Millerntor Gallery : Kiez & Kunst, Kicken & Kultur

Bringt Kunst ans Stadion, hier von "Herakut": die Millerntor Gallery. Foto: MTG

Die „Millerntor Gallery“ ist eines der großen Kunstfestivals Hamburgs. Ihr zehnjähriges Jubiläum wollten sie mit einer Party feiern, die nun auf nächstes Jahr verschoben werden musste – Zeit für Rückblick und Ausblick …

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Viel Zeit hat Arne Vogler heute nicht: „Ich muss nachher gleich nach Münster, einen Künstler abholen, morgen Abend machen wir im Knust noch ein bisschen Programm, soweit im Moment möglich.“ Überhaupt sei diese Woche jetzt richtig intensiv, und auch eine „tolle Erfahrung“. Vor allem die Online-Auktion per Live-Stream vorgestern ist gut gelaufen, „im Peak haben 20.000 Leute zugeschaut, wir haben circa 30.000 Euro Umsatz gemacht. Es haben sogar Menschen aus Holland gekauft“, sagt Arne zufrieden: „Das hätten wir sonst so nicht erlebt“.

Ja, man kann wirklich sagen: Die Macher*innen des alternativen Kunstfestivals „Millerntor Gallery“ haben aus der Corona-Not eine Tugend gemacht. Denn natürlich waren die Pläne andere. Zum zehnten Mal wäre die „MTG“, wie sie intern genannt wird, in diesem Sommer veranstaltet worden im Stadion des FC St. Pauli – ein rauschendes Fest im geübten Doppelpass von Veranstalter Viva con Agua Arts (deren Geschäftsführer Arne Vogler ist), Verein, Fanszene und Stadtteil. Ging aber nun mal nicht. So wurde der kurzzeitige Viruskummer kurzerhand umgemünzt in virtuelle Kreativkraft. Und Mitte Juli mit dem viertägigen „Art creates Water“-Festival im digitalen Raum gerettet, was zu retten war nach der Absage der großen Jubiläums-Gallery.

Ein paar griffige Zahlen mögen verdeutlichen, wie sehr Kiez und Kunst, Kicken und Kultur in den Jahren seit 2011 am Millerntor zueinander gefunden haben. Gab es bei der Premiere gerade mal eine gute Handvoll involvierter Street-Art- und Graffiti-Künstler*innen sowie 1500 Besucher*innen, so strömten 2019 mehr als 18000 Menschen in die Umläufe unter den Millerntortribünen, um dort die Werke von 80 bis 90 Artist*innen zu bestaunen und für den guten Zweck zu kaufen – und natürlich, um sich und das Leben zu feiern. Die ersten drei Jahre habe man noch rote Zahlen geschrieben, erinnert sich Arne zurück, „letztes Jahr konnten wir trotz Produktionskosten von über 150 000 Euro für die MTG aus den Einnahmen etwa 140 000 Euro an die Projekte von Viva con Agua weiterleiten.“ Highlight dabei war der Verkauf einer Arbeit von Gerhard Richter, die für eine sechsstellige Summe über den klassischen Auktionstisch ging.

„Die Millerntor Gallery ist ein Platz für Hedonisten.“– Arne Vogler

Doch die Macher*innen der MTG haben im Laufe ihrer Veranstaltungsjahre auch dazugelernt. Lange galt auch hier die Devise „Größe ist geil“, doch 2018 mit über 130 Künstler*innen ging das Intime, das Innige verloren: zu unübersichtlich und hektisch geriet das Geschehen vor Ort. Neues Motto seitdem: back to the roots, weniger (Künstler*innen) ist mehr, Vorrang für lokale Kreative – und vor allem für mehr bezahlbare Kunst im Summenbereich unterhalb von vierstellig. „Die MTG ist ein Platz für Hedonisten“, sagt Arne Vogler, „und es soll ein Fest des Stadtteils sein und seiner Menschen. Noch weiter wachsen zu wollen, wäre für uns der falsche Weg.“ Schon jetzt denkt er deshalb übers nächste Jahr nach – dann soll das Jubiläum offiziell (nach)gefeiert werden. Schon eine Idee, wie es werden wird, Arne? „Wir werden eine neue Wertschätzung des Miteinanders erleben, des persönlichen Austauschs. Das Erlebnis Kunst wird wuchtiger und schöner, wenn du es mit anderen teilst. Ich habe die Hoffnung, dass wir dann alle den Moment mehr genießen können.“

Autor*in
Avatar
Jochen Harberg

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.