Benefiz-Aktion : Postkarten-Edition für Hinz&Kunzt

Im Setzkasten herrscht Ordnung. Das lernt Hinz&Künztler Jan im Museum der Arbeit schnell. Foto: Mauricio Bustamante.

Ortsbesuch im Museum für Arbeit: In der Druckwerkstatt entsteht in aufwändiger Handarbeit eine Postkarten-Edition für Hinz&Kunzt – mit beweglichen Lettern. Hinz&Künztler Jan war beim Testlauf dabei.

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Blitzsauber ist es in der Druckwerkstatt. Das ist Pflicht. „Immer die Hände waschen, wenn man mit Blei arbeitet“, sagt Anne von Karstedt, sie ist die Chefin hier und muss es wissen. Früher tranken Setzer täglich einen halben Liter Milch, erzählt sie. Das Calcium sollte vor der gefürchteten Bleivergiftung schützen, die sich in heftigen Leibkrämpfen äußerte.

Hinz&Künztler Jan hört aufmerksam zu. Er macht heute einen Crashkurs, lernt mit beweglichen Lettern Text zu setzen. Astrid Froese und Meike Cattarius sind auch da. Froese ist Inhaberin von Artlit, einem kleinen Verlag für Schriftkunst. Cattarius leitet den Museumsshop der Kunsthalle.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Anne von Karstedt hatten sie eine Idee: eine Serie von hochwertigen Postkarten mit literarischen Zitaten zum Thema „Arbeit“ herstellen. Und sie Hinz&Kunzt zum 25. Geburtstag zu schenken. Heute ist Testlauf.

Hier kommt es auf Genauigkeit an

Setzen ist Fummelarbeit, das merken alle schnell. „Ich habe zwei linke Hände“, ächzt der 72-jährige Jan. Wo in den zig Fächern des hölzernen Setzkastens hat sich das „e“ versteckt? Ah, da! Jan bekommt die filigranen Lettern nur schwer zu fassen. „Hier, nimm die Pinzette!“, rät Uli Lau, einer von zwei Ehrenamtlichen, die die Laien heute unterstützen. Nun muss Jan das „e“ nur noch exakt in den Winkelhaken setzen.

„Setzer sind unglaublich pingelig.– Ehrenamtler Gerd Laufenberg

Leichter gesagt als getan: Alles muss spiegelverkehrt und auf dem Kopf gesetzt werden, nur so ergibt sich später ein korrektes Druckbild. „Ich glaube, Frauen können so was besser“, sagt Jan und stöhnt. Astrid Froese winkt ab. Sie müht sich gerade selbst mit ihrem Prototyp ab, doch ihr Ehrgeiz ist geweckt: „Das ist ein bisschen wie Memory spielen“, sagt sie.

„Setzer ist ein hochgradig anspruchsvoller Beruf“, bestätigt Anne von Karstedt. Man braucht Disziplin, Konzentrationsfähigkeit und Ordnungssinn, Letzteres vor allem: „Jemand, der schlampig ist, kann nicht setzen.“ Trotzdem passiert es auch Profis, dass sie die Arbeit eines Tages zum Beispiel durch einen Hustenanfall zunichte machten. „Eierkuchen“ nannten die Setzer das, wenn alles durcheinander flog.

Jan liest gern

„Setzer sind unglaublich pingelig“, sagt Gerd Laufenberg. Auch er hilft im Museum regelmäßig aus. Immer montags ist offene Werkstatt, aber auch viele Schulklassen nutzen das Angebot, selbst Hand anzulegen. Ursprünglich dauerte die Ausbildung zum Setzer drei Jahre. 1200 Buchstaben die Stunde musste man danach schon schaffen.

Postkarten-Edition

Die Postkarten aus handgeschöpftem Japankarton mit ausgewählten Zitaten zum Thema Arbeit kosten 1,50 Euro pro Stück. Erhältlich sind sie in den Museumsshops von Museum der Arbeit und Kunsthalle (mehr Verkaufsstellen folgen) oder unter www.artlit.de. Alle Erlöse gehen an Hinz&Kunzt.

Dafür wurde der anstrengende Job aber auch gut bezahlt. Und interessant sei er noch dazu gewesen, sagen sie. Weil man so viel zu Lesen bekam – oft auch vor allen anderen. Traurig, dass ihr Beruf in den späten 1980er-Jahren ausstarb und Computer ihre Arbeit übernahmen, sind beide trotzdem nicht. „Das hat die Arbeit enorm erleichtert“, sagt Laufenberg.

Apropos: Jan geht das Setzen nach einer Stunde nun deutlich leichter von der Hand. „Ich glaube, da gibt es einen Schalter im Gehirn“, sagt er. Sich hetzen will er trotzdem nicht, schließlich muss am Ende alles ordentlich aussehen. Während Jan Letter für Letter vorsichtig in den Winkelhaken setzt, erzählt er, wie gern er selbst liest: Umberto Eco zum Beispiel.

Und dass sein erster Nebenjob auch mit dem geschriebenen Wort zu tun hatte: „Ich habe Zeitungen ausgetragen. Vor der Schule, um vier Uhr morgens musste ich aufstehen und los, auch bei Regen.“ Das, was er hier heute macht, ist aber viel anstrengender, findet Jan.

„Setzen ist ein bisschen wie Memory spielen“– Astrid Froese

„Erste!“, tönt es plötzlich durch die Werkstatt. Meike Cattarius hat ihr Zitat fertig gesetzt und strahlt. Sie wird dafür sorgen, dass die fertigen Postkarten später in vielen Museumsshops in Hamburg zu kaufen sind. Zunächst muss sie sich aber noch triezen lassen: „Bei der kleinen Schrift kann ich mir vorstellen, dass es schnell geht“, sagt Ehrenamtler Uli Lau und lacht.

Setzer sind eben nicht nur pingelig, sie haben auch einen ganz speziellen Humor. An der Wand hängt ein DIN-A4-Blatt, auf dem in Abwandlung eines berühmten Songzitats von Bob Marley geschrieben steht: „I shot the Serif“.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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