Abschied vom Urgestein : „Sigi ist die Seele von Hinz&Kunzt“

Hinz&Kunzt-Urgestein Sigi Pachan. Foto: Mauricio Bustamante

Hinz&Kunzt ohne Vertriebsmitarbeiter Sigi? Eigentlich nicht vorstellbar! Doch unser Urgestein geht im Juni in Rente. Ein Rückblick mit Wehmut.

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„Na, Amigo mio!“ So begrüßt Sigi Pachan gerne und laut die Verkäufer:innen im Vertriebsraum von Hinz&Kunzt. Seine Stimme übertönt sogar die ratternde Kleingeldzählmaschine. Sowieso kommt niemand an Sigis Platz vorbei: direkt hinter dem Tresen am Eingang. Kernige Sprüche sind so typisch für ihn wie die Lederweste mit Fransen. Ohne die ist Sigi gar nicht vorstellbar. Deshalb auch sein Spitzname „Vertriebsindianer“.

Seit April 1994 gehört er zu Hinz&Kunzt. Sigi erinnert sich genau an den Tag, als er seinen Arbeitsvertrag unterschrieb. Damals lebte er noch auf der Straße. „Ich habe hier und dort Platte gemacht, im Müllcontainer ­gepennt und auch mit einer Gruppe in einem Zelt in Finkenwerder.“

Ursprünglich kommt Sigi aus dem Schwarzwald. „Ich bin im Heim aufgewachsen, wurde dort gequält und geschlagen“, sagt er knapp. „Mit 15 bin ich abgehauen.“ Er absolviert zwar eine Lehre als Radio- und Fernsehtechniker, arbeitet aber nie richtig in dem Beruf. „Ich habe zwischen Tür und Angel ­gelebt, Dinge angefangen und immer wieder hingeschmissen.“ Er schläft bei Kumpels, trinkt. „Anfangs aber noch moderat.“

Eine Frau, zwei Kinder – und jede Menge Alkohol

Zugleich trägt er Sehnsucht nach Beständigkeit in sich. Sigi verliebt sich und heiratet. Seine Frau und er bekommen zwei Kinder. „Ich erinnere mich noch, wie ich meinen Kleinen das erste Mal in der Hand hielt.“ Aber die Sucht und seine Unbeständigkeit sind schlecht fürs Familienleben; gut verdientes Geld ist schnell wieder weg. „Sparen war nie mein Ding: Geld ist zum Ausgeben da“, sagt Sigi. Doch das größte Problem: „Ich war Alkoholiker, habe meiner Frau das Blaue vom ­Himmel erzählt.“ Ohne Bitterkeit sagt er: „Wir könnten sicher heute noch ­zusammen sein, wenn ich nicht so viel getrunken hätte.“

Aber damals konnte er nicht anders. Nach zehn Jahren reicht seine Frau die Scheidung ein. „Sie hat sich bemüht, ich habe mir alles verbaut.“ Sigi macht sich auf Richtung Hamburg: „Ich wollte 1000 Kilometer zwischen uns legen. ­Solange ich am Saufen war, hatten Ehe und Familie keinen Sinn.“ Vor zwei ­Jahren gab es erstmals wieder Kontakt zwischen Sigi und seinen Kindern. Sogar ein Wiedersehen war geplant. „Leider kam dann Corona dazwischen.“

In Hamburg wird alles zunächst noch schlimmer. Sigi trinkt mehr Alkohol, landet auf der Straße. Sieben Jahre schläft er draußen. „Das Schlimmste war eine Nacht bei minus 23 Grad. Und ich lag auch noch am Wasser“, erinnert er sich. 1993, nach der Gründung von Hinz&Kunzt, erzählen ihm Kumpels vom Straßenmagazin. Sigi bekommt ­einen Verkäuferausweis. „Den habe ich noch heute.“ Er mag das Verkaufen und die Gespräche mit den Kund:innen. Schon nach wenigen Monaten bekommt er eine feste Anstellung im Vertrieb. Sigi hört auf zu trinken, entgiftet und macht eine Therapie. „Ich wollte es unbedingt, und ich bin ein Sturkopf.“ Es gibt Rückfälle, aber das ist die Regel bei einer schweren Suchterkrankung. Sigi bekommt eine Wohnung und wird bald zu einer Vertrauens- und Respekts­person im Vertrieb – bis heute.

„Ich mache vor ­niemandem einen Bückling.“

Seine raue, aber herzliche Art mögen einfach alle. Die Verkäufer:innen, weil sie wissen, dass er mal einer von ­ihnen war. Die Kolleg:innen, „weil man mit Problemen immer zu ihm kommen kann“, wie Marcel sagt. Silvia ergänzt schlicht: „Sigi ist die Seele von Hinz&Kunzt.“ Nur wenn ihm etwas nicht gefällt oder jemand sich nicht ­korrekt verhält, ist schnell Schluss mit der Freundlichkeit. „Ich mache vor ­niemandem einen Bückling“, sagt Sigi.

Alkoholrückfälle und zwischendurch Geldsorgen sind nun auch schon länger her. Sigi hat eine Schulden­beratung beim Diakonischen Werk und eine Privatinsolvenz hinter sich. Er ist ­zufrieden: „Ich bereue keine einzige ­Sekunde. Ich habe mein Leben genossen und mir alles selbst beigebracht.“ Einsam fühlt er sich indes schon manchmal: „Richtig viele Freunde habe ich nicht.“ Auch gesundheitliche Probleme zeigen sich. „Altersgerecht: Die Beine schmerzen, die Pumpe ist im Arsch“, meint der 65-Jährige trocken.

Insofern ist es gut, dass nun Schluss ist mit der Arbeit. Aber nach dem geplanten Urlaub wird Sigi Hinz&Künzt­ler:innen am Verkaufsplatz besuchen und sie wie immer herzlich mit „Na, Amigo mio“ begrüßen.

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Autor:in
Sybille Arendt
Sybille Arendt
Sybille Arendt ist seit 1999 dabei - in der Öffentlichkeitsarbeit und der Redaktion.

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