Momentaufnahme : „Ich will nach vorne gucken“

Zehn Jahre auf der Straße reichen, findet Jürgen. Seit Monaten sucht er eine Wohnung. Foto: Mauricio Bustamante.

Jürgen (54) verkauft Hinz&Kunzt vor dem Passage-Kino in der Innenstadt.

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Jürgen hat gerade wenig Zeit. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin sucht er eine Wohnung, und das ist beinahe ein Vollzeitjob: Internet und Zeitungen durchforsten, Besichtigungen ausmachen,

„Wir suchen seit fünf Monaten“, so der Hinz&Künztler. Frust schwingt in seiner Stimme mit. „Jedes Mal ist es eine Sammelbesichtigung. Jedes Mal heißt es: ,Wir melden uns.‘ Und jedes Mal bekommen wir am Ende eine Mail, in der steht: ,Wir haben uns leider für jemand anderes entschieden.‘“

Leben auf der Straße? Das ist Stress pur– Hinz&Künztler Jürgen

Jürgen kämpft um eine Zukunft – über die Vergangenheit, sein Leben also, spricht der gebürtige Brandenburger ungern. „Ich will nach vorne gucken“, brummt er unwillig. Die Kurzfassung: „Eine beschissene Kindheit“ hat er erfahren. Als junger Mann kommt er bei einer Firma unter, die Europaletten herstellt. „Und die ist eines Tages leider pleite gegangen.“

Er muss von heute auf morgen seine Wohnung räumen

Jürgen kann die Miete nicht mehr zahlen und muss seine Wohnung räumen – ein traumatisches Erlebnis: „Ich hätte nicht gedacht, dass man von heute auf morgen auf der Straße landen kann.“ Mit dem Leben als Obdachloser kommt er nicht klar. „Das ist Stress pur! Du bist nur damit beschäftigt, wie du den nächsten Tag überleben kannst.“

Halt gibt zunächst nur der Alkohol. Jürgen zieht ein Jahr durch die Republik und strandet Mitte der 1990er-Jahre in Hamburg. Hinz&Kunzt verkauft er in der Osterstraße – und lernt dort, „vor 22 Jahren!“, seine heutige Freundin kennen, mit der er seit fünf Monaten zusammen ist. „Ihre Mutter hat sie immer zum Zeitung holen geschickt.“

Dass es in einer fernen Zukunft zwischen ihnen funken wird, als sie sich zufällig in der City wieder treffen, ahnen die beiden da noch nicht. Weil Jürgen „Luftveränderung“ braucht, zieht er 1996 weiter nach Hannover. Fast 20 Jahre lang verkauft er das dortige Straßenmagazin „Asphalt“.

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Lernen Sie unsere Verkäufer kennen – jeden Monat porträtieren wir einen Hinz&Künztler in unserer beliebten Rubrik, der Momentaufnahme.

Er findet eine Wohnung, es scheint bergauf zu gehen. Da gerät der auf den ersten Blick ruhige Mann mit seinen Nachbarn aneinander. „Die wollten mich mit dem Messer pieken“, erzählt er. „Da habe ich gleich draufgehalten mit blanker Faust.“

Ein Schlaganfall wirft Jürgen erneut aus der Bahn

Dass das ein Fehler war, begreift Jürgen schnell. Er hat Glück im Unglück: Der Richter schickt ihn nicht ins Gefängnis, sondern brummt ihm Sozialstunden in einer Kirchengemeinde auf. Einen Tag, nachdem er seine letzten Stunden abgeleistet hat, an Heiligabend 2013, ruft das Leben Jürgen seine eigene Endlichkeit in Erinnerung: Er erleidet einen Schlaganfall. „Der war vom Feinsten. Ich konnte Arme und Beine nicht mehr bewegen.“

Zehn Jahre auf der Straße reichen– Hinz&Künztler Jürgen

Es folgen Wochen im Krankenhaus und in der Reha. Anschließend entscheidet sich Jürgen für einen Neuanfang in Hamburg. Er landet in der Notunterkunft Pik As und, weil er dort keine Ruhe findet, erneut auf der Straße.

Ein zweites Mal kommt er zu Hinz&Kunzt – und hat Glück: Unsere Sozialarbeiterin bringt ihn im Oktober 2014 in einer Übergangseinrichtung unter. Nun will er eine Wohnung finden, in der er dauerhaft leben kann. Dass es kein Zurück gibt, ist klar: „Ich habe insgesamt bestimmt zehn Jahre auf der Straße gelebt. Das reicht.“

Update: Das Dranbleiben hat sich gelohnt: Jürgen und seine Freundin haben mittlerweile die Zusage für eine Wohnung bekommen!

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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