Corona-Impfempfehlung : Obdachlose haben „moderate Priorität“

Kleiner Pieks, große Wirkung: Impfungen schützen vor Infektionen mit gefährlichen Viren. Foto: Actionpress

Die Ständige Impfkommission hat ihre Empfehlung zur Corona-Impfung für Obdachlose konkretisiert. Sie gehören zur dritten Gruppe in der Impfreihenfolge – wenn sie in Notunterkünften leben.

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Obdachlose sollen nach Ansicht der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Robert Koch Institut Vorrang bei der Impfung gegen das Coronavirus haben, wenn sie in Notunterkünften leben. In ihrem Beschlussentwurf für die Impfempfehlung aus dieser Woche weist die Kommission „Personen in Obdachlosenunterkünften“ eine „moderate Priorität“ zu. Damit gehören sie neben Menschen im Alter von 70 bis 75 Jahren, Vorerkrankten mit erhöhtem Risiko und Bewohner*innen von Flüchtlingsunterkünften zur dritten Gruppe in der empfohlenen Impfreihenfolge. Höhere Priorität haben zum Beispiel Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen von Altenpflegeheimen und Notaufnahmen oder Demenzkranke. In der vierten Gruppe folgen Lehrer*innen und „Personen mit prekären Arbeits- und/oder Lebensbedingungen“, also zum Beispiel Saisonarbeiter*innen.

Zur Begründung schreibt die Stiko, Obdachlosigkeit sei „mit einem schlechteren Gesundheitszustand und einem erhöhten Risiko für Infektionen assoziiert“ – wegen der „gesundheitsschädlichen Lebensbedingungen auf der Straße“ als auch dem häufig eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Außerdem nennt die Kommission das ihrer Ansicht nach hohe Ausbruchspotential in Not- und Gemeinschaftsunterkünften und verweist auf zahlreiche Berichte über Ausbrüche in US-amerikanischen Unterkünften, „bei denen sowohl BewohnerInnen als auch Personal mit teilweise sehr hohen Erkrankungsraten (bis 36%) betroffen waren“.

„Wenn Obdachlose zuerst geimpft würden, wäre das prima.“– Impfstofforscherin Marylyn Addo

Die Infektiologin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Eppendorf begrüßt die Entscheidung, Obdachlose bevorzugt zu impfen. „Wenn Obdachlose zuerst geimpft würden, wäre das schon deshalb prima, weil sie zum Beispiel in Sammelunterkünften aufeinandertreffen – also Orten, an denen sie sich leichter anstecken können“, sagte die Impfstoff-Entwicklerin in der Dezember-Ausgabe von Hinz&Kunzt.

Addo verwahrt sich gegen Bedenken, der neue Impfstoff könne weniger sicher sein als andere in Deutschland zugelassenen Präparate: „Alle üblichen Stufen der Entwicklung werden wie immer durchlaufen. Die Abkürzungen, die zur Beschleunigung genommen wurden, fanden nicht in sicherheitsrelevanten Bereichen statt.“ Die Entwicklung der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 laufe in einem nie da gewesenen Tempo ab – was sonst Jahre dauert, passiere diesmal in Monaten. Dies sei etwa deshalb möglich, weil den Forscher*innen zügig finanzielle Mittel zur Verfügung standen und die Technologien sich verbessert hätten. „Corona ist ja nicht unsere erste Pandemie“, sagt die Forscherin. „Wir haben schon bei Ebola ganz viel gelernt.“

Impfung von Obdachlosen wird noch Monate dauern

Bei dem vertraulichen Dokument der Stiko handelt es sich noch nicht um die endgültige Fassung. Es wurde zu Beginn der Woche an Landesregierungen und Fachgesellschaften geschickt, die bis zum Donnerstag mit eigenen Stellungnahmen darauf reagieren können. Die ersten Impfungen werden vermutlich im Januar verteilt. Den beiden Gruppen, die eine höhere Priorität als Obdachlose haben, gehören mehr als 15 Millionen Menschen in Deutschland an. Bis zur Impfung von Obdachlosen werden also noch Monate vergehen. Welche Pläne die Stadt Hamburg zur Impfung von Obdachlosen hat, beantwortete die zuständige Sozial- und Gesundheitsbehörde nicht.

Autor*in
Benjamin Laufer
Benjamin Laufer
Seit 2012 bei Hinz&Kunzt. Redakteur und CvD Digitales.

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