Seefahrergewerkschaft kämpft : Schuften ohne Heuer?

Was tun, wenn die Reederei die Heuer nicht zahlt? Gewerkschafter Ulf Christiansen kämpft seit 25 Jahren im Hamburger Hafen für die Rechte von Seeleuten aus aller Welt – meist mit Erfolg.

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Wer verstehen will, warum Ulf Christiansen Erfolg hat, lauscht seinen Telefonaten. Seit 25 Jahren kämpft der Gewerkschafter dafür, dass Seeleute anständig bezahlt und behandelt werden. Lange ist der 61-Jährige mit Kapitänspatent selbst über die Weltmeere gefahren, zuletzt als Erster Nautischer Offizier. Er kennt die oft rauen Sitten des Gewerbes. An diesem Juli-Vormittag beißt sich der Agent der „Xing Zhi Hai“ die Zähne an ihm aus. Der Frachter liegt am Kalikai fest – Auslaufverbot. Anlass dafür ist ein Hilferuf, der die Seeleute-Gewerkschaft ITF über ihre internationale Hotline erreicht hat. Die Besatzung der „Xing Zhi Hai“ warte seit fünf Monaten vergeblich auf Lohn. Noch am selben Tag ist Ulf Christiansen aufs Schiff geeilt und hat in vielen Gesprächen festgestellt: Die chinesische Reederei hat ihren Leuten tat- sächlich nichts bezahlt – nicht einmal dem Kapitän.

Sofort hat der Gewerkschafter Polizei, Hafenamt und Berufsgenossenschaft informiert und dafür gesorgt, dass der Frachter Hamburg nicht verlassen kann; laut eines inter- nationalen Abkommens können Behörden ein Auslaufverbot verhängen, wenn die Heuer nicht bezahlt wurde. Job des Agenten ist es, das Schiff möglichst schnell wieder aufs Meer zu bringen – jeder Tag im Hafen kostet die Reederei, die ihn beauftragt hat, viel Geld. Doch Christiansen sagt dem Anrufer mit sehr ruhiger Stimme: „Ich habe mit der Reederei vereinbart, dass die Heuer in meinem Beisein ausbezahlt wird. Und vorher tut sich gar nichts. Damit das klar ist.“

Es geht um rund 278.000 US-Dollar (249.000 Euro), die der gut 20 Mann starken Crew zustehen. Und um einen Arbeitgeber, der offenbar mit üblen Methoden arbeitet: Nach- dem Christiansen die Reederei angemailt hat, hat diese ihm zwar Überweisungsbelege geschickt. Und tatsächlich haben die Seeleute auf einmal auch Geld bekommen. Aber nicht die Summe, die angeblich überwiesen wurde und die ihnen laut des ITF-Tarifvertrags zusteht, der für dieses Schiff gilt. Sondern gut 70.000 US-Dollar (63.000 Euro) weniger. „Gefälschte Banküberweisungen, doppelte Buchführung. Tricky“, sagt Christiansen.

Gute Nachrichten überbringt der Gewerkschafter persönlich

Nachdem der Gewerkschafter den Schwindel in mühevoller Rechenarbeit aufgedeckt hat, hat die Reederei nun offenbar eingesehen, dass sie vollständig zahlen muss. Der Agent soll am nächsten Tag mit einem Geldkoffer zum Schiff kommen, so die Vereinbarung. Diese gute Nachricht will Christiansen der Besatzung heute persönlich überbringen. Und den Seeleuten erklären, warum es so wichtig ist, dass sie die Heuer noch vor der Abfahrt an ihre Familien überweisen. „Meine Befürchtung ist, dass der Kapitän das Geld wieder einsammelt, sobald das Schiff den Hafen verlassen hat.“

Kommunikation ist das Wichtigste für Ulf Christiansen. Der 61-Jährige GEWERKSCHAFTER weiß, wovon er redet: Er ist lange selbst zur See gefahren.
Kommunikation ist das Wichtigste für Ulf Christiansen. Der 61-Jährige Gewerkschafter weiß, wovon er redet: Er ist lange selbst zur See gefahren. Foto: Mauricio Bustamante

Doch bevor der Gewerkschafter mit seinem Dienst-VW das Problemschiff ansteuert, steht ein Routinebesuch an. Im Hansaport liegt die „Gertrude Oldendorff“, ein neuer Frachter einer deutschen Reederei, den noch keiner der weltweit 135 ITF-Inspektoren besucht hat. Das Schiff fährt unter portugiesischer Flagge: eine beliebte Methode von Reedern, sich den hohen deutschen Lohn- und Sozialstandards zu entziehen. Als Christiansen an Bord geht und sich vorstellt, wird deutlich, warum der Titel „Inspektor“ durchaus passt.

Ein Matrose begrüßt ihn mit sichtbarem Respekt. „Alles in Ordnung?“, fragt Christiansen den Philippiner auf Englisch. Der antwortet: „Ja, deutscher Arbeitgeber ist gut!“ Dann spricht er in sein Handfunkgerät. Wenige Augenblicke später sitzen sich Gewerkschafter und Kapitän gegenüber und tauschen höflich Floskeln aus. Christiansen weiß: Anders als viele Kollegen in anderen Branchen hat er wirkungsvolle Hebel in der Hand, um seine Anliegen durchzusetzen – zur Not streiken auch mal die Hafenarbeiter und sorgen so dafür, dass ein Schiff nicht wegkommt, wenn eine Reederei sich hartnäckig Tarifverträgen verweigert.

„Manche Reederei braucht eben einen kleinen Schubser“

Christiansen weiß aber auch: Zu einem erfolgreichen Besuch gehört ein gutes Gesprächsklima. Aus welchen Ländern stammen die Seeleute an Bord? Wie viel Kohle wird der Frachter laden? Wohin soll die Reise als nächstes gehen? Bereitwillig gibt der Kapitän, ein junger Türke, Auskunft. Dann stellt der Inspektor die entscheidende Frage: „Kapitän, gibt es für dieses Schiff irgendeine Vereinbarung mit der ITF?“ Der Kapitän bejaht. Ob er bitte ein Papier dazu vorlegen könne? Der Kapitän macht sich auf die Suche. Er ist erst seit zwei Wochen auf diesem Frachter, sagt er entschuldigend.

Derweil lässt sich der Inspektor von einem Offizier die Küche zeigen. Dadang Sumpena ist Indonesier, seine Gerichte aber sind international, erzählt der Schiffskoch. Mit seinem Arbeitgeber ist er zufrieden: „Die Firma ist gut!“ Drei Monate habe er vergangenen Winter Urlaub machen dürfen, nachdem er acht Monate auf den Meeren unterwegs war.  Der Seemann kennt schlechtere Arbeitsbedingungen. Zehn Jahre hat er für eine Reederei aus Singapur gearbeitet. „Da haben wir oft nicht freibekommen, um unsere Familien zu besuchen.“

Kurz darauf sitzt Ulf Christiansen in der Kapitänskajüte und fachsimpelt mit dem Gastgeber über Fußball. Schließlich muss der Kapitän einräumen, in seinem Computer keinen Tarifvertrag gefunden zu haben. Hat er etwas übersehen? Oder muss die Gewerkschaft für dieses Schiff die Löhne noch aushandeln? Der Inspektor wird bei der Reederei nachfragen. Nur wenige Tage später wird sie einen Tarifvertrag für die Besatzung der „Gertrude Oldendorff“ unterzeichnen. „Manche Reedereien kommen von alleine“, sagt Ulf Christiansen. „Andere brauchen einen kleinen Schubser.“

Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) wird von Reedereien finanziert. Schließt eine Reederei einen Tarifvertrag für ein Schiff ab, muss sie pro Seemann und Jahr 84 bis 90 Dollar (74 bis 80 Euro) als Mitgliedsbeitrag an die Seefahrer-Gewerkschaft überweisen. Weltweit fahren gut 11.100 Schiffe mit Tarifbindung über die Weltmeere, laut ITF profitieren davon knapp 260.000 Seeleute. Mehr Infos unter www.itfseafarers.org.

Eine Stunde später betritt der Inspektor den „Duckdalben“. Seeleute aus aller Herren Länder kaufen hier ein, sehen fern, surfen im Internet, telefonieren oder spielen. Christiansen hofft, einige Männer von der „Xing Zhi Hai“ zu treffen, um ungestört mit ihnen reden zu können. Und tatsächlich: Kaum hat er den Seemannsclub betreten, kommt ihm einer der Chinesen entgegen. Der Gewerkschafter versucht ihm zu erklären, was er erreicht hat. Der Mann lächelt freundlich, doch versteht er offenbar wenig. „My English…“, sagt er entschuldigend.

Da hat der Inspektor eine Idee: Er zieht sein Mobiltelefon aus der Tasche und ruft eine ITF- Kollegin in der Londoner Zentrale an, von der er weiß, dass sie Mandarin spricht. Kurz setzt er sie ins Bild, dann über- reicht er dem Chinesen das Telefon. Wenige Minuten später weiß der Mann Bescheid. Und kurz darauf auch die fünf Arbeitskollegen, die nebenan Billard gespielt oder E-Mails geschrieben haben. „Gute Idee!“, ruft einer der Seeleute.

Ulf Christiansen im Gespräch mit Seeleuten.
Ulf Christiansen im Gespräch mit zwei Seeleuten. Foto: Mauricio Bustamante

Inzwischen ist es später Nachmittag. Der Kapitän der „Xing Zhi Hai“ hat auf Bitte Christiansens den Teil der Mannschaft zusammengerufen, der heute an Bord geblieben ist. Ein Dutzend junge Männer sitzen in der Messe, als der Inspektor das Wort ergreift. „Der Kapitän wird das Geld morgen an euch auszahlen, und ich werde als Zeuge dabei sein“, sagt er auf Englisch. „Dann werden Busse kommen, und ihr habt die Möglichkeit, das Geld im Seemannsclub nach Hause zu überweisen.“ Die Männer murmeln. „Versteht ihr mich?“ Keiner antwortet. Christiansen bittet den Kapitän, seine Worte zu übersetzen. Dessen Fassung hört sich kürzer an. Der Inspektor wiederholt nochmals seine Botschaft. „Wir sehen uns morgen!“, sagt er zum Abschluss. „See you tomorrow!“, antworten die Seemänner. Christiansen hebt die Hand zum Gruß und verlässt den Raum.

Sekunden später schallen Rufe und Gelächter aus der Messe. Der Inspektor dreht sich um und geht zurück. Fragt den Kapitän, was das zu bedeuten hat. Der erklärt: „Einer meiner Männer hat eben gesagt, dass er nicht wisse, ob er z erst seinen Eltern oder seiner Frau Geld überweisen soll.“ Ulf Christiansen lächelt. Die Mühe hat sich gelohnt.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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