Armut – Schüler fragen nach : Selbst schuld oder was?

Das Buchdesign hat die Grafikerin Katharina J. Haines übernommen, mit der Jutta Bauer verwandt ist. „Wir kommen aus einem Nest, wir kennen uns gut, das war sehr hilfreich“, sagt Jutta Bauer. Illustration: Katharina J. Haines

Öffentlich über Armut und Reichtum zu sprechen, ist zunächst eines: heikel. Und ein bisschen peinlich. Für ein Buchprojekt hat Jutta Bauer Schüler gebeten, trotzdem unangenehme Fragen zu stellen – an Politiker, Promis, Wissenschaftler oder Hinz&Künztler.

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Warum gibt es Armut? Wie wird man reich? Dürfen Arme klauen und sind sie selbst schuld an ihrer Lage? Lange trug sich die Illustratorin Jutta Bauer mit der Idee, mal ein schönes Frage-Antwort- Buch zum Thema Armut mit Jugendlichen für Jugendliche zu machen.

Die Idee dazu kam ihr schon 2008. Damals plante sie mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie das Hinz&Kunzt-Kinderbuch „Ein mittelschönes Leben“. Es erklärt, warum es Menschen gibt, die mitten unter uns auf der Straße leben.

Nun wurde die Idee wieder wach: Jutta Bauer fand am Goethe-Gymnasium in Lurup Schüler, die sich Dutzende von Fragen ausdachten – schnörkellos und direkt. Schwieriger war es, unterschiedliche Antwortgeber aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu finden.

Erst nach und nach trauten sich einige der Angeschriebenen aus der Deckung: Prominente wie der Musiker Samy Deluxe, Sozialsenatorin Melanie Leonhard oder die Politikerinnen Ulla Jelpke von der Linken und Katja Suding von der FDP schrieben den Schülern zurück. Ein Bischof antwortete, ein Armutsforscher, ein Wirtschaftswissenschaftler, eine Islamwissenschaftlerin. Und jemand, der sich mit dem Buddhismus bestens auskennt: wo es die Auffassung gibt, dass man arm wird, wenn man in seinem früheren Leben etwas falsch gemacht hat.

Ein gutes Team: Grafikerin Katharina J. Haines (links) und Illustratorin Jutta Bauer (rechts) mit Hinz&Künztlerin Elzbièta, die für das Buch auf viele Fragen der Schüler geantwortet hat. Foto: Lena Maja Wöhler

„Wir hätten so gerne Antworten von richtig Reichen gehabt, auch von doofen Reichen; die sagen: ,Hauptsache, mir geht es gut. Und ich hätte gerne noch einen vierten Porsche!‘“, sagt Jutta Bauer. Besonders Auskünfte von Fußballprofis aus der Bundesliga hätten die Schüler sehr interessiert. Aber – nichts zu machen. Nur Absagen. „Vor allem Leute, die viel Geld haben, möchten nicht darüber reden“, ergänzt sie.

Immerhin ist es gelungen, Basketballstar Dirk Nowitzki als Antwortgeber zu gewinnen. Der in schöner Offenheit bekennt, er würde sich immer wieder wundern, dass man fürs Körbewerfen so viel Geld bekommt. Der aber auch viel von seinem Geld gleich wieder abgibt: für seine beiden Stiftungen, die er gegründet hat.

So wie auch der Unternehmer Michael Horbach vom Erlös seiner verkauften Firma etwa Brunnen in Afghanistan bauen lässt. Die Reichen, die im Buch Auskunft geben, „sind alles die guten Reichen, die wohltätig sind“, lacht Jutta Bauer.

Das Buch präsentiert aber nicht nur in leicht verständlicher Form verschiedene Meinungen, wie Armut entsteht und wie man sie abschaffen könnte. Vor allem im ersten Teil merkt man vielen Antworten an, dass man Bedenken hatte, etwas Falsches zu sagen! Öffentlich über Armut und Reichtum zu sprechen, ist zunächst eines: heikel. Und auch ein bisschen unangenehm.

Schüler stellen Fragen. Und Politiker, Promis oder auch Hinz&Künztler antworten. Illustration: Katharina J. Haines

Im zweiten Teil wird es entschieden rauer. Jetzt kommen Hinz&Künztler zu Wort, Besucher des Cafée mit Herz oder die Straßenkinder, die beim Träger „Kids“ eine Anlaufstation gefunden haben. „Verkrachtes Elternhaus, Heim, Knast. Typische Karriere“, benennt etwa Hinz&Künztler Michael seinen bisherigen Lebensweg. Hinz&Künztlerin Sonny erzählt: „Ich habe früher einmal sehr viel geerbt. Eine halbe Million. Alles versoffen.“ Im Gegenzug haben sie genauso klare Wünsche, sollten sie zu Geld kommen: eine Badewanne, ein kleines Häuschen. Oder 30 Katzen oder abhauen nach Thailand ins Warme. „Manchmal haben wir kurz überlegt, ob wir die Antworten so abdrucken, wie sie kamen“, gibt Jutta Bauer zu. Wie bei der Antwort des einstigen Straßen kindes Hassan, der bekennt, er würde sein Gangsterleben vermissen: „Scheiße bauen, dealen, Leute erpressen.“ Das sei doch das spannendere Leben, auch wenn er damit abgeschlossen habe.

Und wie so ein Buch bebildern? „Es wird schnell langweilig, wenn man einen Armen zeichnet, dann vielleicht einen Armen, der friert, dann einen dicken Reichen – wobei, so dick sind unsere Reichen ja gar nicht“, sagt sie. Also hat sie es bei wenigen Menschenabbildungen belassen, lässt lieber Tiere durch die Seiten wieseln. „Wenn man statt eines Menschen einen Hund zeichnet, dann kann man auch mal albern sein.“

Jutta Bauer (Hrsg.): „Armut – Schüler fragen nach“, Carlsen Verlag, 160 Seiten, 14,99 Euro.

Buchpremiere: Montag, 13.11., 18 Uhr; Goldbekhaus, Moorfurthweg 9. Mit dabei: Jutta Bauer, Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer (Hinz&Kunzt), Stifter Michael Horbach, Pastor Helmer- Christoph Lehmann, Hinz&Künztler, Schüler des Goethe-Gymnasiums und die Band „Rock die Straße“, Eintritt frei

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