Verliebt in einen Reichsbürger : In verschiedenen Welten

Immer wieder werden auf Demos Verschwörungsmythen verbreitet. Foto: C. Hardt / Future Image

Was tun, wenn ein geliebter Mensch dem Verschwörungsglauben anheimfällt? Pastor Jörg Pegelow weiß Rat. Doch manchmal ist es schon zu spät.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Ein lockerer Hippietyp mit bunten Hemden und unbekümmertem Blick aufs Leben: So beschreibt Juliane F.* den Mann, in den sie sich 2012 verliebte. Er hatte ein Café, in dem sie ein und aus ging, sie wurden ein Paar. Nach einem Jahr machte er ihr einen Heiratsantrag. „Natürlich war ich geschmeichelt“, erzählt Juliane F. Sie sei damals Ende 40 gewesen und „wirklich doll verliebt“.

So doll, dass sie ihren Protest hi­nunterschluckte, als er behauptete, Hitler sei gar nicht so schlimm gewesen. Viel weniger Menschen seien im Holocaust getötet worden. Die Zahlen in den Schulbüchern stimmten nicht. „Ich habe gehofft, er meint das nicht so“, erklärt F. rückblickend. Damals dachte sie, „Ich kann ihn ja auch in die richtige Richtung schubsen. Es ist ja nur ein Teil von ihm“.

Doch 2015 kam mit den vielen Geflüchteten der Streit in die Beziehung. „Du konntest keine Tagesschau mehr gucken, ohne dass er wirklich menschenverachtendes, gehässiges Zeug von sich gegeben hat“, sagt sie. Lauter junge Männer, die das Land überströmen und deutsche Frauen vergewaltigen würden – so schildert F. die Äußerungen ihres damaligen Mannes. Sie dachte ganz anders: „Es ist gut so, Deutschland ist reich und hilft“, das sei ihre Einstellung, damals wie heute. Er hielt ihr vor, naiv zu sein, weil sie anerkannten Medien vertraute. Das, was er für die Wahrheit hielt, klaubte er aus rechtsorientierten Büchern, Magazinen und Internetseiten zusammen. „Ich habe mir die Quellen angeguckt, und es war immer irgendwelches Gerede, keine Beweise“, sagt sie. Sie kam zu anderen Schlüssen als er. Er schloss daraus, sie habe keine Ahnung.

Das Spektrum der Verschwörungsgläubigen ist breit. Manche leugnen den Klimawandel, andere glauben, mit der Corona-Impfung würden Mikrochips verabreicht. Eine besondere Rolle nehmen die sogenannten Reichsbür­ger:innen ein. Sie glauben fest daran, dass Deutschland noch immer von Alliierten besetzt und eigentlich eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung ist. Von dieser Logik verblendet, wünschen sie sich das Kaiserreich zurück. 340 Menschen rechnet der Verfassungsschutz in Hamburg dieser Szene zu, Tendenz steigend. Auch F.s Hippietyp gehört inzwischen dazu: „Er behauptete, dass die Bundesrepublik nicht existiere, weil es keinen Friedensvertrag gebe“, erzählt sie.

Bald nach der Hochzeit kündigte er an, nach Uruguay auswandern zu wollen, um nicht miterleben zu müssen, wie deutsche Frauen in Kopftücher gezwungen werden würden. Dann brach in Italien die Coronapandemie aus, Fotos von Särgen auf Lastwagen gingen um die Welt. Als er ihr Bilder aus dem Netz zeigte, die beweisen sollten, dass all diese Pressefotos gefälscht, gestellt oder aus anderen Zusammenhängen entnommen seien, hatte sich Juliane F. bereits getrennt.

Die Coronapandemie als Verschwörung zur Unterdrückung der Menschen – immerhin 14 Prozent der Bevölkerung hielten diesen Mythos im Jahr 2020 für sicher oder wahrscheinlich richtig, hat die Konrad-Adenauer-Stiftung wissenschaftlich herausgefunden. Fragte man Anhänger:innen der AfD, schnellte die Zahl auf 65 Prozent hoch. Aber der Glaube an Verschwörungen ist nicht nur unter Rechten zu finden: Immerhin jede:r Dritte hielt die Aussage „Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern“ für sicher oder wahrscheinlich richtig.

Jörg Pegelow ist in seiner Beratungsstelle oft mit solchen Erzählungen konfrontiert. „Das ‚internationale Bankenkonsortium‘ wird immer genannt, angeführt von irgendwelchen jüdischen Bankern. Da steht ein deutliches antisemitisches Narrativ dahinter“, erklärt er. Und da den Verschwörungserzählungen zufolge alles mit allem zusammenhängt, entfalten diese „Eliten“ eine schier grenzenlose Macht.

Pastor Jörg Pegelow in der Bibliothek im Diakonischen Werk Hamburg. Foto: Dmitrij Leltschuk

Pegelow ist Weltanschauungsbeauftragter der Nordkirche. Er berät Menschen, die sich um Angehörige oder Freund:innen sorgen und nicht mehr wissen, wie sie sie noch in ihrer Vorstellungswelt erreichen können. Eigentlich umfasst sein Fachgebiet alles, was neben den Lehren der großen christlichen Konfessionen geglaubt und praktiziert wird. Seit gut zwei Jahren aber drehe sich etwa jeder dritte Anruf um den Verschwörungsglauben. Das Thema sei dominierend, sagt Pegelow. „Und zwar nicht nur bei uns in der Weltanschauungsarbeit, sondern auch in der Telefonseelsorge, bei den Netzwerken gegen Rechts oder Beratungsstellen zur Demokratiestärkung.“

Dass es für die große Weltverschwörung gar keine Beweise gibt, ist nach Ansicht von Verschwörungsgläubigen ein naiver Einwand, sagt Pegelow. „Sie sind überzeugt: Es gibt eine Wahrheit hinter der Wahrheit.“ Was etablierte Medien berichten, sei nur die Oberfläche, der äußere Schein. Darin steckt etwas, das Pegelow den „Nährwert“ einer verschwörungsideologischen Vorstellung nennt: Das erhebende Gefühl, man selbst habe das Spiel durchschaut und könne nun Maßnahmen ergreifen, um sich den Manipulationsversuchen der „Eliten“ zu widersetzen.

Selbstgebastelte Autokennzeichen, der Sturm auf den Reichstag im August 2020, Staatsgründungen in Privatwohnungen – all das und noch einige Kurio­sitäten mehr ließen sich kaum erklären ohne die sinnstiftende Kraft, die Verschwörungserzählungen für ihre Anhän­ger:innen entfalten. „In der Reichsbürgerszene verbinden sie sich häufig mit sehr reaktionären Familien- und Gesellschaftsbildern, mit einer klaren Hierarchisierung von Mann und Frau und der Idee eines ‚reinen Deutschlands‘“, erklärt Pegelow.

Zugegeben: Es sind schwere Zeiten für Menschen, deren Sicherheitsgefühl von diesen Vorstellungen abhängt. Kurz vor Corona kam #MeToo, die Debatte um gendergerechte Sprache, die „Ehe für alle“ und „Wir schaffen das“. Kurz danach kam der Staat und rückte den Menschen auf die Pelle mit seiner Impfkampagne. „Die Unsicherheit in dieser Zeit war mit Händen zu greifen“, sagt Pegelow.

Wer Angst hatte oder auch nur starkes Unbehagen, fand womöglich bei Reichsbürger:innen und „Querdenkern“ eine neue Heimat. Denn auch wenn die Vorstellung von ränkeschmiedenden Mächten, die es auf Leib, Leben und Seelenheil der Menschen abgesehen haben, alles andere als beruhigend ist: Das vermeintliche Wissen, was richtig und was falsch, was weiß und was schwarz sei, kann in einer Krise Sicherheit vermitteln – so sehr, dass der Glaube an Verschwörung leichter zu ertragen ist als die nebelgraue Realität.

„Sie sind überzeugt: Es gibt eine Wahrheit hinter der Wahrheit.“– Jörg Pegelow

Muss man Menschen, die so verunsichert sind, nicht helfen? „Ich halte es grundsätzlich für falsch, Menschen, nur weil sie Verschwörungsvorstellungen hegen, zu pathologisieren“, sagt Pegelow. „Die versuchen, ihre Umwelt zu verstehen, ihr Leben zu ordnen, sich in der Welt zu positionieren. Das an sich ist nicht krank, sondern ganz normal.“ In seinen Beratungen erlebt Pegelow aber auch die Kehrseite dieser Bewältigungsstrategien: verzweifelte Angehö­rige, die fürchten, ihre Liebsten zu verlieren. Was rät er ihnen?

Der eine Faden, an dem man zieht, und dann löst sich das ganze Knäuel an wirren Glaubenssätzen auf – den gebe es nicht, so sehr Betroffene ihn sich auch wünschten. Von argumentativem Schlagabtausch rät der Pastor meist ab. Es sei wichtig, den eigenen Standpunkt klarzumachen und etwa gegen rechtsextreme Äußerungen Position zu beziehen. Seiner Erfahrung nach führe eine sachlich gemeinte Debatte aber oft dazu, dass immer wieder neue Verschwörungsbehauptungen hervorgeholt werden. „Solche Diskussionen sind uferlos“, sagt Pegelow. Er empfiehlt einen anderen Weg: „Versucht, ins Gespräch zu kommen über die Frage: ,Warum ist das für dich wichtig?‘“ Es lohne sich, herauszufinden, was die Verschwörungserzählung dem Menschen bringe, der an ihr festhält – und wieso es ihm so schwerfällt, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. „Solche Fragen signalisieren: Erzähl mir nicht, was du alles gelesen hast, sondern was dich bewegt – weil du mich interessierst.“

Juliane F. hat es versucht. Doch was ihr entgegenschlug, war schwer zu verdauen – auch für ihr Selbstbild. „Ich kann doch nicht mit jemandem zusammenleben, der solche Auffassungen vertritt“, sagte sie sich. Es sei immer schwerer geworden. Freunde wendeten sich ab. Er habe alles um sich herum zerstört, sie stand daneben und verstand nicht, wieso.

Es gebe den Punkt, an dem alle Brücken bereits verbrannt wurden, sagt Berater Pegelow. Ein Gespräch brauche Augenhöhe, kein Von-oben-herab eines allwissenden Meisters, der seine Schülerin belehrt. Juliane F. wollte diese Rolle nicht. Heute ist sie stolz darauf. „Dass ich nie umgeknickt bin, dass ich immer bei mir geblieben bin“, sagt sie. „Das lasse ich mir nicht nehmen.“

Artikel aus der Ausgabe:

Auf dem Sprung

Die Elfjährige Mariia Zaritska ist aus Kiew geflohen und tanzt in Hamburg Ballett. Im Schwerpunkt: Was Verschwörungserzählungen mit Beziehungen anrichten – und wie man mit Argumenten dagegen halten kann. Außerdem: Atellierbesuch bei Regisseurin Katrin Gebbe („Die Kaiserin“).

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Autor:in
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.
Benjamin Buchholz
Benjamin Buchholz
Früher Laufer, heute Buchholz. Seit 2012 bei Hinz&Kunzt. Redakteur und CvD Digitales.
Annette Woywode
Chefin vom Dienst und stellvertretende Chefredakteurin

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