Randnotizen vom 16.10.2026
Neue und alte Probleme beim Winternotprogramm

Stockbetten im Winternotprogramm in der Friesenstraße. Früher waren hier Geflüchtete untergebracht. Foto: Mauricio Bustamante.

Wieso neue Regeln der Sozialbehörde noch mehr Obdachlose davon abhalten könnten, im Winternotprogramm zu übernachten, und weitere Kritik am Erfrierungsschutz.

Der Umgang der Hamburger Behörden mit obdachlosen Menschen wird immer restriktiver. Nach der Neuausrichtung der Straßensozialarbeit und den verstärkten Bemühungen, Menschen von Hamburgs Straßen in ihre Heimatländer zurückzuschicken, wird nun der Ton im Winternotprogramm rauer. Eine anonyme Nutzung des Erfrierungsschutzes soll in diesem Winter nicht mehr möglich sein. Spätestens nach der dritten Übernachtung ist eine verpflichtende Identitätsprüfung vorgesehen. Die Details erfahren Sie in unserer Meldung.

Hinz&Kunzt kritisiert, dass der Zugang zum Erfrierungsschutz damit nicht mehr niedrigschwellig ist. „Wir befürchten, dass die neuen Regeln Menschen davon abhalten werden, das Winternotprogramm aufzusuchen“, sagt unser Geschäftsführer Jörn Sturm. „Wir rechnen mit einem harten Winter für Hamburgs Obdachlose und erwarten, dass es noch mehr medizinische Notfälle auf den Straßen geben wird als in den Jahren zuvor.“

Auch ohne Identitätsprüfung ist das Winternotprogramm in vielen Punkten problematisch. Dass Menschen mit vielen Problemen und Erkrankungen zu Hunderten in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, ist seit Jahren Gegenstand von Kritik. Als die Stadt 2021 ein ehemaliges Hotel in Billbrook als Großunterkunft eröffnete, warnte Hinz&Kunzt: „In Billbrook droht ein neues Zentrum der Verelendung zu entstehen. Dass sich Bürger:innen gegen solche Massenunterkünfte wehren, ist verständlich – und Folge falscher Politik.“

Während dieser Kommentar vielen in der Sozialbehörde damals zu weit ging, hat sich die Prognose inzwischen bewahrheitet. In unserer aktuellen Ausgabe berichten wir über die Nachbar:innen der Unterkunft, die von der Situation vor ihrer Haustür inzwischen überfordert sind. „Das ist kein gutes Gefühl, jeden Tag mit so viel Leid konfrontiert zu sein“, sagt etwa die 29-jährige Rahel G., Mutter eines Sohnes: „Ich finde es schwierig, das einem Siebenjährigen erklären zu müssen. Es schockiert Tag für Tag.“ In den Text können Sie hier reinlesen.

Die neuen Winternotprogramm-Regeln gab die Behörde ausgerechnet an dem Tag bekannt, als eine andere Meldung in unserer Redaktion für Entsetzen sorgte: Ein vermutlich obdachloser Mann wurde tot in einer Müllpresse gefunden. Vermutlich hatte er sich in einer Altpapiertonne schlafen gelegt, wurde samt Kartons in ein Müllauto geladen und dort getötet.

Ganz ehrlich, ich finde es schlimm, dass sich große Teile unserer Gesellschaft an solche Meldungen dermaßen gewöhnt haben, dass sie nicht viel mehr als ein Achselzucken hervorrufen.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Artikel aus der Ausgabe:
Ausgabe 404

Bildung für alle!

Wie ein gerechtes Bildungssystem aussehen könnte und wo sich in Hamburg Arme und Wohnungslose bilden. Außerdem: wieso Nachbarn des Winternotprogramms mehr Hilfe für Obdachlose fordern und wo Harburgs Musikszene floriert.

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Autor:in
Benjamin Buchholz
Benjamin Buchholz
Seit 2012 bei Hinz&Kunzt. Redakteur und CvD für das Onlinemagazin.