Stadttauben : Die große Flatter

Hamburg hat ein Taubenproblem. Tierschützer:innen wollen den Bestand mit Hilfe von Taubenschlägen reduzieren. Foto: Mauricio Bustamante

Kaum ein Tier hat einen so miesen Ruf wie die Stadttaube. Hamburger Tierschützer:innen versuchen einiges, um Image und Lebenssituation der Vögel zu verbessern. Konkrete Vorschläge politisch umzusetzen, ist jedoch schwierig.

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Erst vor zwei Tagen hat Andrea Scholl wieder eine tote Taube vom Radweg geklaubt. „Die war gerade frisch überfahren worden“, sagt sie. Die 55-Jährige sammelt regelmäßig Tauben von der Straße: Vögel mit abgeschnürten Füßen, gebrochenen Flügeln und angesengten Federn, es ist alles dabei. Auf ihrem Handy hat Scholl Dutzende Fotos davon gespeichert. Die zeigt sie dann den Politiker:innen und Journalist:innen, mit denen die 2. Vorsitzende des Vereins „Hamburger Stadttauben“ über die, wie sie sagt, vielen Vorurteile gegenüber Stadttauben spricht. Lateinisch übrigens: Columba livia forma domestica.

Tatsächlich ist das Image der flatternden Großstadtbewohnerinnen mies: Ratten der Lüfte, Müllschlucker, Krankheitsverbreiter, Gebäudezerstörer – die Liste der Vorwürfe ist lang. Es seien immer zu viele an einem Ort, sie kämen zu nah, eklige Fressgewohnheiten hätten sie auch. Fliegen sie im Schwarm hoch, bekommen manche Menschen Panikattacken. Kaum jemand weiß, dass Tauben viel mehr können, als Pommes vom Asphalt zu picken und auf Autodächer zu scheißen. Tauben sind sogar ziemlich schlau: Sie können sowohl einfache Rechenregeln lernen als auch Wörter voneinander unterscheiden. Noch besser funktioniert ihr Bildgedächtnis: Bis zu 1800 unterschiedliche Motive können sie sich einprägen. In einem Versuch lernten Tauben nach kurzer Zeit, den Stil Van Goghs von einem Picasso zu unterscheiden. In einem anderen Experiment wurden sie erfolgreich trainiert, Brustkrebs in Aufnahmen von Gewebeschnitten zu erkennen.

„Die Schläge sind das einzige tierschutzkon­forme Konzept“

„Wenn Sie einen Taubenschwarm füttern, können Sie im Bikini oder im Regenmantel kommen, die Tauben erkennen Sie nach dem dritten Mal wieder“, sagt Susanne Gentzsch von „Gandolfs Taubenfreunde“. Die 64-Jährige kümmert sich seit 18 Jahren um Stadttauben. Tierschützer:innen wie sie wollen nicht nur den Ruf der Tauben durch Aufklärung verbessern, sie haben auch politische Ziele: Das seit 2003 in der Stadt geltende Taubenfütterungsverbot wollen sie abschaffen. Stattdessen sollen Taubenschläge errichtet werden, idealerweise vier pro Bezirk. Solche Schläge, bekannt als Augsburger Modell, sind gewissermaßen Luxushotels für die Vögel: mit eigenem Brutplatz, gesundem Essen, frischem Wasser und medizinischer Versorgung. Damit gewinnen beide Seiten, meinen die Tierschützer:innen: Taube glücklich, Mensch auch. Andrea Scholl ist überzeugt: „Die Schläge sind das einzige tierschutzkonforme Konzept, das funktioniert.“

Denn wenn die Tauben artgerechtes Futter bekommen, müssten sie nicht mehr in Fußgängerzonen und Bahnhöfen nach Essensresten suchen. „Sie scheiden dann auch nicht mehr den typischen Hungerkot aus“, sagt Denstone Rejinolds, der in einem neuen Taubenschlag in Bahrenfeld regelmäßig nach dem Rechten sieht: auf 450-Euro-Basis, bezahlt vom Verein „Hamburger Tierhelfer“. Der sogenannte Hungerkot ist typisch für kranke, unterernährte Tauben, erklärt Rejinolds. Dass die Hinterlassenschaften der Vögel Gebäude zum Einsturz bringen könnten, sei aber „maßlos übertrieben“, ergänzt Susanne Gentzsch. Ein Gutachten der Universität Darmstadt habe an Granit, Nadelholz und Ziegel keine schädlichen Auswirkungen der Ausscheidungen festgestellt. Nur Stahlblech wies leichte Rostschäden auf nach sieben Monaten Einwirkung. „Wir haben 2019 auch eine Klage gegen ein großes Schädlingsbekämpfungsunternehmen gewonnen“, berichtet Tierschützerin Andrea Scholl. „Seitdem dürfen sie nicht mehr behaupten, Tauben seien Keimschleudern und Krank­­heits­­­überträger.“

Geschätzt leben 10.000 bis 25.000 Stadttauben in Hamburg. Derzeit gibt es für sie nur eine Handvoll betreuter Taubenschläge. Vier pro Bezirk fordern Tierschützer:innen. Dort könnten die Vögel kontrolliert brüten, artgerecht gefüttert und medizinisch versorgt werden. 2021 haben Tierschützer:innen rund 8500 verletzte oder erkrankte Tauben gerettet. Im Tierheim Süderstraße wurden 1700 Stadttauben abgegeben. Während gesunde Tauben bis zu 15 Jahre alt werden können, sterben Stadttauben im Schnitt mit nur zwei Jahren.

Zur Abschreckung der Stadttauben erlaubt sind Spikes, Netze, Stromstöße und Laserstrahlen. Die Folge: viele verletzte und verendete Tiere. „Das wäre nicht so, wenn wir Taubenschläge hätten“, sagt Susanne Gentzsch. „Wir brauchen die Schläge auch deshalb, um die Population im Rahmen zu halten.“

Denn auch die Tierschützer:innen wollen die Zahl der Stadttauben eingrenzen. Die Lösung lautet: Geburtenkon­trolle. Dafür genügt es, regelmäßig die echten Taubeneier durch Attrappen auszutauschen. „Im vergangenen Jahr haben wir allein im Schlag am Hauptbahnhof 750 Eier getauscht“, rechnet Andrea Scholl vor. „Stellen Sie sich mal vor, dass diese nicht geschlüpften Tiere und deren Nachkommen hier noch he­rumfliegen würden.“

Mittlerweile unterstützen auch einige Politiker:innen die Idee. Einzelne Bezirke, etwa Bergedorf und Harburg, wollen Taubenschläge einrichten. Zu Irritation bei den Tierschützer:innen führte im Januar allerdings ein Antrag der SPD Altona. Die forderte, „die Taubenplage in der Großen Bergstraße einzudämmen“. Ihr Vorschlag: Mehr Verbotsschilder, die das Tauben­fütterungsverbot anzeigen, und eine Geldbuße bei Verstößen – bis zu 5000 Euro. Der Antrag wurde abgelehnt. Nun diskutiert man auch in Altona über Taubenschläge. Stephan Jersch, tierschutzpolitischer Sprecher der Linksfraktion, ist allerdings genervt: „Jeder Bezirk macht seinen eigenen Versuch, das Problem vor Ort zu regeln“, sagt er.

Zuletzt wurde im Juni ein Antrag der Linken in der Bürgerschaft abgelehnt, der eine Ausnahme vom Taubenfütterungsverbot zum Ziel hatte. Derzeit dürfen nämlich auch die Tierschützer:innen offiziell nicht füttern, selbst wenn sie verletzte und kranke Vögel anlocken wollen. „Das Fütterungsverbot bringt gar nichts. Die Tiere sind nach wie vor in Hülle und Fülle vorhanden. Da muss man umdenken, die Lösung ist ja da“, sagt Andrea Scholl. Sie wüsste auch geeignete Standorte für die Taubenschläge: städtische Gebäude wie Polizeista­tionen oder das Parkhaus am Bahnhof Altona zum Beispiel. Bei Lisa Maria Otte, tierschutzpolitischer Sprecherin der Grünen, trifft sie damit grundsätzlich auf offene Ohren: „Ich finde den Ansatz gut, auch die Stadt bei der Standortsuche in die Pflicht zu nehmen“, sagt sie. Das sei bei mehr als 400 öffentlichen Unternehmen in der Stadt allerdings nicht so einfach zu organisieren.

Berliner Gutachten: Stadttauben sind die genetischen Nachfahren von gezüchteten Brief- und Ziertauben und somit Haustiere. Das geht aus einem Gutachten der Berliner Landestierschutzbeauftragten (2021) hervor. Die Schlussfolgerung: Die Kommunen sind in der Fürsorgepflicht für die Stadttauben, da sie gewisser­maßen deren Halter:innen sind. Tauben­fütterungsverbote verstoßen demnach gegen das Tierschutzgesetz und sind rechtswidrig. Eine rechtliche Bindung hat das Gutachten jedoch nicht.

Am Ende gehe es natürlich auch um Geld, sagt Otte. Das wissen auch die Tierschützer:innen. Sie fordern den Senat auf, den Bau und Unterhalt von Taubenschlägen zu finanzieren. In Norderstedt funktioniert das bereits. Seit Anfang des Jahres steht dort ein Taubenschlag für 138 Tiere, bezahlt und unterhalten von der Stadt. Die Kosten für den Bau eines Schlags bewegen sich zwischen 10.000 und 25.000 Euro. Das Problem sind die laufenden Kosten. Die Tierschützer:innen beziffern diese mit rund 12.000 Euro pro Jahr, zudem müsste das Geld langfristig zur Verfügung stehen.

Die Lage sei angesichts des durch Pandemie und Krieg angespannten Haushalts schwierig, sagt die Grüne Lisa Maria Otte: „Da gibt es noch keine Einigung.“ Ihr Ziel: ein Gesamtkonzept für Hamburgs Stadttauben. „Ich hoffe, dass ich in dieser Legislaturperiode dazu noch Dinge verkünden kann“, so Otte. München und Berlin haben schon ein Taubenmanagement. Bis Hamburg so weit ist, wird Andrea Scholl weiter tote Tauben aufsammeln.

Artikel aus der Ausgabe:

So schaffen wir die Obdachlosigkeit ab

Wie Finnland erfolgreich auf Housing First setzt und welchen Aktionsplan gegen Obdach- und Wohnungslosigkeit sich Bundesbauministerin Klara Geywitz für Deutschland vorstellt. Außerdem: 30 Jahre Rostock Lichtenhagen – Rückblick auf das Unfassbare.

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Autor:in
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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