Tod auf der Straße : In Hamburg sterben immer mehr Obdachlose

In den vergangenen vier Monaten starben fünf Obdachlose im öffentlichen Raum –einer von ihnen auf einer Parkbank. Foto: Actionpress / United Archives / McPHOTO / Christian Ohde

In diesem Jahr starben in Hamburg bereits mehr Obdachlose auf der Straße oder im Krankenhaus, als zusammengerechnet in den vergangenen zwei Jahren. Diese alarmierenden Zahlen gehen aus einer parlamentarischen Anfrage der Linksfraktion hervor.

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Hat sich das Leben auf der Straße in den vergangenen Jahren tatsächlich dramatisch verschlechtert? Zumindest deuten aktuelle Zahlen darauf hin. Aus einer parlamentarischen Anfrage der Linksfraktion geht hervor, dass seit vergangenem November 32 Obdachlose auf der Straße oder im Krankenhaus starben. Damit gab es seitdem durchschnittlich fast drei Todesfälle pro Monat. Zum Vergleich: Im Zeitraum zwischen Herbst 2013 und November 2019 gab es 75 Todesfälle – also im Schnitt nur eine*n Tote*n pro Monat.

Die Häufung der Todesfälle hängt allerdings auch damit zusammen, dass in die neue Auswertung des Senats zusätzlich Zahlen des Instituts für Rechtsmedizin einfließen. Sieben der insgesamt 32 Obdachlosen starben demnach im öffentlichen Raum – sie wurden beispielsweise leblos auf einer Parkbank oder in einem leer stehenden Gebäude entdeckt. Allerdings werden nur Menschen ohne festen Wohnsitz erfasst. Wer also als Obdachlose*r zum Todeszeitpunkt noch eine Meldeadresse hatte, taucht in der Zählung der Rechtsmedizin nicht unbedingt auf.

Welche Erkrankungen zum Tod führten, dürfen die Krankenhäuser nicht veröffentlichen. Der Senat teilt lediglich mit, dass ein Obdachloser im vergangenen Winter an Unterkühlung starb. Fest steht dagegen: Obdachlose sterben erschreckend früh. Laut einer vor zwei Jahre veröffentlichten Studie werden Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, in der Regel nur 49 Jahre alt. Die Dramatik dieser Zahl zeigt sich erst bei einem Vergleich mit der durchschnittlichen Lebenserwartung in Deutschland: Die liegt inzwischen bei knapp 81 Jahren.

„Obdachlosen fehlt ein Ruhepol.“– Stephan Karrenbauer

Was sich im Vergleich zu den Vorjahren für Obdachlose verändert hat, ist, dass die Tagesaufenthaltsstätten wegen der Coronapandemie nicht mehr als Rückzugsort für Obdachlose fungieren können. „Obdachlosen fehlt dadurch ein Ruhepol“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Die beste Lösung sei, allen Obdachlosen einen Unterkunftsplatz anzubieten. Doch mit der Forderung nach Einzelunterbringung aller Obdachlosen scheiterte Hinz&Kunzt bereits im April am Widerstand der Sozialbehörde. „Deswegen brauchen wir jetzt dringend Ideen, wo sich Obdachlose während der Coronapandemie ausruhen können.“

Autor*in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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