Eurovision Song Contest : Platz vier für Michael Schulte

Michael Schulte in seiner Wahlheimat Buxtehude. Hier kann er auftaken. Foto: Dmitrij Leltschuk.

Michael Schulte hat beim Eurovision Song Contest in Lissabon den vierten Platz belegt. Wir haben den Sänger einige Wochen vor seinem Auftritt in seiner Wahlheimat Buxtehude getroffen.

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Der Mann, dem am 12. Mai geschätzte 200 Millionen Menschen bei der Arbeit zuschauen werden, sitzt alleine vor einem Straßencafé. Unter seinen Füßen Kopfsteinpflaster, hinter ihm ein schmuckes Fachwerkhaus, das Heimatmuseum von Buxtehude, errichtet 1913.

Würde Michael Schulte jetzt von seinem Smartphone aufschauen, er könnte direkt auf das Haus gucken, in dem sich ein Nagelstudio und eine Psychotherapeutenpraxis den Eingang teilen. Er guckt aber nicht.

Der 28-Jährige ist übernächtigt. Stundenlang saß er in einem Flieger auf Fuerteventura fest. Ein Computer in Brüssel war abgestürzt, ein ziemlich wichtiger. Kein Flugzeug durfte mehr starten und landen. Gegen 4 Uhr kam er dann doch noch an. Von Hannover nahm er ein Taxi nach Buxtehude, hier ist er seit Mitte 2017 zu Hause.

Michael Schulte ist dieses Jahr „die deutsche Hoffnung“ beim Eurovision Song Contest, kurz ESC. Er nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Die Zeiten, in denen Stefan Raab im goldenen Glitzeranzug mit „Wadde hadde dudde da?“ den Wettbewerb ironisierte oder Guildo Horn mit Hippieklamotte „Guildo hat euch lieb!“ sang, sie sind lange vorbei. Der ESC, er ist spätestens seit dem deutschen Sieg von Lena im Jahr 2010 wieder zu einer ernsten nationalen Angelegenheit geworden.

Für Schulte steht viel auf dem Spiel. Das Gute: Er ist sich dessen voll bewusst. Das Erstaunliche: Er scheint nicht sonderlich nervös zu sein. „Noch bin ich total entspannt“, sagt er. Schulte, der Aufgeräumte.

Ballade über den verstorbenen Vater

Das Lied, mit dem er für Deutschland antritt, ist eine Ballade. „You Let Me Walk Alone“ handelt von seinem Vater, der starb, als Schulte 14 Jahre alt war.

Im Songtext heißt es: „My childhood hero will always be you / And no one else comes close / I thought you’d lead me when life’s misleading / That’s when I miss you most.“ Sätze, die er nicht mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt hat. Schulte sagt aber auch: „Es ist jetzt 13 Jahre her. Ich bin gewachsen.“

Er hat auch schon zuvor Songs über seinen Vater geschrieben. Nur nicht so viel darüber geredet. Wenn jemand sein Lied als Hinweis verstehe, öfter mal bei den Eltern anzurufen, freut er sich. „Man weiß ja nicht, wie lange man sie noch hat“, sagt Schulte.

Bis heute vermisst er Männergespräche mit seinem Vater. Der brachte ihm die ersten Akkorde auf der Gitarre bei, da war Michael sieben. Früher sind sie oft bei der Kieler Woche gewesen, haben „eine irische Folkband, die keiner kennt“, angefeuert, so Schulte. Damals entstand seine Liebe für diese Art handgemachter Musik.

Der ESC war Pflichttermin bei Schultes. „Als kleiner Junge habe ich mir sogar vorgestellt, wie das wohl ist, auf so einer Bühne zu stehen und für Deutschland zu singen“, so der Sänger im Weserkurier. Jetzt passiert es wirklich.

Neulich hat er Nicole kennen gelernt

Seit Schulte im Februar den Vorentscheid gewann, gibt er Interview um Interview. Er besucht Radiostationen, die alle sagen, sie spielen „die beste Musik“, er wird in sogenannten Pre-Shows auftreten und Schnappschüsse davon mit seinen mehr als 24.000 Instagram-Followern teilen. Er sei jetzt eben „der Eine“ für den ESC, sagt Schulte. So wie er es sagt, klingt es beinahe entschuldigend.

Schulte wurde 1990 geboren. Acht Jahre zuvor hatte Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ zum ersten Mal die europäische Schlagerkrone nach Deutschland geholt. Jetzt soll Schulte in ihre Fußstapfen treten. Ihren Segen dafür hat er immerhin schon.

Neulich hat er Nicole persönlich kennengelernt. Das sei „schon ein besonderer Moment“ gewesen, sagt er. „Auf der anderen Seite habe ich auch gemerkt, sie ist halt auch eine ganz normale, ganz liebe Frau.“

In Alltagsklamotten zum großen Finale

Normal, das ist das Stichwort: Kritiker mäkeln, Schulte sei zu normal. Zu wenig Glamour, zu wenig außergewöhnlich und dann noch dieser Name! Schulte lächelt. Im Gegensatz zu anderen Künstlern liest er fast alles, was über ihn geschrieben wird. „Vielleicht bin ich der Normalo-Guy mit den roten Locken“, sagt er, „aber das ist in Ordnung, damit identifizieren sich auch Menschen.“

ESC im TV und auf St. Pauli

Sa, 12. Mai, Eurovision Song Contest, Das Erste, 21 Uhr – und live auf dem Spielbudenplatz der „Countdown für Lissabon“ und „Grand Prix Party“ mit Revolverheld, Mary Roos, Max Giesinger und anderen. Moderation: Barbara Schöneberger. 19 Uhr, Eintritt frei.

Er wird beim Finale wieder seine normalen Alltagsklamotten tragen: Jeans und T-Shirt, fertig. „Wieso soll ich Boots und Ketten und Lederjacke überziehen? Das bin einfach nicht ich“, sagt er.

Beim deutschen Musikmagazin Rolling Stone war man von seinem Beitrag wenig beeindruckt: „Eine energielos startende und nicht wirklich zupackende Power-Ballade, wie sie beim ESC schon tausendfach zu hören war“, hieß es da. Vorhersage: „Das wird doch wieder nix!“, so wie die vergangenen Jahre.

Schulte nippt an seinem Cappuccino. „Solche Leute würde ich gern mal persönlich fragen: Steht ihr wirklich dahinter oder schreibt ihr so was nur, um aufzufallen?“ Nicht sein Stil.

Buxtehude als Ruhepol

Schulte mag es bodenständig. Deswegen auch Buxtehude. Seit einem dreiviertel Jahr ist das Städtchen mit seinen 39.500 Einwohnern, seinen Pfeifenbedarfsläden, den Blumenrabatten und Menschen, die sich beim Markteinkauf freundlich grüßen, sein Zuhause. „Hier kann ich zur Ruhe kommen, aber der nächste Flughafen ist auch nur eine 50-minütige S-Bahnfahrt entfernt.“

Er ist seiner Freundin, die hier als Logopädin arbeitet, gefolgt. Schwer ist ihm das nicht gefallen, er wuchs selbst in dem 80-Einwohner-Dorf Lindau an der Schlei auf, später zog die Familie nach Dollerup bei Flensburg. Er und seine beiden Geschwister gingen auf die dänische Schule. Wenn ihn ein Interviewer dazu nötigt, grüßt er die Zuschauer auch schon mal in fließendem Dänisch.

Vielleicht bin ich der Normalo-Guy mit den roten Locken– Michael Schulte

Er ist sowieso sehr freundlich zu Interviewern. Wenn man ihn fragt, wieso er nicht in Hamburg oder Berlin wohne, antwortet er: „Ich habe immer gesagt, irgendwann in Richtung Familienplanung will ich auch wieder dörflicher werden.“ Im Sommer wird der 28-Jährige zum ersten Mal Vater. Er hat das schon gewusst, als er „You Let Me Walk Alone“ schrieb.

Früher wollte er Fußballprofi werden, schaffte es sogar bis in die Landesauswahl. Nach dem Abi machte Schulte dann ein Jahr lang Straßenmusik in Eckernförde – dank zahlungskräftiger Touristen „gar kein so schlechtes Geschäft“, wie er dem NDR erzählte.

2012 wurde Schulte bei der Castingshow „The Voice“ Dritter, tourte danach mit Max Giesinger. Im selben Jahr veröffentlichten sie einen gemeinsamen Coversong von „Somebody That I Used to Know“ auf YouTube. Das Video wurde bis heute mehr als 4,7 Millionen Mal angeklickt.

Sein letztes Album hat Schulte 2017 herausgebracht, es ist eines von acht. Schulte ist kein blutiger Anfänger. Vielleicht geht er den ESC auch deshalb „völlig entspannt“ an. Er habe eine Basis, „und deshalb habe ich diese Angst auch nicht so, dass danach alles vorbei ist“.

Für die Zeit nach dem ESC hat er vorgesorgt – ganz gleich, wie es ausgehen wird. Er wird touren und seine neue Single veröffentlichen. Und dann wartet ja bald die Vaterrolle. „Wenn ich nicht der nächste Weltstar werde, ist das überhaupt gar nicht schlimm“, sagt Michael Schulte, „ich bin auch so ein glücklicher Mensch.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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