Lebensmittel : Retten, was geht

Containern bleibt illegal – wir haben Hamburger wie Christine Maciejewski gefragt, wie sie trotzdem Lebensmittel retten. Foto: Lena Maja Wöhler

Das Retten von Lebensmitteln aus Supermärkten sollte erlaubt sein, forderte Justizsenator Till Steffen (Grüne). Leider vergeblich. Doch Projekte gegen Lebensmittelverschwendung gibt es viele – bald auch von Hinz&Kunzt?

Dass Menschen, die containern, wegen Diebstahl vor den Kadi kommen können, geht gar nicht! Das finden wir alle bei Hinz&Kunzt. Jeder von uns kennt Menschen, die aus Not oder Überzeugung genießbare Lebensmittel aus dem Müll retten. Deswegen waren wir begeistert, als aus dem Senat der Vorstoß kam, das Containern nicht mehr unter Strafe zu stellen.

Zu früh gefreut: Justizsenator Till Steffen (Grüne) wurde von seinen Kollegen auf der Justizministerkonferenz abgeschmettert. Ein großer Rückschlag für Lebensmittelretter in ganz Deutschland – oder?

Foodsharing will Wegwerfstopp

Wir fragen zwei, die es wissen müssen. Christine Maciejewski und Anke Buchwalder sind Foodsharing-Botschafterinnen für Hamburg. Christine begrüßt uns am „Fair-Teiler“ im Goldbekhaus. Dort betreuen sie und andere von der Initiative Foodsharing sowie vom Goldbekhaus zwei Kühl- und drei Metallschränke, aus denen Lebensmittel verteilt werden können.

In ganz Hamburg gibt es 15 solche Fair-Teiler. Zig Menschen bringen vor dem Müll gerettete Lebens­mittel dorthin und sorgen dafür, dass die Fair-Teiler sauber sind und das Essen darin nicht schlecht wird. Bedienen kann sich aus den Schränken jeder, der Verzehr erfolgt auf eigene Verantwortung. 225 Betriebe kooperieren in Hamburg mit Foodsharing, erzählt uns Anke am Fair-Teiler am Alsterdorfer Markt, gut 1200 Tonnen Lebensmittel haben die Aktivisten seit 2014 nach eigenen Angaben gerettet.

Die beiden Botschafterinnen finden das Containern völlig okay und ein Verbot unverständlich. „Aber auch wenn es erlaubt wäre, würden vermutlich nicht mehr Menschen containern“, meint Christine. „Die, die es jetzt schon tun, lassen sich offensichtlich auch von einem Verbot nicht abschrecken.“ Und Normalbürger würden sich auch nicht trauen, an eine Mülltonne zu gehen, wenn es erlaubt wäre, glaubt sie: „Es kostet eben doch Überwindung.“

„Lebensmittel wegzuwerfen kann nicht richtig sein.“– Anke Buchwalder, Foodsharing-Botschafterin

Problematisch finden die beiden eher, dass es überhaupt erlaubt ist, Essen in die Tonne zu kloppen. „Lebensmittel wegzuwerfen kann nicht richtig sein“, ist Anke überzeugt. „Man muss die Supermärkte mehr in die Pflicht nehmen“, fordert Christine deshalb. „Wir brauchen einen Wegwerfstopp wie in Frankreich.“

Dort dürfen Supermärkte, die größer sind als 400 Quadratmeter, genießbare Lebensmittel nicht mehr wegschmeißen, sondern müssen sie spenden. Zuwiderhandeln kann teuer werden: bis zu 3750 Euro. Damit hat Frankreich für Furore gesorgt. 2016 hatte die Nationalversammlung das Gesetz beschlossen. Einstimmig. Als erstes Land der Welt. Inzwischen haben einige Länder nachgezogen – Deutschland nicht! Dabei kann sich die Bilanz aus Frankreich sehen lassen: 2018 spendeten die Supermärkte fast 17 Prozent mehr Lebensmittel an die Tafeln als noch vor der Einführung des Gesetzes.

„Man muss die Supermärkte mehr in die Pflicht nehmen.“– Christine Maciejewski, Foodsharing-Botschafterin

Außer den Tafeln gibt es in Frankreich inzwischen sogar viele Start-ups, die selbst Lebensmittel bei den Supermärkten abholen und sie verteilen. Das rechnet sich in einem Land, in dem Supermärkte gesetzlich dazu verpflichtet sind, ihre unverkauften Lebensmittel weiterzugeben, und deshalb sowieso Geld in die Hand nehmen müssen. Mit dem Geld kann man dann Projekte im großen Stil starten.

Das gibt es in der Form in Deutschland noch nicht. Und solange es erlaubt ist, Lebensmittel zu verschwenden, sei es für die Supermärkte aufwendiger, sie zu spenden, glaubt Christine von Foodsharing. „Du brauchst dann dafür Mitarbeiter, die die Ware vorsortieren, lagern und kühlen“, sagt sie. „Da ist es billiger und einfacher: Tonne auf und rein.“

Ein Vorbild aus Bayern

Mut macht, dass es jetzt schon Supermärkte gibt, die von sich aus aktiv werden. Wir telefonieren mit Udo Klotz im bayerischen Fürstenfeldbruck. Er ist Geschäftsführer des Amper-Einkaufs-Zentrums (AEZ), das zehn Filialen rund um München betreibt. Schon vor zwei Jahren führte das AEZ Kühlschränke und Regale ein, in die Lebensmittel kommen, die noch am selben Tag das Mindesthaltbarkeitsdatum erreichen. Mittlerweile stehen die in allen Filialen, ergänzt durch eine Futterbox, in der Grünzeug für Haustiere landet.

„Meistens liegen die Lebensmittel keine 15 Minuten dort“, erzählt uns Geschäftsführer Klotz. Ihm war es besonders wichtig, dass niemand in einer dunklen Ecke wühlen und sich dafür schämen muss, Lebensmittel zu retten. Und auch hausintern hat sich etwas verändert: „Seit wir die Stationen eingeführt haben, brauchen wir nur noch 10 Mülltonnen statt 30“, sagt Klotz. „Das schlägt sich natürlich finanziell nieder.“ Logisch, dass andere Supermärkte sich nach dem Konzept erkundigt haben. „Von den Großen war jeder schon da“, berichtet der AEZ-Geschäftsführer. Passiert ist zu seiner Überraschung dann allerdings nichts: „Es erstaunt uns, dass die nicht schon längst auf das Konzept aufgesprungen sind.“

Bremer Kaufhaus zieht nach

Zumindest bei anderen Familienunternehmen scheint das Bewusstsein zu wachsen. Bremen, Kaufhaus Lestra. „Wir haben das Containern schon immer geduldet“, sagt Geschäftsführer Cornelius Strangemann. Angeregt von der Diskussion um Till Steffens Vorstoß hat auch er beschlossen, mit dem Thema offensiver umzugehen: Das Containern ist bei Lestra jetzt offiziell erlaubt.

Der Markt hat an den Tonnen Schilder mit Informationen aufgehängt: zum Beispiel, woran man genießbare Lebensmittel erkennt und was lieber in der Tonne bleiben sollte. In den Mülltonnen landen laut Strangemann wirklich nur kleine Mengen, da der Markt viele Kooperationen mit Kindergärten oder der Kirchengemeinde hat. Zusätzlich stellt Lestra nun auf einem Roll­wagen Waren bereit, die kostenlos mitgenommen werden können.

Der Lestra-Chef hat nicht den Eindruck, dass er mit dieser neuen Politik weniger Umsatz macht, weil sich die Menschen aus den Containern oder beim Rollwagen kostenlos bedienen können. Eins habe sich aber verändert: Augenscheinlich kämen jetzt mehr „verschämte Arme“, die sich nicht zur Tafel trauen und so an Lebensmittel kommen können. „Die Leute kommen nicht vorher aus dem Laden, sondern gehen gezielt zu den Mülltonnen“, sagt er. Früher seien es vor allem Aktivistinnen und Aktivisten gewesen. Den Ablauf im Laden hat die Aktion übrigens noch nie gestört. Einen „Mülltourismus“ hat er bisher jedenfalls nicht beobachtet.

Vistro: Mittagstisch, der rettet

Dass es viele kreative Wege gibt, wie Supermärkte nicht verkaufte Lebensmittel abgeben können, zeigt auch ein Hamburger Projekt, für das das vegane Restaurant Vistro mit dem Bramfelder Kulturladen zusammenarbeitet. Das Konzept: Von Dienstag bis Donnerstag gibt es im Vistro einen Mittagstisch, der fast ausschließlich aus geretteten Lebensmitteln gekocht wird. Die bringen die kooperierenden Supermärkte kostenlos vorbei.

Zwischen 5 und 20 Essen gibt das Vistro an einem Mittag aus. Kochen könnte man locker mehr, erzählt uns Inhaber Patrick Alpoim, während Brokkoli, Blumenkohl und Kartoffeln – alle gerettet – in der kleinen Küche zu einem Auflauf werden. „Meistens kriegen wir so viele Lebensmittel, dass wir gar nicht alles verkochen können. Was übrig bleibt, bringen wir in den Fair-Teiler.“ Der steht direkt neben der Eingangstür zum Vistro.

Das Beste am Mittagstisch: Er richtet sich ausdrücklich auch an Menschen, die sich sonst keinen Restaurantbesuch leisten können. Serviert wird nämlich gegen Spende – auch nichts zu geben ist völlig in Ordnung. „Es kommen regelmäßig Leute her, die nichts zahlen können und sich hier satt essen“, berichtet Alpoim.

Ein neues Hinz&Kunzt-Projekt?

Je mehr wir uns mit dem Thema befassen, desto mehr bekommen wir Lust, selbst ein Projekt zu starten. Immerhin haben wir jahrelange Erfahrung darin, soziale und ökologische Anliegen zusammenzubringen. Mit „Spende dein Pfand“ haben wir am Hamburger Flughafen vergangenes Jahr 600.000 Pfandflaschen gesammelt und 3,5 Stellen finanziert, und wir kooperieren mit der Bäckerei Junge bei den BrotRettern in Lohbrügge. Dort verkaufen fest angestellte Hinz&Künztler Brot vom Vortag zum kleinen Preis.

Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter und Leiter der Arbeitsprojekte, hat schon eine Idee, wie man aus dem Lebensmittelretten ein soziales Projekt machen könnte: Wie in Bremen und Bayern könnten Supermärkte noch genießbare Lebensmittel in öffentlichen Regalen oder Schränken vor der Filiale verschenken. Der Clou: „Langzeitarbeitslose könnten sich um die Schränke kümmern, sie reinigen und schauen, ob nicht doch etwas endgültig in die Tonne muss“, sagt Karrenbauer.

Die BrotRetter geben Backwaren eine zweite Chance – und Menschen eine Arbeit. Foto: Mauricio Bustamante

Ein LebensmittelRetter-Projekt – das fände auch unser Kooperationspartner, die Bäckerei Junge, spannend. „Das hilft auf mehreren Ebenen: Es gibt den Bedürftigen die Würde zurück, den Unterstützern die Möglichkeit, mit Lebensmitteln verantwortungsbewusst umzugehen, hilft dem anbietenden Unternehmen, der gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung gerecht zu werden, und gibt seinen Kunden das gute Gefühl, in einem nachhaltig agierenden Unternehmen einzukaufen“, sagt Junge-Sprecher Gerd Hofrichter. „Und wenn daraus ein Arbeitsprojekt würde, hätten einige ‚Kümmerer‘ einen neuen Arbeitsplatz, und es gäbe ein Gefühl von Zusammenhalt. Und was am allerwichtigsten ist – wir alle hinterfragen unser Konsumverhalten. Also eine richtige Win-win-win-win-Situation.“

Hofrichter kennt das Dilemma, in dem die Supermärkte stecken. „Wir standen jahrelang vor der Herausforderung, dass trotz eines verantwortungsvollen Umgangs und der Abgabe von Backwaren an die Tafeln immer noch zu viel Brot und Kuchen übrigblieb“, sagt er. Deshalb habe sich das Unternehmen „auf die Suche nach einem erfahrenen Partner mit hoher Sozialkompetenz begeben: Wir haben Hinz&Kunzt gefragt.“ Und Junge hat es nicht bereut. „Diese Kooperation ist die fruchtbarste seit Langem“, so Gerd Hofrichter. Er will den Supermärkten Mut machen: „Natürlich kostet so ein Projekt Geld. Aber wir können nur aus unserer Erfahrung sagen: Es ist jeden Cent wert.“

Kooperationspartner gesucht

Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Karrenbauer findet es besonders toll, dass sich bei den BrotRettern alle Kunden auf Augenhöhe begegnen. „Man sieht es einem ja nicht an, ob man kommt, weil man ein Schnäppchen machen will oder weil man es sich sonst nicht leisten kann.“ Das erhofft er sich auch von Foodsharing-Stationen in Supermärkten. Übrigens taten die BrotRetter dem Umsatz der anderen Junge-Filialen keinen Abbruch. Karrenbauer ist überzeugt, dass das auch bei seiner neuen Idee der Fall sein würde: „Die Leute werden ihr Kaufverhalten nicht sehr ändern. Wir sind darauf getrimmt, dass immer alles frisch sein muss“, sagt er. „Die Supermärkte sollten mutig sein, das auszuprobieren“ – und sich bei Hinz&Kunzt melden.

Kontakt: birgit.mueller@hinzundkunzt.de

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über die Autoren
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.
Theresa Horbach
Schreibt seit 2016 als freie Mitarbeiterin für Hinz&Kunzt - aus Überzeugung, dass konstruktiver Lokaljournalismus unsere Gesellschaft verändern kann.

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