Klimaforscherin : „Lösungen müssen WIR liefern“

April-Ausgabe
Daniela Jacob (58) leitet seit 2015 das Climate Service Center Germany (GERICS) in Hamburg. Foto: Mauricio Bustamante

Ein gutes Jahr ist es her, dass Tausende Hamburger Schüler*innen gemeinsam mit Greta Thunberg für eine bessere Klimaschutzpolitik streikten. Was haben die vielen Proteste seitdem bewirkt? Klimaforscherin Daniela Jacob über die Erfolge von Fridays for Future, den Hamburger Klimaschutzplan und ihre Idee für mehr Spaß beim Klimaschützen.

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Hinz&Kunzt: Frau Professor Jacob, Sie haben gemeinsam mit Kolleg*innen errechnet, dass es uns viel mehr kosten wird, wenn wir eines Tages die Schäden beheben müssen, die eine Erderwärmung von mehr als 1,5 Grad Celsius auslöst, als jetzt massiv in Klimaschutz zu investieren. Werden Sie bei der Politik gehört mit diesem Argument?

Daniela Jacob: Auf regionaler Ebene schon. Auf Bundesebene würde ich mir mehr Gehör wünschen.

Woran liegt das?

Ich glaube nicht, dass es an Wissen fehlt. Es fehlt am Handeln, das sich daraus ­ableitet. Das Klimaschutzpaket der Bundesregierung wird der Größe der He­rausforderung jedenfalls nicht gerecht.

Der Hamburger Senat hat kürzlich seinen Klimaplan überarbeitet und die CO2-Einsparziele bis 2030 noch mal erhöht. Reicht das aus?

Das ist jedenfalls ein guter Schritt voran. Positiv ist ebenfalls, dass die Umsetzung und der Erfolg der Maßnahmen jährlich überprüft werden sollen. Die bislang ­alle vier Jahre vorgesehene Anpassung des Klimaplans sollte jedoch häufiger erfolgen, um gegebenenfalls schneller eingreifen und nachbessern zu können. Zudem sollte der gesamte Prozess eng und kontinuierlich von einem neuen außerbehördlichen Expertengremium mit zentralen Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis begleitet werden.

Fridays for Future fordern eine klima­neutrale Gesellschaft bis 2035, die Bundesregierung und Hamburg wollen sich Zeit lassen bis 2050. Wer hat recht?

Wenn wir es bis 2035 schaffen könnten, wäre das schön. Ich halte die Forderung aber für illusorisch. Bis 2050 müssen wir spätestens klimaneutral werden – das ist das Ergebnis des aktuellen Berichts des Weltklimarats, an dem ich mitgearbeitet habe. Der Bericht zeigt verschiedene Wege auf, wie wir dieses Ziel erreichen können. Wichtig ist in jedem Fall, dass wir schnell anfangen – und jedes Jahr ein Stück weiterkommen.

An welchen Stellen wird sich entscheiden, ob Hamburg die Ziele seines Klimaplans tatsächlich wird einhalten können?

Ein ganz wichtiger Punkt wird die Zusammenarbeit der Behörden in Hamburg sein. Nur wenn es gelingt, dass alle konstruktiv zusammenarbeiten und die Anforderungen des Klimaplans zentral für das gesamte staatliche Handeln werden, ist die Grundvoraussetzung erfüllt, dass die Ziele überhaupt erreicht werden können. Außerdem muss die Bevölkerung unbedingt mitgenommen werden, am besten, indem man über bloße Erklärungen hinaus auch Begeisterung und Engagement entfacht.

Am 24. April soll – diesmal im Internet – erneut weltweit für das Klima gestreikt werden. Müssen die Menschen den Druck auf die Politik weiterhin hochhalten?

Absolut. Fridays for Future haben mit ihren Protesten bereits viel bewirkt. Sie haben dafür gesorgt, dass Klimaschutz als Verpflichtung zur Vorsorge für nachfolgende Generationen betrachtet wird. Vorher liefen die Debatten oft noch anders. Da hieß es: „Wir müssen heute die Arbeitsplätze schützen, wir können nicht so schnell handeln, das wird schon nicht so schlimm!“ Das Risiko wurde also in die Zukunft verlagert. Das hat die Bewegung verändert. Sie muss nun aber aufpassen, dass von ihr nicht auch noch Lösungen verlangt werden. Die müssen wir als Entscheider-Generation liefern. Und da hilft der Druck von der Straße sehr.

Wie können noch mehr Menschen für den Klimaschutz gewonnen werden?

Meine Idee ist, eine Challenge daraus zu machen, indem man etwa sagt: „Ich möchte meinen CO2-Ausstoß in den nächsten fünf Jahren um 50 Prozent reduzieren und in diesem Jahr um 10.“ Und dann kann ich entscheiden: Mache ich das, indem ich auf einen Urlaubsflug verzichte? Oder indem ich kein Fleisch mehr esse? Oder wie sonst? Daraus könnten kleine Wettbewerbe entstehen: mit Freund*innen, Nachbar*innen oder zwischen Stadtvierteln. Und die Gewinner*innen bekommen als Belohnung ein kostenloses HVV-Jahresticket – das fände ich richtig gut. Wohlgemerkt: So etwas ersetzt nicht politische Entscheidungen und nötigen strukturellen Wandel. Aber es könnte eine Aufbruchstimmung entstehen, die mir noch fehlt.

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Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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