Manche hatten Krokodile : Auf der Reeperbahn morgens um elf

„Natürlich haben wir auch mit dem GELD etwas rumgeaast. Und wer nicht aufgepasst hat, muss heutzutage ein bisschen rumknapsen“, sagt Julia im Film. Sie hat früher im Roxy, SoHo, Bikini und in der Jungmühle getanzt. Foto: Mauricio Bustamante.

Früher waren sie das Herz von St. Pauli, heute sind ihre Knochen müde und die Rente ist knapp. Christian Hornung hat eine berührende Doku über Kiez-Originale und ihre Stammkneipen gedreht. Nun startet „Manche hatten Krokodile“.

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Christian Hornung wird nun häufiger aufgehalten, wenn er über den Hamburger Berg geht. „Ich kenne jetzt viel mehr Leute hier“, sagt der Filmemacher. Vor zwei Jahren sah das noch anders aus. Damals begann der 39-Jährige für seine St.-Pauli-Doku „Manche hatten Krokodile“ zu recherchieren. Dazu verbrachte er viel Zeit an den Kneipentresen auf St. Pauli. Tagsüber. Er tauchte ein in eine Welt, in der morgens um 11 Uhr schon Holsten Edel, Drachengold und Kümmerling fließen und in der die Stammgäste sich mit Geschichten von der guten alten Zeit gegenseitig wärmen.

„Da reinzugehen hat mich schon ein bisschen Überwindung gekostet“, sagt Hornung, der in Freiburg aufgewachsen ist, aber seit vielen Jahren im Karoviertel lebt. Der Filmemacher kam sich vor wie ein Fremdkörper in den Kiezkneipen, die „Utspann“, „Kaffeepause“ oder „Hong Kong“ heißen und in denen die Einrichtung betagt und er meistens der Jüngste war. „Wenn du dann noch eine Cola bestellst statt ein Bier und keine Kippen rausholst, dann denken die Leute erst mal: ‚Hey, was ist mit dem los?‘“

Stammgäste beäugten ihn argwöhnisch. Mal wurde er barsch vom Tresen verscheucht („He, das ist mein Platz!“), mal zweifelte man an seiner geistigen Gesundheit, weil er ständig in der Kneipe herumhing und erzählte, er wolle einen Dokumentarfilm drehen, aber sehr lange ohne Filmteam aufkreuzte. Fast ein Jahr lang, um genau zu sein. „Eine meiner Protagonistinnen hat mir später gesagt, sie dachte, ich sei etwas verwirrt“, sagt Hornung und lacht.

Hornung nähert sich langsam und beobachtend

Filmemacher Christian Hornung im „Utspann“ auf St. Pauli: Fast ein Jahr recherchierte der 39-Jährige in dieser und anderen KNEIPEN für seine Dokumentation. Foto: Maurico Bustamante.
Filmemacher Christian Hornung im „Utspann“ auf St. Pauli: Fast ein Jahr recherchierte der 39-Jährige in dieser und anderen KNEIPEN für seine Dokumentation. Foto: Maurico Bustamante.

Dabei war Hornung nur gewissenhaft. Er wusste, dass er sich viel Zeit würde nehmen müssen, um einen Zugang zu den Menschen zu finden, die früher als Seemänner, Prostituierte, Stripper, Wirte oder Tänzerinnen das Herz des alten St. Pauli zum Schlagen gebracht hatten. Er wollte sie kennenlernen, ihre Geschichten hören. Hornungs beobachtende Herangehensweise fanden seine Protagonisten zunächst „strange“, wie der Filmemacher erzählt. „Die dachten: ‚Der will einfach nur irgendwelche Leute kennenlernen.‘ Damit konnten sie nicht so viel anfangen.“

Der Knoten platzte erst, als Hornung eines Tages wieder mal vormittags am Tresen hing und sein Blick auf eine der Blechboxen mit Nummern und Schlitzen fiel, die in vielen alten Pinten zur Grundausstattung gehören – die Sparkästen. „Ich hatte keine Ahnung, was es damit auf sich hatte, und fragte einfach nach. Das war so eine Art Türöffner, weil die Leute anfingen zu erzählen, warum sie im Sparclub sind oder warum nicht, und dann kam eins zum anderen.“ Zudem hatte fast jeder eine Räuberpistole auf Lager von einem, der mit den gesamten Sparclubeinnahmen durchgebrannt war.

„Eine meiner Protagonistinnen hat gedacht, ich sei etwas verwirrt.“– Regisseur Christian Hornung

In seinem Film lässt Hornung die Kellnerin Susi erzählen, warum die Sache mit den Sparclubs funktioniert: Weil sie wie bessere Sparschweine sind. Geld, das zu Hause griffbereit liegt, könne sie einfach nicht sparen. Wer aber in den Sparclub eintritt, verpflichtet sich, jede Woche einen Betrag einzuzahlen. „Manche können sich nur fünf Euro pro Woche leisten“, sagt Hornung. Es gibt einen Kassenwart; alles wird fein säuberlich gezählt und protokolliert und in Sicherheit auf einem Konto geparkt. Am Ende des Jahres bekommt jeder Sparer sein Gespartes ausgezahlt – ein Teil davon wird dann bei einer großen gemeinsamen Feier direkt wieder auf den Kopf gekloppt.

Der Kiez ist vielen heute zu stressig geworden

Hornung folgt seinen Protagonisten wie ein unsichtbarer Begleiter, der sich an ihre Fersen heftet. Jeder neue Charakter wird zuerst mit der Kameraeinstellung von hinten gezeigt: meist von seinem Weg von zu Hause in seine Stammkneipe, etwa das „Utspann“, das tagsüber auch ein Treffpunkt für nicht mehr ganz junge Transsexuelle ist. Dort traf er etwa auf Manuela, die früher auf der Schmuckstraße arbeitete. „Auf der Eiergasse“, wie sie im Film sagt, „wo die wahren Frauen stehen.“ Er traf auf Julia, die fast überall auf dem Kiez getanzt hat. Er traf auf Jimi (nach Jimi Hendrix), der als 19-Jähriger durch die Elbe aus der DDR flüchtete.

Jimi berichtet: „Ich habe mal bei der Postbank 5000 D-Mark angelegt. (...) Dann waren auf einmal nur noch 3000 übrig. Da habe ich das Ganze GEKÜNDIGT und habe mein Geld genommen, bevor alles weg ist.“ Foto: Mauricio Bustamante.
Jimi berichtet: „Ich habe mal bei der Postbank 5000 D-Mark angelegt. (…)
Dann waren auf einmal nur noch 3000 übrig. Da habe ich das
Ganze GEKÜNDIGT und habe mein Geld genommen, bevor alles weg ist.“ Foto: Mauricio Bustamante.

Später bereiste Jimi per Schiff alle fünf Kontinente. In Kolumbien kaufte er von einem fliegenden Händler einen kleinen Ozelot „für 20 Dollar und eine Kiste Bier“. Kollegen nahmen Krokodile mit, daher auch der Titel des Films. Heute reichen Jimi seine regelmäßigen Ausflüge ins „Utspann“. Der Kiez, sagt Jimi, „ist mir zu stressig geworden“.

„Früher war das auch noch ganz anders. Früher haben die jede Woche ihren Lohn gekriegt. Lohntütenball. Das war eine GOLDENE Zeit. (…) Es kann noch so viele Argumente fürs Sparen geben. Sparen kann ich auch zu Hause. Oder auf der Bank. Wie gewonnen, so zerronnen“, erzählt Manuela im Film. Foto: Mauricio Bustamante.
„Es kann noch so viele Argumente fürs
Sparen geben. Sparen kann ich auch zu Hause. Oder auf der
Bank. Wie gewonnen, so zerronnen“, erzählt Manuela im Film. Foto: Mauricio Bustamante.

Hornung drehte mehr als 70 Stunden Filmmaterial, verbrachte Monate im Schnittraum. Es hat sich gelohnt. „Manche hatten Krokodile“ ist ein ruhiger wie berührender Blick auf ein St. Pauli und seine Typen, dass es so wohl bald nicht mehr geben wird. Davon erzählen wortlos auch die Szenen von Gebäuden, die dem Erdboden gleichgemacht werden. Auch die Baustelle der alten Esso-Häuser hat Hornung verewigt. „Das war auch Thema bei meinen Protagonisten“, sagt er. „Dass sie sich teilweise nicht mehr zurechtfinden in ihrem eigenen Kiez, weil sich so viel verändert.“

Es sind nicht nur die Häuser, die verschwinden. Menschen wie Manuela, Jimi und Julia wachsen auch nicht mehr nach. „Früher war St. Pauli ja eine Art Zufluchtsort für gesellschaftliche Außenseiter. Solche Typen wird es hier irgendwann nicht mehr geben“, sagt Hornung.

Die Premiere von Manche hatten Krokodile am 10.11. ist bereits ausverkauft. Weitere Termine auf der Internetseite des Abaton, Allendeplatz 3 , 20 Uhr, Karten 8/7,50 Euro.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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