Hamburger Onlineplattform : Mutter Teresa der Kaufleute

Überall entstehen lokale Alternativen zu Amazon, Lieferando & Co. Die Hamburgerin Mirjam Müller versucht sich mit zwei Freunden an der ganz großen Nummer: Wir-liefern.org will die kleinen Läden retten. Foto: Andreas Hornoff

Überall entstehen lokale Alternativen zu Amazon, Lieferando & Co. Eine Hamburgerin versucht sich mit zwei Freunden an der ganz großen Nummer: Wir-liefern.org will die kleinen Läden retten.

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Hallo Hansi!“, schallt es von der Kasse gen Ladentür. Die Kundin mit den kurzen weißen Haaren wird wie eine alte Freundin begrüßt. Hier, im Schreibwarengeschäft Carl Dames, haben die Eppendorfer*innen schon als Kinder Schulhefte gekauft. Jahrzehnte später kommen sie immer noch – und sei es nur auf einen Klönschnack mit den Barthels.

Das Ehepaar hat vor 28 Jahren den winzigen Laden übernommen, von einem Paar, das ihn seinerseits gut 30 Jahre geführt hatte. Jetzt ist die mehr als 100 Jahre alte Papeterie in Gefahr. Nicht nur wegen der coronabedingten Umsatzeinbußen von 40 Prozent. Britta und Andreas Barthel suchen schon lange Nachfolger*innen. Aber niemand hat Lust auf ihren Job als Berater für das passende Fotoalbum oder den richtigen Füller. Für Kostbarkeiten, die am Ende dann ganz woanders gekauft werden: im Internet.

Damit der Laden fortbesteht, müsse schon ein Wunder passieren, glaubt Andreas Barthel. Seine Frau gibt nicht auf. Seit dem Shutdown im März nimmt sie am Telefon Bestellungen auf und fährt Ware mit dem Fahrrad zur Kundschaft. Für ihre Büttenpapier-Karten wirbt Britta Barthel jetzt auf Instagram, solidarisch postet sie dort auch die Angebote von Nachbargeschäften. Nun traut sie sich noch weiter vor ins World Wide Web: Sie hat ihr kleines Traditionsgeschäft bei einer deutschlandweiten Suchplattform gelistet. Ein Portal, das Amazons Geschäftsmodell kopieren will, aber nicht die umstrittenen Praktiken des Monopolisten. Eins, das versucht, der globalen Konkurrenz lokal ein Schnippchen zu schlagen – mit den eigenen digitalen Waffen.

Das Potenzial für ein Wunder

„Wir-liefern.org“ hat das Potenzial für das Wunder, das es bräuchte, damit Carl Dames und all die anderen stationären Händler*innen durchkommen. All diejenigen, die die Coronakrise beutelt, all diejenigen, denen die Konkurrenz von Amazon, Lieferando und Co existenziell zusetzt. Die Idee ist einfach: Ladeninhaber*innen, Gastronom*innen oder Dienstleister*innen stellen ihr Profil samt Fotos auf der Website ein. Lieferdienste übernimmt wir-liefern.org allerdings nicht: Die Anbieter*innen erklären selbst, wie sie liefern, ob sie einen Abholservice bieten und wie sie zu erreichen sind. Es reicht, wenn der Kontakt telefonisch erfolgen kann und die Lieferung per Post.

Das Besondere: Der Eintrag ist kostenlos. „Wir-liefern“ ist ein Non-Profit-Angebot von Menschen, die das nötige Know-how haben – und die für ihr Ziel brennen: die Rettung der sterbenden Innenstädte. Es ist nicht das einzige Portal seiner Art in Deutschland. Überall entstehen Amazon-Nachahmer. Zu den ersten gehörte die Einkaufsplattform „arranja“ aus Starnberg in Bayern. Von dort, aus München, drängt auch „kauflokal.com“ in den bundesweiten Markt, eine Anbieter-Plattform, die neben lokalen „Stores“ bevorzugt E-Shops für Markenware verlinkt. Daneben gibt es örtliche Plattformen, etwa in Buxtehude, wo der Ortsverein der Grünen www.regional-einkaufen-buxtehude.de gegründet hat. Und Vereine, die für den lokalen Einkauf werben, wie „Buylocal – Erlebe deine Stadt“, „Support your Locals“ oder das private Netzwerk „nebenan.de“.

Britta Barthel, Mitinhaberin der mehr als 100 Jahre alten Papeterie Carl Dames, kämpft um deren Fortbestand: „Wir müssen Amazon die Stirn bieten.“ Foto: Andreas Hornoff

Wir-liefern.org wurde erst 2020 von Aktivist*innen gegründet und spielt mit mehr als 650 gelisteten Geschäften aller Art schon weit vorne mit. Als Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) jüngst die Deutschen aufrief, „patriotisch“ einzukaufen, dachte Mirjam Müller: „Der Mann meint uns.“ Die Wirtschaftsjournalistin sieht auf den ersten Blick nach Schickeria aus, eine zierliche, glattgesichtige Frau mit glänzenden Haaren und einem Faible für Taschen. Doch die 50-Jährige hat das Zeug zu einer Art Mutter Teresa der Kaufleute. Die Idee kam ihr Ende März. Damals sicherte die Hamburgerin sich im Internet die Seite www.wir-liefern.org und postete dazu auf Facebook: „Die Domain habe ich eben ganz aktionistisch bestellt und stelle sie technisch Begabten gerne zur Verfügung. Ich bin leider in diesem Kontext zu dumm zum Rübenrupfen!“

Eigentlich habe sie damals nach einer Exceltabelle gesucht, erzählt Müller, einer Liste aller Läden in Hamburg, die während des Shutdowns liefern könnten. Als sie keine fand, kam ihr der Gedanke zur eigenen Suchplattform – gestaltet von Leuten, die Müller liebevoll „Digitalisten“ nennt. Allen voran ihr bester Freund Christian Hasselbring, ein Mann, der jahrzehntelang Medienportale großer Verlage verantwortet hat und heute als Digitalisierungsberater arbeitet.

Es sei die Liebe zu den kleinen Ladenstraßen zwischen Winterhude und Ottensen, die sie antreibe, erzählen Müller und Hasselbring. Kilometer um Kilometer haben sie Hamburgs Viertel abgelaufen, Schaufenster entdeckt, Vintage­Läden aufgestöbert. Um diese fußläufige Vielfalt zu erhalten, haben sie sich die Finger wundgetippt, haben Geschäfte angemailt, Handelskammern, Wirtschaftsministerien, Gewerkschaften, Lobbys. Die meisten Mails blieben unbeantwortet, aber Müller gibt nicht auf. „Wenn ich etwas für richtig erkannt habe, werde ich zur Stalinistin.“ Sie setzt eine Che-Guevara-Mine auf und kichert. Selbst ihre Tochter musste schon Flyer verteilen. Statt Geld bekam die Abiturientin ein Praktikumszeugnis.

Eine virtuelle Fußgängerzone

Was Amazon angeht, gibt sich Christian Hasselbring noch stalinistischer als seine Mitstreiterin, die dort ab und zu noch etwas bestellt. Er nicht. „Ich bin seit fast zwei Jahren Amazon-abstinent. Das Paradoxe ist: Wenn man sich beruflich mit der Digitalisierung beschäftigt, wird einem die zerstörerische Seite erst so richtig bewusst.“ Gleichzeitig muss man wohl Digitalist sein, um E-Commerce mit E-Commerce schlagen zu wollen. „Wir stellen uns wir-liefern.org als eine virtuelle Fußgängerzone vor“, sagt Hasselbring. „Je mehr Leute mitmachen, desto mehr bleiben uns die echten Bummelmeilen erhalten.“

Das mit dem Mitmachen ist bei Wir-liefern freilich noch nicht sonderlich bequem. Zum Gründertrio gehört Thomas Reichert vom „digitalbauhaus“ in Düsseldorf. Seine Firma hat die Architektur der Seite gebaut, für lau, aber mit neuester Technik. Zaubern kann die Website deshalb nicht. Wenn man zum Beispiel den Suchbegriff „Jacke“ eingibt, spuckt sie nur zwei Läden aus, einen in Hamburg, einen in Düsseldorf. Gibt man dagegen „Mode“ ein, sind es 68 Treffer (Stand Dezember 2020). Das liegt nicht daran, dass nur zwei Geschäfte Jacken im Angebot haben. Sondern daran, dass die meisten Boutiquen das Wort „Jacke“ nicht in ihr Profil geschrieben haben. Und der Suchalgorithmus nur das finden kann, was die Profile ausdrücklich nennen.

Viele Läden in der Hamburger Marktstraße – hier die Boutique „The Wild One“ – bieten ihre Waren jetzt virtuell an. Foto: Andreas Hornoff

Bei Müllers Plattform hilft es, wenn man selbst kein Fast-Food-Fan ist, sondern mit Muße sucht – am besten nach fair gehandelten und ökologischen Produkten. Gerade Slow-Fashion-Anbieter*innen scheinen ein Faible zu haben für faire Zugänge. „Nicht jeder Laden reagiert begeistert, wenn ich ihn anschreibe“, sagt Müller. Besonders bei Tierfuttergeschäften habe sie bisher Körbe geerntet. „Die erste Frage ist immer: ,Was kostet das?‘“ Wenn Müller antwortet „nichts“, erntet sie Misstrauen.

Die Frage ist freilich berechtigt: Die Sache kostet die drei Macher*innen nicht nur viel Zeit, sondern auch Geld, für Flyer, Porto, Strom- oder Internetgebühren. Die Registrierung beim Amtsgericht war dagegen billig: Wir-liefern.org ist eine haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft (UG). Dazu reicht schon eine Einlage von einem Euro. Müller und ihre beiden Mitstreiter geben an, das Portal nicht in Gewinnabsicht gegründet zu haben. Aber wer weiß? „Wenn uns Altmaiers Ministerium eine öffentliche Förderung anbieten würde, würden wir nicht Nein sagen“, sagt Müller.

Das meiste unsichtbare Vermögen steckt in der Architektur der Website. „Man kann bereits jetzt Videos einbinden oder Bewertungen abgeben“, sagt Müller. Sie träumt von Eingangsportalen für jedes Stadtviertel, also etwa für Eimsbüttel, St. Pauli, Othmarschen, aber auch Kreuzberg oder Schwabing. Dann könnten die Anwohner*innen in den Läden, die sie offline kennen, virtuell shoppen. Bezirksämter könnten das Projekt unterstützen, hofft Müller, oder Weinhandlungen. Letztere sind im Gegensatz zur Nachbarschaft in der restaurantfreien Zeit gefragt. Aber wenn die Nachbarn dereinst pleitegingen, bliebe auch ihre Laufkundschaft aus.

Für Souperia-Chefin Katrin Voith ist „lieferando.de“ keine Alternative. Foto: Andreas Hornoff

Wer bereits einen eigenen E-Shop hat, für den bietet die neue Plattform Mehrwert durch neue potenzielle Kundschaft. Das Sozialunternehmen „Bridge&Tunnel“ etwa vertreibt seine Unikate bereits jetzt über das Internet. Die Schneiderei in Wilhelmsburg macht aus alten Jeans oder Ausschussware neue Accessoires. An den Nähmaschinen sitzen Geflüchtete und ehemalige Langzeitarbeitslose. Zuschüsse von der Arbeitsagentur und ein Sponsoring von Aurubis machen das Geschäft möglich. „Wir sind seit fünf Jahren am Markt“, sagt Co-Gründerin Conny Klotz, „wir wachsen langsam, aber wir wachsen, sogar jetzt.“

Die 39-Jährige findet, dass wir-liefern.org gerade für solche Geschäfte gut sei, die noch keinen E-Shop haben. Die durch das Angebot endlich aufwachten. „Wir müssen alle anders wirtschaften. Als wir anfingen, belächelten uns viele. Jetzt liegen wir voll im Trend, mit unserem Sozialengagement, der Recyclingware und der E-Anbindung.“ Klotz blickt mit Sorge in die Zukunft. „Die Stadt wird nach der Pandemie eine andere sein. So viele Boutiquen und Läden drohen jetzt draufzugehen!“ Die neue Plattform, sagt die Sozialunternehmerin, baue dagegen auf Solidarität. „Das ist jetzt superwichtig!“

Aber nicht nur für Klamottenläden ist Wir-liefern attraktiv, sondern sogar für Gastronom*innen. Für Katrin Voith von der Souperia zum Beispiel, ein vor knapp 20 Jahren in der Schanze gegründeter Suppenladen. Voith hat gerade das erste lieferfähige Produkt kreiert, den „Eiskalten Liter“. Sieben Eintöpfe, von Chicken Tikka bis Linsensuppe, kann man bei der Souperia abholen. Oder sich in die umliegenden Viertel liefern lassen, tiefgefroren und vakuumverschweißt.

Vom großen Konkurrenten „lieferando.de“ hält Voith wenig. „Die nehmen inzwischen 30 Prozent!“ Wenn die Suppe dann beim Transport auch noch auslaufe, hafte womöglich sie als Herstellerin. Ihr Wissen bezieht sie aus der „Zeit“, die von einem Pizzabäcker berichtete, dem Lieferando nur die Hälfte des Verkaufspreises erstattet habe, wenn seine Pizzas als zusammengeklappte Calzonen ankamen. Und dass, obwohl es Lieferando-Fahrer*innen waren, die die Pizza hochkant transportiert hatten.

Online-Plattformen aus Hamburg


wir-liefern.org: Die Website vernetzt Geschäfte und Kund*innen bundesweit.
Mein-wochenmarkt.hamburg: Über dieses Portal kann man frische Ware vom Isemarkt bestellen. Mindestwarenwert: 25 Euro

Für seinen nagelneuen Lieferservice „mein-wochenmarkt.hamburg“ nimmt Tim Eisel deutlich weniger. Über die Website kann man sich seit November frisch vom Eppendorfer Isemarkt Brot, Birnen oder Brokkoli nach Hause liefern lassen. Heisel, der selbst mit seinem Partner Backwaren und Königskrabben auf dem Markt verkauft, hat Logistik studiert. „Wir kalkulieren mit 18,75 Prozent des Warenwerts für den Versand. Das ist der Selbstkostenpreis.“ Sein Online-Isemarkt laufe allerdings nur sehr langsam an. Zwar meiden viele Kund*innen derzeit den Wochenmarkt aus Angst vor dem Virus. Daher wissen sie aber auch nicht, dass sie sich die Waren liefern lassen können: Die Flyer liegen am Stand aus.

Auch Britta Barthel von der Papeterie Carl Dames sieht noch viel Luft nach oben bei ihren Gehversuchen im World Wide Web. Die schmale Frau wird plötzlich zornig. „Wir müssen Amazon die Stirn bieten“, sagt die 57-Jährige. „Welcher denkende Mensch will diese moderne Sklaverei unterstützen, die Ausbeutung der Kuriere, die Knebelverträge mit Händler*innen? Gegen Billigdrucke aus Fernost können wir nicht anstinken. Dafür können wir garantieren, dass niemand ausgebeutet wird. Unsere Reliefkarten werden in Hamburg gedruckt und sogar verpackt.“

Ihrer Uralt-Kundin hat Barthel zuvor noch ein „Tschüss Hansi“ hinterhergerufen. Wer einen Vormittag in dem kleinen Papiergeschäft verbracht hat, weiß, dass das „Sterben“ der Innenstädte nicht nur eine Metapher ist. Die wenigsten Kund*innen kaufen nur ein. Sie tanken auch auf.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Avatar
Annette Bruhns
Annette Bruhns ist seit 2021 Chefredakteurin von Hinz&Kunzt.

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.