Louis Klamroth : Wir müssen reden!

Will Menschen mit diskutiermitmir.de aus ihren Filterblasen heraus holen: Louis Klamroth. Foto: Dmitrij Leltschuk.

Bekannt geworden ist Louis Klamroth an der Seite seines Vaters Peter Lohmeyer in „Das Wunder von Bern“. Heute hat der 28-Jährige seine eigene Polit-Talkshow, mit der er jetzt den Deutschen Fernsehpreis gewann. Wir trafen ihn im September 2017 zu einem Gespräch über Ruhm, Rollenwechsel, Rumpöbler im Netz und Redefreiheit.

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Eben ist er noch auf einem Gerüst herumgeturnt für den Fotografen, nun sitzt Louis Klamroth entspannt im Café Olé in Ottensen vor seiner Saftschorle. Die Gäste beachten den hochgewachsenen Mann mit den rotblonden Haaren nicht weiter – Hamburger Contenance. Die will er bei seinen TV-Gästen gern durchbrechen. Aber auch als Interviewter selbst zeigt sich der 28-Jährige ausgeschlafen.

Hinz&Kunzt: Seit Anfang des Jahres moderierst du „Klamroths Konter“ auf n-tv. Alles, was du dafür tun musstest, war in einem Interview zu erwähnen, dass du gern mal einen Polit-Talk moderieren würdest. Hast du es im Leben immer so leicht gehabt?

LOUIS KLAMROTH: (lacht) Das klingt easy, aber ganz so war es dann doch nicht. Das hat schon noch ein Jahr gedauert, vorher gab es viele Gespräche. Aber letztlich stimmt es schon, dass ich ein Riesenglück hatte, die Sendung überhaupt machen zu dürfen.

Mit 27 Jahren bist du der jüngste Polit- Talker Deutschlands. Denkt mancher Gast da: „Ach, was will der junge Kerl denn?“

Mag sein, dass das bei manchem Gast anfangs so war. Spätestens bei der dritten Frage merken sie dann aber: „Hui, der hat sich mit mir beschäftigt.“ Das tue ich tatsächlich. Ich lese alles über einen Gast, was ich in die Hand bekomme.

Erst mal ins Gespräch kommen– Louis Klamroth

„Ich finde Sie spannend“, sagst du stets zu Beginn. Das hört jeder gern, nur: Wie ernst ist das gemeint?

Ich meine das tatsächlich ernst. Ich finde in fast jeder Biografie etwas, das mich interessiert. Der Satz ist aber auch ein Stilmittel, eine Art versteckte Anmoderation, die zeigt: Darum ist der Gast interessant.

Du hattest schon den Sächsischen AfD-Landesvorsitzenden André Poggenburg in der Sendung. Wie spannend war der?

Der Grundgedanke war: Ich will die AfD ernst nehmen. Ich wollte keine Zitatenschlacht machen, wie viele Journalisten: „Dann und dann haben Sie das gesagt, Sie sind doch ein Nazi!“ Dann sagt er: „Nee, habe ich aber nicht gesagt.“ Ich wollte anders rangehen. Die AfD hat ein Wahlprogramm. Wir besprechen, ob da Sachen drinstehen, die keinen Sinn machen. Und da stehen einige Sachen drin. Die habe ich angesprochen in der Sendung.

Poggenburg war dennoch schwer zu fassen. Er hat dir oft mit einem süffisanten Lächeln geantwortet …

Der ist natürlich auch kein Anfänger mehr. Ich habe aber auch gar nicht die Ambitionen, zu entlarven. Ich wollte rausstellen, wofür er und die Partei stehen. Der Zuschauer soll sich selber seinen Teil denken. Es gab auch Fragen, die habe ich nicht ausdiskutiert, weil klar war, wir kommen da nicht auf einen Nenner.

Meine Generation engagiert sich anders

Würdest du selbst in eine Partei eintreten, um dich politisch zu engagieren?

Parteien sind leider so unfassbar unattraktiv, vor allem für junge Menschen: so schwerfällig, so bürokratisch. Da müssen sie sich nicht wundern, dass sie an Bedeutung verlieren. Mich ärgert aber der Vorwurf, dass meine Generation so unpolitisch sei. Das ist einfach Schwachsinn! Meine Generation engagiert sich eben anders als die vor 20 Jahren: in NGOs, Initiativen, Social Businesses. Das, was einen emotional anspricht, da engagiert man sich punktuell.

Stichwort engagieren: Du hast mit zwei ehemaligen Schulfreunden die Online-Plattform diskutiermitmir.de gestartet. Dort wollt ihr Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Ansichten diskutieren lassen. Ist das nicht vertane Zeit?

Das glaube ich gar nicht! Eines der Grundprobleme ist, dass wir nicht mehr in Kontakt kommen mit Menschen, die anders denken. Deswegen setzen wir uns nicht mehr mit Argumenten auseinander, die nicht unseren eigenen Überzeugungen entsprechen. Und wenn wir das doch mal machen, auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken, schreien wir uns an, beschimpfen und diffamieren uns. Wir hingegen wollen abseits von sozialen Medien und Kommentarspalten Menschen zusammenbringen, die fundamental anders denken, und sie über Themen reden lassen, die sie bewegen. In Holland kamen so 35.000 Konversationen zustande.

Bekannt geworden ist Louis Klamroth an der Seite seines Vaters Peter Lohmeyer in „Das Wunder von Bern“ – aber das ist lange her. Heute hat der 27-Jährige auf n-tv seine eigene Polit-Talkshow. Ein Gespräch über Ruhm, Rollenwechsel, Rumpöbler im Netz und Redefreiheit. Foto: Dmitrij Leltschuk

Machen da nicht nur Menschen mit, die ohnehin offen für andere Meinungen sind? Wir wollen beide haben: die, die sachlich diskutieren wollen, aber auch die, die herumschreien.

Das Ziel ist dabei nicht, dass beide Seiten auf einen Nenner kommen, es geht erst einmal darum, dass sie überhaupt ins Gespräch kommen. Wir machen das komplett niedrigschwellig. Man muss sich gar nicht anmelden, ist anonym, in vier Klicks ist man schon im Chat.

Werdet ihr das moderieren?

Nein, wir werden da nur reingucken können, wenn einer der beiden Gesprächspartner einen Knopf drückt und sagt: „Ich werde hier beschimpft.“ In Holland kam das bei 35.000 Konversationen nur einmal vor.

Um welche Themen soll es gehen?

Um alle, die in der Luft liegen, auf jeden Fall: die Bundestagswahl.

Der Rummel wurde einfach zu groß– Louis Klamroth

Du sagst, es nervt dich nicht, immer wieder auf deinen berühmten Vater Peter Lohmeyer angesprochen zu werden. War das damals eigentlich seine Idee, dass du auch Schauspieler wirst?

Nein, meine Eltern waren völlig dagegen. Ich habe aber immer gedrängelt, dass ich auch mal zu einem Casting will. Irgendwann haben sie nachgegeben, weil die Rollenbeschreibung eh nicht passte. Darin stand: „Unsportlicher, dicklicher, stotternder, schüchterner Junge.“ Ich habe die Rolle dann bekommen (lacht). Da konnten sie natürlich schlecht Nein sagen.

Mit der Rolle des kleinen Jungen im Kinofilm „Das Wunder von Bern“ kam gleich der ganz große Erfolg. Trotzdem hast du erst sieben Jahre später wieder einen Film gemacht – warum?

Der Rummel wurde einfach zu groß. Alles war hinter so einem Schleier der Berühmtheit. Das ist für einen 13-Jährigen nicht gesund, und deswegen habe ich damals gesagt: „Ich habe keinen Bock mehr.“ Meine Eltern waren froh. Und dann haben wir das relativ schnell abgehakt.

Hast du das je bereut?

Gar nicht. Andere waren schon ein bisschen geschockt: „Wie, du willst nicht mehr spielen? Du hast super Angebote und sagst: Nö!“ Ich bin ganz glücklich damit, sonst wäre vieles anders gekommen. Ich wäre nicht weiter zur Schule gegangen, hätte nicht studiert …

Nichts ist egal– Louis Klamroth

Deine Eltern haben dich schon als Kind zu Demos mitgenommen. Eine gute Idee?

Als ich noch ganz jung war, habe ich wenig gerafft, aber die Atmosphäre aufgesogen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch daran, als mein Vater mich mitgenommen hat, als Ronald Schill bei mir in der Schule in der Aula gesprochen hat. Da ist er völlig entrüstet mit mir hingefahren und hat die 20 Minuten, die der gesprochen hat, durchgehend gepfiffen und gebuht.

Hat das den Ausschlag dafür gegeben, dass du später Politikwissenschaften studiert hast?

Bestimmt. Die Grundhaltung meiner Eltern war immer: Nichts ist egal. Es betrifft uns immer. Und wenn es uns nicht direkt betrifft, dann betrifft es Menschen um uns herum. Mit dieser Grundhaltung gehe ich noch heute durchs Leben.

Freiwilliges Engagement in Guatemala und Haiti

Du hast nach dem Abi ein freiwilliges soziales Jahr in Guatemala gemacht und warst danach in Haiti als Helfer nach dem Erdbeben.

Ja, in Guatemala war ich ein Jahr in den SOS-Kinderdörfern. Dann ist das Erdbeben in Haiti passiert. Ich konnte damals noch ganz gut Spanisch und habe da meine Hilfe angeboten.

Was war deine Aufgabe dort?

Ich habe koordiniert und übersetzt. Die Prämisse dabei war immer: Kann ich hier helfen oder nehme ich hier sinnlos jemandem Platz weg, der vielleicht besser helfen könnte?

Was hat dich überhaupt dazu gebracht, dort zu helfen?

Orientierung, Abstand und die Einstellung meiner Eltern: Man hilft, wo man kann. Mir ging es immer gut und ich hatte nie irgendwelche großen Sorgen, aber mir war immer klar: So geht es nicht allen Menschen.

Hast du dort etwas lernen können, was dir heute noch hilft?

Die Zeit in Guatemala und Haiti hat mich nachhaltig beeinflusst. Die Bilder, die man da sieht, lassen einen nicht los. Das klingt abgegriffen und banal, aber Dinge, über die man sich hier im Alltag aufregt, erscheinen auf einmal komplett nichtig.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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