Abriss droht : Mieter in Hamm bangen um ihr Zuhause

Die letzten Mieter an der Eiffestraße 606a haben die Kündigung auf dem Tisch. Der Vermieter will anstelle des Mietshauses Eigentumswohnungen bauen. Foto: ATW

Zwischen Mittelkanal und Eiffestraße soll ein Mietshaus abgerissen werden – offenbar um Platz zu schaffen für teure Eigentumswohnungen.

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Zehn Wohnungen stehen leer in der Eiffestraße 606a, manche schon seit rund zwei Jahren. Neu angeboten werden sie nicht. Im Gegenteil: „Hier werden Wohnungen teilweise unbrauchbar gemacht“, sagt Tanja Harvey, die mit ihrem Mann und zwei Nachbarn als Letzte noch in dem zweistöckigen Mietshaus leben.

In einer der leerstehenden Wohnung sei bereits die Küche ausgebaut worden, berichten die Harveys. In einer anderen fehle die Toilettentür. Die SPD-Fraktion Hamburg-Mitte, die seit mehr als einem Jahr zwischen Mietern und Eigentümern zu vermitteln versucht, schildert ein ähnliches Bild: Bodenbeläge und Wohnungsdecken seien teilweise beschädigt oder entfernt worden. Auch rund um das Haus verwahrlost das Grundstück. Das Gras wird schon lange nicht mehr gemäht, drei Garagen wurden schon abgerissen, eine fing dabei Feuer.

Wie die Mopo berichtete, soll bald auch der zweigeschossige Flachbau mit den Mietwohnungen am Mittelkanal abgerissen werden – so wünscht es sich der Eigentümer, die Immobilienfirma wph. Auf dem Grundstück soll dann neu gebaut werden: 26 Eigentumswohnungen plant die Firma, sie sollen rund 5000 Euro pro Quadratmeter kosten. Mietwohnungen oder Sozialwohnungen hat wph nicht geplant. Und weil die Firma nur 26 Einheiten bauen will, kann sie auch nicht auf Einhaltung des sogenannten Drittelmixes verpflichtet werden: Die Vorgabe, jeweils ein Drittel als Eigentum, zur freien Miete und als Sozialwohnung anzubieten, gilt erst ab 30 neu gebauten Wohnungen.

„Wir können nicht einfach so umziehen.“– Marco Baier, Mieter

Für die Harveys und ihre Nachbarn sind diese Pläne niederschmetternd. „Wir finden so eine Wohnung nicht wieder“, erklärt Victor Harvey. Um die Mutter von Tanja Harvey zu sich holen und pflegen zu können, hatte das Paar extra die Nachbarwohnung dazu gemietet und – mit Erlaubnis des Vermieters – einen Durchbruch gemacht. Wegen angeblicher Einsturzgefahr des Hauses wurde nun die größere der beiden Wohnungen zum 31. Juli 2020 gekündigt, die kleinere schon zum 31. Oktober dieses Jahres. Den Durchbruch sollen die Harveys bis Ende Oktober wieder zumauern. „Danach wird diese Wohnung leer stehen“, sagt Tanja Harvey. „Das ist doch grotesk.“

Für ihre Nachbarn ist die Aussicht, die Wohnung zu verlieren, noch bedrohlicher. Seine Frau leide an einer schweren Krankheit, erklärt Marco Baier. Der Kontakt mit normalerweise harmlosen chemischen Stoffen könne für sie tödlich enden. Ihre jetzige Wohnung sei entsprechend hergerichtet, eine neue wäre es nicht, sagt Baier. „Wir können nicht einfach so umziehen.“

„Der Vermieter sollte aufgefordert werden, die freigewordenen Wohnungen zu vermieten.“– Siegmund Chychla, Mieterverein zu Hamburg

Sollen die Mieter dem Profitinteresse des Eigentümers weichen? Das wäre unzulässig, sagt Siegmund Chychla, Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg. „Aus Sicht des Mietervereins darf der Bezirk hier keine Abrissgenehmigung erteilen“, erklärt er. Nicht nur, weil der Bau von Eigentumswohnungen kein Grund sein könne, den Mietern zu kündigen. Sondern auch, weil preiswerter Wohnraum erhalten werden müsse. „Der Vermieter sollte aufgefordert werden, die freigewordenen Wohnungen zu vermieten“, sagt Chychla.

Warum ist das noch nicht geschehen? Simon Vollmer, zuständiger Geschäftsführer der Firma wph Immobilien, möchte sich auf Nachfrage von Hinz&Kunzt nicht näher dazu äußern. Bekannt ist, dass wph ein Gutachten in Auftrag gegeben hat, um feststellen zu lassen, dass das Gebäude einsturzgefährdet sei und daher abgerissen werden müsse. Die Mieter sind skeptisch. Auch sie haben im April 2019 ein Gutachten anfertigen lassen und kommen zu dem Schluss: „Es gibt keine Hinweise darauf, dass das Gebäude aus technischen Gründen abgerissen werden müsste.“

Vermieter gibt sich kompromissbereit – trotz Kündigungen

Simon Vollmer von wph Immobilien zeigt sich dennoch kompromissbereit: „Mit den verbliebenen beiden Mietern und der Politik haben wir vereinbart, uns am runden Tisch um eine einvernehmliche Lösung zu bemühen“, schreibt er. „Wir sind zuversichtlich, dass dies in einem offenen Dialog miteinander gelingen kann.“

Auch die Mieter wünschen sich das. „Wenn sie eine faire Entschädigung anbieten würden, könnte man ja darüber reden“, sagt Victor Harvey. In mehreren Gesprächen mit Mitarbeitern der Immobilienfirma habe man sich darum bemüht – das bestätigt der SPD-Abgeordnete Yannick Regh aus Hamm, der als Vertreter der Bezirksfraktion an den Gesprächen teilnahm. Der Vermieter habe auch einen finanziellen Ausgleich geboten, sagt Regh. Doch eine Lösung, die alle zufriedengestellt hätte, habe man nicht erreicht. Nach den Sommerferien sollten die Gespräche weitergehen. Bevor es dazu kam, lag bei den Ehepaaren Harvey und Baier die Kündigung auf dem Tisch.

Bezirkspolitiker fordern Sozialplan

Wie geht es nun weiter? Die Mieter hoffen weiterhin auf ein annehmbares Angebot. Rückendeckung bekommen sie von der Bezirksversammlung: Sie spricht sich entschieden gegen den Abriss der Wohnungen an der Eiffestraße 606a zugunsten hochpreisiger Eigentumswohnungen aus und fordert einen Sozialplan, der den Mietern entweder ein Rückkehrrecht oder adäquaten Ersatzwohnraum zusichert. Ein entsprechender Antrag der SPD-Fraktion wurde einstimmig beschlossen, auch die Grünen in Mitte setzen sich ein. „Unser Anliegen ist, dass für die Mieterinnen und Mieter eine gute Lösung gefunden wird“, erklärt der Fraktionsvorsitzende Manuel Muja. „Das geplante Bauvorhaben lehnen wir ab.“

Vorerst ist es jedoch keine Entscheidung der Politik, sondern der Bezirksverwaltung, ob Abriss und Neubau genehmigt werden. Bisher gibt es nur eine Abrissgenehmigung unter Vorbehalt: Das Fachamt für Verbraucherschutz, das sich auch mit Wohnraumfragen befasst, soll prüfen, ob bei dem Vorhaben von wph eine Zweckentfremdung von Wohnraum vorliegt. In dem Fall dürfe nicht abgerissen werden. Aus Chychlas Sicht ist diese Zweckentfremdung bereits gegeben – schließlich halte der Vermieter preisgünstigen Wohnraum zurück, wenn er die leerstehenden Wohnungen ohne klare Gründe nicht neu vermiete.

„Wir brauchen grundsätzliche Lösungen für Hamm.“– Manuel Muja (Grüne)

Für die letzten Mieter der Eiffestraße 606a läuft die Uhr, denn auch in Hamm steigen die Mieten. Ein früherer Nachbar zahle nun in seiner neuen Wohnung 14 Euro pro Quadratmeter, erzählt Tanja Harvey. Im Haus am Kanal waren es 8 Euro pro Quadratmeter. Eine soziale Erhaltensverordnung, die günstige Mieten unter Schutz stellt, gibt es in Hamm bisher nicht – ein Vorstoß der Bezirksversammlung vor vier Jahren scheiterte, weil zwar einzelne Fälle von Verdrängung erkennbar waren, aber noch kein klarer Trend. Nun wollen die Bezirkspolitiker einen neuen Anlauf starten. Ein Auftrag zur erneuten Prüfung ist bereits erteilt. „Wir brauchen grundsätzliche Lösungen für Hamm, damit bezahlbarer Wohnraum erhalten bleibt“, bekräftigt Manuel Muja von den Grünen. Doch selbst wenn eine soziale Erhaltensverordnung für Hamm kommt: Für die Mieter der Eiffestraße 606a ist es dann voraussichtlich zu spät.

Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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