Rassismus im Fußball : „Das trifft mich bis ins Mark“

Steffi Jones in der Doku "Schwarze Adler". Filmstill: BROADVIEW Pictures

Rassismus im Fußball: nicht nur zur EM ein Thema, das stark berührt. Ex-Bundestrainerin Steffi Jones und HSV-Profi Jan Gyamerah über üble Anfeindungen, einsame Tränen und abgeschaltete Instagram-Accounts.

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Wie allgegenwärtig Rassismus im Fußball ist, zeigen Szenen der Europameisterschaft: Allen voran das englische Team, aber auch andere Mannschaften gingen vor Spielbeginn ihrer Partien demonstrativ aufs Knie. Es ist das internationale Sportler:innen-Zeichen des Kampfes gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung. Von Fans wurden sie dafür zum Teil ausgebuht. Der neue Dokumentarfilm „Schwarze Adler“ beleuchtet das Thema aus der Sicht deutscher Fußballer:innen, unter ihnen die ehemalige Nationalspielerin Steffi Jones. Sie und der HSV-Kicker Jan Gyamerah sprechen in Hinz&Kunzt über traumatische Erfahrungen und ermutigende Erlebnisse.

Hinz&Kunzt: Frau Jones, Sie sind selbst Protagonistin im aktuellen Dokumentarfilm „Schwarze Adler“, der das Schicksal Schwarzer deutscher Fußball-Nationalspieler:innen der ­vergangenen 50 Jahre nachzeichnet. Den fertigen Film anzuschauen – wie war das für Sie?

Stephanie Ann Jones: Meine Frau und ich haben beide Tränen in den Augen gehabt. Da kamen so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit hoch: an meine Mutter etwa, weiß, blond, blauäugig – und beschimpft als „Negerhure“. Am schlimmsten fand ich die Szene mit Otto Addo (Anm. der Red.: früherer Profi und heute Trainer), als er erzählt, wie er aus dem Mannschaftsbus aussteigt und sogar ein Kind ihn rassistisch anmacht.

Jan Gyamerah, Sie haben den Film auch gesehen. Zu spüren, dass man nicht alleine ist mit „seinen“ Problemen – tut das irgendwie „gut“?

Jan Gyamerah: Ich war danach sehr traurig, weil ich dieses einsame, verlassene, hilflose Gefühl nach rassistischen Beleidigungen so genau kenne. Dort in Stadthagen, wo ich aufgewachsen bin – im Kindergarten, in der Schule, sogar im Gymnasium – war ich immer der einzige Schwarze. Nur mein Vater konnte nachvollziehen, was ich durchmachen musste. Wichtig sind mir aber die Reaktionen, die ich nach Ausstrahlung des Films von Freunden und ­Bekannten bekommen habe. Nach dem Motto: „Boah, wie übel. Hab ich echt nicht gewusst, dass das so schlimm ist.“

Was ist Ihre krasseste eigene Rassismus-Erfahrung im Fußball?

Gyamerah: Die liegt erst vier Jahre zurück. Da spielte ich noch mit dem VfL Bochum ein Testspiel gegen Zwickau, irgendwo in Thüringen. Mein Teamkollege Peniel Mlapa aus Togo und ich hatten die erste Halbzeit gespielt und mussten in der zweiten noch um den Platz joggen. Immer in der einen Kurve sind „Fans“ aufgestanden und haben Affengeräusche gemacht. Da habe ich einem von denen direkt in die Augen geguckt – einem Familienvater, der mit seinem kleinen Sohn da war. Der guckte böse zurück und schrie: „Was glotzt du so, du scheiß Neger?“ Da wurde mir schon anders, auch weil du ahnst: Der Sohn wird später vielleicht genauso denken. Ein Trost war, dass viele Mitspieler gesagt haben, dass wir das Spiel eigentlich abbrechen müssten. Wir ­haben es dann aber doch noch zu Ende gebracht und waren danach einfach nur froh, nach Hause zu können.

Jones: Das trifft mich gerade bis ins Mark, unfassbar! Es braucht aber seine Zeit, bis man begreift und lernt, dass so was die eigenen Gefühle eben nicht verletzen sollte. Ich gebe mir inzwischen an nichts mehr die Schuld, was solche Schmähungen angeht. Aber Jan, deine Mannschaft hätte das Spiel beenden müssen. Weil dann genau diese „Fans“ Schuld daran wären, dass dieses schöne Spiel beendet wird. Nur ihretwegen! Damit kann ich ein Zeichen setzen. Wenn das öfter durchgezogen wird, werden sich immer mehr Menschen im Stadion von diesen in Wirklichkeit ja wenigen abwenden.

HSV-Profi Jan Gyamerah. Foto: Witters/Tim Groothuis

Ist das eine Botschaft, die Sie gerne senden möchten – fürs Stadion und auch an die Zivilgesellschaft?

Jones: Ich bin Realistin: Rassismus wird nie enden. Aber durch eine Bewegung wie „Black Lives Matter“ wächst gerade überall viel Bewusstsein gegen Rassismus und Diskriminierung. Immer mehr Menschen machen sich gerade, egal ob Schwarz oder Weiß, und zeigen Courage. Wir alle können da wahre Stärke demonstrieren, im Stadion und überhaupt.

Was war denn Ihr schlimmster Moment?

Jones: Ist auch noch nicht lange her. Ich war Bundestrainerin, es gab eine kritische Phase mit schlechten Ergebnissen, und dann wurde geschrieben: „Jones muss weg – aber nicht, weil sie schwarz ist oder lesbisch.“ Da habe ich meinem Arbeitgeber gesagt: „Ich lasse mir ja vieles gefallen, aber das passt nicht, bitte sagt dazu was!“ Als Antwort bekam ich, dass ich mich mal nicht so anstellen solle, ich sei viel zu weich. Man fand das offenbar gerechtfertigt beim DFB, so zu schreiben. Das hat mich tief getroffen.

Gyamerah: Ich muss aber noch sagen, dass ich mein schlimmstes Erlebnis ­abseits vom Fußball hatte.

Wollen Sie uns davon erzählen?

Gyamerah: Das war in der 6. Klasse. Die ganze Jahrgangsstufe war auf einer Freizeitfahrt auf Norderney gewesen. Und Montagmorgen, zurück in der Schule, haben alle gesungen – ich ­glaube, das war ein Lied von B-Tight: „Wer hat das Gras weggeraucht? Der Neger! Wer rammt dir den Penis in den Bauch? Der Neger!“ Und alle haben auf mich gezeigt. Da habe ich angefangen, vor allen zu weinen, bin nach ­Hause und habe zu meinen Eltern gesagt, dass ich nicht mehr in die Schule gehen will. Eigentlich bin ich ein lauter, offener und fröhlicher Typ, aber da wollte ich einfach nur noch, dass man mich nicht mehr wahrnimmt. Dieses Wort „Neger“ hat mich damals immer zum Weinen gebracht.

Jones: Meine Mutter hat mir immer ­gesagt: „Menschen legen sich auf die ­Sonnenbank und zahlen Geld dafür, deine Hautfarbe zu haben.“ Aber bis heute kämpfe ich damit, Menschen ­gerne gefallen zu wollen und möglichst nicht aufzufallen.
Frau Jones, Sie sagen in dem Film den schrecklichen Satz aus Ihrer Kindheit: „Mama, wenn ich mich ganz doll wasche, werde ich dann auch so weiß wie du?“ Herr Gyamerah, haben Sie sich das auch mal gewünscht?
Gyamerah: Auf jeden Fall. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater aus Ghana, ich bin nicht ganz so dunkel wie er. Eine Zeit lang habe ich mir immer eine Mütze aufgesetzt, damit man meine sich kräuselnden Haare als Erkennungszeichen nicht sieht. Ich hoffte, so „nur“ als etwas dunklerer Deutscher wahrgenommen zu werden – hat natürlich nichts gebracht. Später habe ich mir „Relaxer“ in die Haare geschmiert, damit die schön brav glatt liegen.

Ist der Sport dann immer ein Fluchtpunkt gewesen?

Jones: Fußball war mein Auffang­becken. Ich habe durch Fußball gelernt, dass es in Wahrheit keine Rolle spielt, wo ich herkomme und wie ich aussehe. Ich wurde als Mädchen unter Jungs Spielführerin. Ich wurde akzeptiert, ich habe so viel Mut gewonnen, viel Selbstvertrauen, echte Stärke. Das hat mich durchs Leben getragen. Dafür bin ich dankbar.

Gyamerah: Fußball war immer das, was mich glücklich gemacht hat. Und persönliche Genugtuung gab mir noch, dass ich die Jungs, die mich vorher in der Schule beleidigt hatten, dann auf dem Fußballplatz extrem schwindelig gespielt habe. (Jones lacht laut auf)

Musste man als Schwarze:r Spieler:in besser sein als die anderen, um anerkannt zu werden?

Jones: Zumindest gefühlt ist das so, ja. Ich musste mich erst beweisen, um später auch eine herausgehobene Position im zentralen Mittelfeld spielen zu dürfen – das war lange anderen vorbe­halten, die oft nicht so gut waren.

Gyamerah: Mein Vater wollte zwar nicht so viel auf die Hautfarbe eingehen, aber er hat uns mitgegeben, dass es nicht ausreicht, nur genauso gut zu sein wie der „Junge von nebenan“. Er hat früh damit angefangen, unzufrieden zu sein mit meiner Leistung, wenn ich ­eigentlich zufrieden war. Man merkte aber auch, dass andere Menschen ­Erwartungen an einen haben: Der Schwarze muss schnell sein, der Schwarze muss stark sein. Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, dem gerecht werden zu müssen. Das war anstrengend und nervig.

Jones: … du kannst bestimmt auch gut Basketball spielen, oder? (beide lachen heftig)

Gyamerah: Genau! Und geil tanzen und rappen kann ich auch!

Wird beim Frauenfußball weniger rassistisch beleidigt, Frau Jones?

Jones: Aus meiner Wahrnehmung reicht schon ein Mensch, der mich angreift. Und auf dem Platz fielen auch schon mal Sprücquotehe wie: „Du schwarze Sau, beim nächsten Zweikampf trete ich dich um.“ Oder: „Geh doch zurück, wo du herkommst!“ Aber ich fühlte mich selbstsicher und stark und hab mir gedacht: „So, Frollein, dir gebe ich es jetzt!“ Nicht mit Worten, nicht mit Emotionen, sondern diese Spielerinnen ­habe ich dann durch gute Leistung auf dem Platz kaltgestellt. Und ich sage ­Ihnen: Das ist so ein geiles Gefühl – weil man ja sonst machtlos ist. Aber im Stadion zu erleben, dass sich ganze Blockscharen rassistisch verhalten wie bei den Männern, hat sicher noch mal eine andere Wirkung. Das gibt es im Frauenfußball nicht. Das stelle ich mir richtig schwer vor.

Gyamerah: Gerade fällt mir ein: Als vor zwei Jahren so viel über meinen Mitspieler Bakery Jatta geschrieben wurde, wurde er zum Teil übelst beleidigt und ausgepfiffen. Bei ein paar unserer ­Auswärtsspiele in dieser Zeit kam es auch zu rassistischen Äußerungen von der Tribüne. Das war unfassbar.

„Bei ­seinen ­Toren freut sich das ganze Team immer noch mal extra intensiv mit ihm. Und wenn er uns braucht, werden wir immer für ihn da sein.“– Jan Gyamerah über Bakery Jatta

Jatta ist ein Geflüchteter aus Gambia, dem von bestimmten Medien noch heute vorgeworfen wird, unter falscher Identität zu spielen und in Wahrheit Bakary Daffeh zu heißen. Jatta ist 2015 durch die Sahara und als Nichtschwimmer im Schlauchboot übers Mittelmeer bis nach Deutschland geflüchtet, mehr als 6000 Kilometer. Wie haben Sie ihn in den Phasen der öffentlichen Anfeindung erlebt, und was macht das mit einem Team?

Gyamerah: Baka hat größte persönliche Risiken in Kauf genommen, um die Chance auf ein besseres Leben zu ­bekommen. Er ist so ein feiner Kerl, bei uns sehr gut integriert und wichtig fürs Team, er hat niemandem etwas getan und macht nichts Schlimmes. Zu dem ganzen Thema sagt er uns gegenüber nicht mehr viel. Ich glaube, man kann sich gar nicht vorstellen, wie schlimm das für ihn sein muss.

Jones: Auch da kann ich nur sagen, Jan: Seid als Mannschaft solidarisch, macht das öffentlich, sprecht für ihn. Es fällt Bakery sicher schwer, echtes Vertrauen aufzubringen und sich zu öffnen, weil da sicher viel Angst dahintersteckt.

Gyamerah: Gut, dass du das sagst. Man fragt sich ja immer: „Was kann man ­machen?“ Bei uns steht aber der ganze ­Verein von Anfang an hinter Baka. Die Haltung unserer Fans „Bakery, no matter what, we got your back!“, die haben wir auch als Mannschaft. Bei ­seinen ­Toren freut sich das ganze Team immer noch mal extra intensiv mit ihm. Und wenn er uns braucht, werden wir immer für ihn da sein.

Beim HSV spielen ja sehr viele ­Schwarze Spieler. Beim letzten Punktspiel der Saison standen davon elf im Kader. War dieses Fußballjahr für Sie dadurch irgendwie anders?

Gyamerah: Ja, auf jeden Fall. Unab­hängig vom sportlichen Ausgang hatte ich im Miteinander noch nie so viel Spaß in einer Mannschaft wie diese ­Saison. Es war wirklich ein tolles ­Gefühl, man war nicht „alleine“, wenn mal ein dummer Spruch fiel – und in ­einer Fußballmannschaft wird immer gescherzt. Unter uns Profis ist es so, dass ab und zu mal unüberlegte spontane Sprüche rausgehauen werden, die auf eine Art auch mal rassistisch sein können, aber von den Mitspielern ganz ­sicher nur lustig gemeint sind. Da bin ich im Zwiespalt, wie man darauf angemessen reagiert. In letzter Zeit spreche ich das aber öfter an und sage auch, wenn ich finde, dass es so nicht geht. Die Hautfarbe spielte aber gar nicht mehr so eine Rolle wie vorher, vielleicht auch, weil unser Trainer dunkelhäutig war.

In „Schwarze Adler“ sagt der junge Bremer Spieler Manuel Mbom, dass er seine schwarze Hautfarbe „echt cool“ findet …

Gyamerah: Da beneide ich ihn drum. Ich hoffe, dass es vielen anderen Kindern auch so geht wie ihm. Mittlerweile finde ich mich so, wie ich bin, auch cool. Aber das hat echt gedauert. Mit 10, 11 habe ich mir jedenfalls noch eine andere Hautfarbe gewünscht.

Mit wem können Sie über Rassismus reden?

Jones: Mit meiner Frau kann ich über alles reden. Meine Mutter ist mir eine großartige weltbeste Mama und Freundin. Und doch mache ich manche Dinge noch heute nur mit mir selbst aus, weil – das tut jetzt weh, es so zu sagen, aber es ist so – ein andersfarbiger Mensch kann sich nicht in mich reinfühlen.

Gyamerah: Bei mir ist das seit einiger Zeit meine Schwester. Die ist letztes Jahr 18 geworden und befasst sich total mit dem Thema. Sie haut mir auch neue diverse Begriffe um die Ohren, von denen habe ich noch nie was ­gehört (Jones lacht laut auf). Meine Schwester will Mathe und Chemie auf Lehramt studieren. Sie möchte die Lehrerin werden, die sie sich selbst gewünscht hätte – eine, die vorbehaltlos unterstützt, hilft und aufklärt.

Sie sind beide Personen des öffentlichen Lebens, haben aber beide offenbar keinen Instagram-Account …

Jones: Ich hatte einen zur Bundes­trainerinnen-Zeit und letztes Jahr einen für die kurze Phase von „Let’s dance“ (Anm. der Red.: Jones schied 2020 in der 1. Runde der RTL-Staffel aus), weil das da vertraglich vorgeschrieben war. Ansonsten ist das nicht meine Welt. Ich habe Facebook für ­meinen rein privaten Kreis.

Gyamerah: Ich hatte Instagram bis vor etwa zwei Monaten, habe das aber für den Moment deaktiviert. Und ich muss sagen, es fühlt sich echt gut an. Man ist leichter und freier ohne.

Hatte das auch was mit Hatespeech zu tun?

Beide gleichzeitig: Ja, klar.

Gyamerah: Ich habe viel Zeit da verbracht und mir Sachen durchgelesen, die mir nicht gutgetan haben. Dieses Verlangen danach, zu erfahren, was Leute über mich schreiben und denken, ist momentan nicht da.

Jones: Mir war das gar nicht so bewusst, aber meine Familie, meine Schwiegereltern, meine Mutter – sie alle haben den ganzen Scheiß gelesen, praktisch für mich mitgelitten und sich total schlecht gefühlt. Das muss ich keinem mehr ­antun. Als ich Instagram abgemeldet habe, hat meine Familie gesagt: „Boah, endlich können wir uns wieder freuen! Und du lachst jetzt auch wieder.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor:in
Jochen Harberg
Seit über 40 Jahren im Traumberuf schreibender Journalist, arbeitete festangestellt u. a. für Stern und Welt am Sonntag. Seit 2019 mit großer Freude im Team von Hinz&Kunzt.

Weitere Artikel zum Thema