Momentaufnahme : „Ich will doch nicht wie ein Idiot dastehen“

Das Beste aus seinem Leben machen – mit dem Ziel zog Gyursel (43) von Bulgarien nach Deutschland. Was er hier erlebt, ist oft hart. Doch er kämpft sich durch.

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Wer Gyursel einmal getroffen hat, vergisst ihn so bald nicht wieder. Das hat auch mit seinem hellblauen linken Auge zu tun. Die Geschichte ist schnell erzählt: Als Kind spielte er mit Freunden in Bulgarien mit dem Flitzebogen. Kann ins Auge gehen. Ging es auch. Doch über vergangenes Pech macht Gyursel keine großen Worte. Die Zukunft zählt und an das blinde Auge ist er längst gewöhnt. „Ich kann auch so problemlos 200 Seiten am Stück lesen.“

Deutsch lesen – das macht Gyursel in jeder freien Minute. Wer Deutsch kann, lernt leichter Leute kennen, findet schneller einen Job oder eine Wohnung. Für den gelernten Heizungsinstallateur ist es auch eine Frage der Selbstbestimmung. „Ich will doch nicht wie ein Idiot danebenstehen, wenn andere reden“, sagt er. Schon seine Eltern legten Wert darauf, dass er für sich sprechen kann. „Türkisch ist meine Muttersprache, aber ich spreche besser Bulgarisch“, erzählt Gyursel. Dass er auch Russisch kann, vergisst er fast zu erwähnen.

Es ging ihm lange gut in Bulgarien, sagt Gyursel. Er hatte eine Familie, arbeitete als Hausmeister im Kindergarten. „Das hat mir immer Spaß gemacht.“ Nebenher betrieb er mit Freunden ein Café. Doch dann gab es Stress zu Hause, seine Frau zog aus und nahm den gemeinsamen Sohn mit. Als seine Mutter starb, war Gyursel plötzlich allein. Zeit zu gehen, dachte er. In Deutschland würde er sich neue Chancen aufbauen.

Gesagt, getan: Bald nach seiner Ankunft 2013 fand Gyursel in Bremerhaven einen Job als Hafenarbeiter. Eine Wohnung fand er auch schnell. „In der Stadt stehen viele Häuser leer“, erzählt er. Doch die Arbeit im Hafen wurde zum Problem. Er musste mit Chemikalien hantieren, auf die er allergisch reagierte. Da war er den Job wieder los.

Ein Jahr später führte ihn die Arbeitssuche nach Hamburg. Über neue Kontakte fand Gyursel immer wieder Jobs, meist auf dem Bau. Doch die Chefs rückten keinen Arbeitsvertrag heraus, seine Chancen auf einen Mietvertrag sanken gegen Null. Gyursel war klar, dass sich das gute Leben in Deutschland nicht von allein ergeben würde. Er hatte vorgesorgt, Geld verdient und gespart – und doch musste er sich mit zehn anderen Männern eine überteuerte Wohnung teilen. „Das ist schlecht, ständig gibt es Streit“, sagt er. „Ich suchte meine Ruhe, aber so ging das nicht.“

Gyursel beschloss, etwas zu ändern. Als die Jobs auf dem Bau im Winter weniger wurden, setzte er sich mit einem Wörterbuch in die TAS, die Tagesaufenthaltsstätte der Diakonie, und las deutsche Bücher. Wort für Wort, Tag für Tag. „Wenn man Lust dazu hat, geht das.“ Als er sich dem Deutschkurs in der TAS anschloss, ging es noch schneller. „Ich kenne kaum einen Schüler, der so zielstrebig ist wie Gyursel“, sagt seine Lehrerin Brigitte von Hammerstein.

Seit 2015 hat Gyursel auch einen Hinz&Kunzt-Ausweis. Den Winter über verkaufte er das Straßenmagazin in der Nähe seines Wohncontainers am Lattenkamp. Dass er nicht Platte machen musste, war großes Glück. Über die TAS hatte er einen Platz im Winternotprogramm der Diakonie gefunden. „Ich bin da gut bekannt“, sagt er. „Alle helfen mir.“

Seit dem Frühjahr hat Gyursel wieder Arbeit und sein Hinz&Kunzt-Ausweis ruht daher. Zurzeit hat er sogar zwei Chefs, die anrufen, wenn er gebraucht wird. Ein fester Vertrag mit Sozialversicherung wäre besser. Aber Gyursel beklagt sich nicht. Einiges hat er schon geschafft: Er wohnt jetzt in seinem eigenen Zimmer in einer Dreier-WG. „Und ich habe eine neue Sprache gelernt“, sagt er. „Das ist immer gut für die Zukunft.“

Text: Annabel Trautwein
Foto: Mauricio Bustamante

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