allerdings macht er keinen Hehl daraus, dass er sich 90 Prozent von dem, was er macht, selbst nicht ansehen würde; dass sein Fernseher eingeschlossen im Schrank steht und nur manchmal hervorgeholt wird. „An den Geschichten kannst du nichts ändern, die stehen fest, die sollen Quote bringen“, erklärt er. „Aber die Arbeit selbst, das Spielen vor der Kamera, das macht großen Spaß.“

Mehr wurmt ihn, dass man ihn als Schauspieler nicht so vielseitig einsetzt, wie er selbst sein Potenzial sieht: „Als mich Jürgen Flimm 1993 nach Hamburg ans Thalia Theater holte, hat man mich lange nur als Schläger oder Zuhälter besetzt, dabei hab ich mich in meinem Leben noch nie geprügelt.“ Auch neulich musste er mal wieder erfahren, als wie eng sein Repertoire angesehen wird: „Ich wurde für einen Film für die Rolle des Hausmeisters vorgeschlagen, aber der Redakteur meinte: ‚Nee, dafür ist der Hellmann zu intellektuell.‘ Dabei hab ich mal einen Hausmeister gespielt, einen ganzen Film durch.“

Da hilft Aikido, als Sport, als Philosophie: „Es kommt beim Aikido darauf an, nicht zu verkrampfen und sich zu blockieren. Du musst durchlässig werden; musst die Kraft des Anderen nutzen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.“ Das nützt ihm durchaus in seinem Beruf: „Ich würde nie einem Regisseur sagen: ‚So spiele ich das nicht.‘ Ich würde sagen: ‚Interessante Idee – schauen wir mal, was ich daraus mache.‘“ Seit 20 Jahren praktiziert er Aikido. Derzeit trainiert er zwei- bis dreimal die Woche in seiner Übungshalle. Und neben Schauspielerei und Sport unterrichtet er an der Hochschule angehende Regisseure, außerdem spricht er Hörbücher: „Ich fühle mich zwischen allen Stühlen am wohlsten.“ Denn da ist noch seine Liebe zur Musik.

„In meiner frühen Jugend spielte ich die Pauke“, sagt er gespielt salbungsvoll, legt die Hände ineinander. Wird gleich wieder ernst und erzählt von seinem Lehrer aus der Volksmusikschule Steglitz in Berlin, wo er aufwuchs. Der habe seine Schüler wahrhaft gefördert: „Wir konnten uns ausprobieren, konnten stundenlang auf Orffschen Instrumenten herumklöppeln. Unser Lehrer hat großartige Auftritte organisiert, wo die Bude immer voll war, weil ja die ganzen Eltern, Verwandten und Freunde kamen. Ich bin da geblieben, bis ich 20 war.“ Zum Kontrabass, seinem Instrument, kommt er über Umwege: „Ich hab klassische Gitarre gelernt, kam dann zum E-Bass – und von da ist es bis zum Kontrabass ja nicht weit.“

Während seines Germanistikstudiums zieht er mit seinem Kontrabass durch Berliner Kneipen, später hat er ein eigenes Kabarett. „Dabei wurde mir klar, dass ich doch lieber nicht Deutschlehrer werden möchte und fragte unsere Sprechlehrerin, ob ich Schauspieler werden könnte.“ Die will ihn dazu nicht gerade ermuntern, verrät ihm aber, wann die Aufnahmeprüfung ist. Hellmann spricht vor, wird gleich genommen. Sein erstes Engagement führt ihn nach Mühlheim an der Ruhr. Er bleibt zwölf Jahre. „Ich habe zwölf Jahre unter nur einem Regisseur gearbeitet, das war mehr eine Lebensgemeinschaft“, sagt er.

Es ist die Art des freien Arbeitens, des Begegnens auf gleicher Augenhöhe, die ihn immer wieder begeistert. Das gilt auch für ein aktuelles Projekt: die siebenköpfige Band „Little Criminals“ und ihr Programm „Amerikanische Umnachtung“ mit Songs von Randy Newman. „Das sind alles gestandene Schauspieler, die bühnenreif Instrumente spielen.“ Und es gibt keinen Chef: „Jeder von uns hat sich mal das Probenhütchen aufgesetzt und gesagt: ‚Das ist schon ganz ordentlich, aber hieran müssen wir noch arbeiten.‘“

Was dabei Hochwertiges entstanden ist, ist gleich am nächsten Abend im Thalia Theater zu erleben: die Herren im Smoking zum weißen Hemd, die Damen im schwarzen Kleid mit Perlenkette, die Mienen unbewegt. Und dazu ein Mix aus rockigen und jazzigen Nummern. Behände wechseln die Musiker die Instrumente, der Schlagzeuger sitzt auch mal am Klavier, die Pianistin spielt ebenso Geige und die Musikerin, die eben noch am Vibraphon steht, stöpselt zwischendurch den E-Bass ein. Nur Hannes Hellmann bleibt den ganzen Auftritt über seinem Kontrabass treu, zupft und streicht ihn mal stoisch, mal verzückt, wie es überhaupt ein Abend wird, der beständig zwischen absolutem Ernst und ausufernder Komik schwankt. Viel Applaus, zwei Zugaben, bis sie vom Publikum entlassen werden.

Hat er für die nächste Zeit irgendwelche Projekte in Aussicht, gibt es Pläne? Nichts, was spruchreif wäre. „Mir geht es wie den Rentnern, die auch nie Zeit haben, obwohl sie nichts zu tun haben“, sagt Hannes Hellmann: „Ich muss das Zen der Langeweile erst wieder lernen.“ Andererseits: Er muss für zu Hause ein neues Regal zimmern, für die Kassetten, die DVDs. „Man muss auch mal herumdaddeln können“, sagt er: „Und vielleicht wird aus einer Idee was, vielleicht geht sie in die Schublade.“ Er kann nicht wissen, dass ihn noch heute eine E-Mail erreichen wird, mit dem nächsten Angebot: eine Nebenrolle im „Polizeiruf“, in der ARD. Gleich nächste Woche geht es los.

Text: Frank Keil
Foto: Daniel Cramer

„Bloß nicht so’n Deprizeug“

Frank Zander malt zugunsten von Hinz&Kunzt. Sigrun Matthiesen hat ihn in Berlin besucht

(aus Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009)

Wer Frank Zander ist, muss man zum Glück niemandem erklären. Denn das wäre gar nicht so einfach: „Susi“, den anzüglichen Skandalsong, der auf dem Index landete, hat er gemacht, aber auch den harmlosen Kinderhit „Lied der Schlümpfe“, den skurrilen 70er-Jahre-Song „Der Ur-Ur-Enkel von Frankenstein“ oder den 90er-Jahre-Hit „Hier kommt Kurt“. Der Sänger, Verkleidungskünstler, Showmoderator, Kinder-Liebling, Bundesverdienstkreuz-Träger war in jeder bunten Fernsehshow zu Gast, serviert den Berliner Obdachlosen zu jedem Weihnachtsfest ein Gänseessen – und malen kann er auch noch. „Entertainer“ nennt man solche Multitalente gerne. Frank Zander selbst sagt: „Ich bin ein großes Kind, das nur tut, was ihm Spaß macht.“

„Musik ist meine Droge“

Wolfgang Michels hat Sehnsucht – nach einem Hit. So wie früher.

(aus Hinz&Kunzt 182/April 2008)

Der Erfolg kam schnell und früh: Als 16-Jähriger landete Michels auf Platz 2 in den englischen Charts, seine Band Percewood’s Onagram galt als Kult. Das ist verdammt lange her, heute ist sein Name nur Insidern ein Begriff. Wenn Wolfgang Michels jetzt seine CD „Zuhause“ auf den Markt bringt, „dann starte ich wie ein Newcomer“.