Lebenslinien : „Ich verstehe, was die Flüchtlinge durchmachen“

April-Ausgabe
Ihre Familie flüchtete aus Afghanistan, da war Zahra 14. Heute ist sie 19 Jahre alt und macht ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei den Medical Volunteers in Hamburg. Und das zum Teil dort, wo sie selbst in Not war: in Griechenland. Foto: Mauricio Bustamante

Sie ist selbst eine Geflüchtete, hat es 2015 bis nach Hamburg geschafft. Inzwischen hat Zahra ihr Abi gemacht – und ist im Einsatz für andere Geflüchtete. Und zwar für solche, die wie sie damals in Griechenland gestrandet sind.

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Wir lernen Zahra im Hamburger Büro von Medical Volunteers International (MVI) kennen. Einem Verein, der freiwillige Kurzeinsätze von erfahrenen und jungen Ärzt*innen, Krankenschwestern und -pflegern aus aller Welt koordiniert. Die fahren dann für zwei Wochen nach Athen, Thessaloniki oder Lesbos, um Geflüchtete medizinisch zu versorgen.

Zahra absolviert bei MVI ihr Freiwilliges Soziales Jahr. An Weihnachten 2019 war die 19-Jährige selbst als Übersetzerin und Koordinatorin in Griechenland. Sie hat dort Menschen getroffen, die keine Krankenversicherung hatten – wie sie selbst, als sie und ihre Familie in Griechenland gestrandet sind. Besonders berührt war sie jetzt von dem Schicksal eines kleinen Mädchens – das wie sie aus Afghanistan kommt. „Sie war erst dreieinhalb. Durch einen Terroranschlag ist das Kind so traumatisiert und krank, dass es unter epileptischen Anfällen leidet“, erzählt Zahra. Geld für Medikamente hat die Familie nicht. Situationen wie diese sind schwer auszuhalten für sie. „Das Kind ist so unschuldig, und es muss so leiden“, sagt sie. Deswegen findet sie Medical Volunteers so wichtig: „Wir konnten Medikamente besorgen und jetzt kann man ihre Anfälle besser kontrollieren.“

Schutzlosen Menschen will Zahra helfen. Denn sie weiß, was sie durchmachen. Denn auch sie war damals auf der Flucht oft auf die Hilfe anderer angewiesen. Aber der Reihe nach: 2014 musste ihre Familie aus Afghanistan fliehen, „weil wir von den Taliban bedroht wurden“. Auf Lesbos wurden sie im berüchtigten Camp Moria untergebracht. Die Bedingungen waren damals Gold im Vergleich zu heute. Aber es war auch schon hoffnungslos überfüllt. Während Zahras Aufenthalt lebten dort etwa 4000 Menschen, heute sind es 20.000. Ausgelegt war es auf 2800.

Damals wurde man allerdings nicht wie heute auf der Insel festgehalten, sondern weitergeschickt: „Wir haben ein Dokument bekommen, worauf stand, dass wir 30 Tage Zeit haben, um Griechenland zu verlassen“, sagt Zahra. „Würde uns die Polizei danach aufgreifen, kämen wir für anderthalb Jahre ins Gefängnis.“

Die Familie kam allerdings nicht weiter. Die 30 Tage waren längst um, und die Familie lebte in Athen, in der ständigen Angst, verhaftet und abgeschoben zu werden. Drei Monate lang versteckten sie sich in einer Wohnung: Zahra, ihre Eltern, ihre 15 und 9 Jahre alten Brüder und ihre einjährige Schwester.

Dann ein neuer Versuch. Bis Thessaloniki kamen sie mit dem Bus. „Wir hatten Angst, entdeckt zu werden, aber zum Glück hat niemand kontrolliert“, sagt Zahra. Zu Fuß wollten sie über die Grenze nach Mazedonien laufen. Acht Stunden sind sie unterwegs gewesen, die Großen mit schweren Rucksäcken bepackt.

„Gerettet hat mich, dass ich immer an meine Zukunft geglaubt habe.“– Zarah

Übrigens: Die Teams von Medical Volunteers versorgen in Thessaloniki viele Flüchtlinge, die vom Laufen und der Kälte Verletzungen an den Füßen und Beinen haben.

Zahra und ihre Familie hatten es fast geschafft. Aber dann wurden sie an der Grenze von der griechischen Polizei aufgegriffen. „Dabei wurde auch geschossen“, erzählt Zahra. „Deshalb ist mein älterer Bruder weggelaufen. Er dachte: ‚Wir werden hier alle sterben!‘“

Wochenlang wusste die Familie nicht, was aus ihm geworden war. Sie selbst saßen in Thessaloniki im Gefängnis. Aber sie hatten Glück: Weil Zahras kleine Schwester erst ein Jahr alt war, wurden sie alle nach zwei Wochen ­wieder entlassen.

Zahra und ihre Familie waren frei, aber ohne Papiere, ohne Krankenver­sicherung, und das Geld wurde knapp. Wieder tauchen sie in einer Wohnung unter. „Als Kind war ich nie krank“, sagt Zahra. „Aber genau jetzt bekam ich eine Infektion und hatte starke Schmerzen.“ Es war um die Weihnachtszeit und die Arztpraxen hatten zu. Sie ging ins Krankenhaus. „Der Arzt fragte nur nach meiner Krankenversicherung – und als ich antwortete, ich habe keine, sagte er: ‚Schönen Feierabend!‘“ Diesen Moment der Hilflosigkeit wird Zahra nie vergessen. Immerhin: Eine Apothekerin riet ihr zu einem Antibiotikum und verkaufte es ihr aus Mitleid ohne Rezept.

Medical Volunteers International

Mit 500 Freiwilligen jährlich behandelt Medical Volunteers International (MVI) ca. 4000 Patient*innen monatlich. Trotz Einschränkungen durch Corona arbeitet Medical Volunteers weiter, aber eingeschränkt. Neue Freiwillige werden nicht auf die Insel Lesbos gelassen, aber einige Mitglieder alter Teams haben verlängert. Mehr Infos bei Facebook.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es auch im Camp Corona-Fälle geben wird. Moria ist für 2800 Menschen vorge­se­hen, untergebracht sind dort 20.000. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Experten fordern die sofortige Evakuierung des Lagers.

40 Tage sollte es dauern, bis sie wieder etwas von dem vermissten Bruder hörten. Er hatte sich nach Deutschland durchgeschlagen. Aber auf dem Amt war ein verhängnisvoller Fehler passiert, sagt Zahra. Sein Nachname wurde falsch aufgenommen. Damit platzte die Familienzusammenführung. „Und noch mal zu Fuß über die Grenze, das hätten wir nicht geschafft, nicht mit meinen kleinen Geschwistern.“ Zumal es inzwischen Winter und sehr kalt geworden war.

Ihre Ersparnisse gingen nun endgültig zur Neige. Zahra fasste schweren Herzens einen Entschluss: „Papa, bitte erlaube mir, alleine zu gehen, ich werde es schaffen! Wenn ich hierbleibe, dann kann ich nicht in die Schule gehen, dann habe ich keine Zukunft und ihr auch nicht!“ Die Eltern wollten das erst nicht erlauben. Aber Zahra blieb eisern: „Warum denkt ihr, dass ich das nicht schaffe oder sterbe, seid ein bisschen positiv!“ Endlich lenkten die Eltern ein.

Zahra schluckt, als sie das erzählt. „Meine Angst war schrecklich, aber vor allem: Ich war zum ersten Mal in meinem Leben allein“, sagt Zahra. „Und das war nicht eine Einsamkeit, die irgendwann aufhört. Ich wusste, dass ich gehe und vielleicht meine Eltern nie wiedersehe. Ich wusste auch nicht, ob ich wirklich ankomme – oder nicht.“

„Das war nicht irgendeine Einsamkeit, die irgendwann aufhört.“– Zarah

Ihre Flucht hört sich an wie eine Horrorstory – allerdings mit Happy End. Dreimal wird sie mit falschen Papieren einer Chinesin, die ihr ein Schlepper besorgt hat, auf dem Flughafen aufgegriffen. Trotzdem: „Ich musste es immer wieder versuchen. Ich wusste, dass das Geld nicht mehr lange ausreichen würde. Es war es die einzige Möglichkeit, um die Familie zu retten.“ Dann steigt sie in einen Zug und hat solche Angst, dass sie die ganze Zeit weint. Ihr Glück. „Meine Augen waren total geschwollen. Die Kontrolleure haben nur gesagt: ‚Du bist die Chinesin, alles klar!‘“

Am Ende hat sie es geschafft. Sie kommt in Hamburg an. Ihr Bruder holt sie am Hauptbahnhof ab. Sie fallen sich glücklich in die Arme. Aber Zahra merkt schnell, dass man für eine Familienzusammenführung einen Anwalt braucht. Und dass man den bezahlen muss. Geld hat sie aber keines mehr. „Früher habe ich immer gesagt: Geld ist nicht wichtig. Wichtig ist nur Menschlichkeit“, sagt Zahra. „Aber inzwischen weiß ich, dass Geld auch eine große Rolle spielt.“

Die Rettung hat tatsächlich viel mit Geld zu tun, aber vor allem mit Menschlichkeit und Empathie. Ihre ­Eltern lernen nämlich in Griechenland eine Deutsche kennen. Sie besucht Zahra und ihren Bruder in Hamburg. „Sie sagte: ‚Zahra, mach dir keine Sorgen! Wir werden das Geld schon auftreiben, und deine Eltern werden nach Deutschland kommen!“ Und tatsächlich: Ein Jahr später ist die Familie wieder zusammen. Noch heute sind Zahras Familie und die der Deutschen eng befreundet.

Die Medical Volunteers wurden von Kai Wittstock gegründet. Früher half er bei der ehe­maligen Kleiderkammer Messehallen mit, dem Vorläufer von Hanseatic Help. Zahra unterstützt bei der Koordination. Foto: Mauricio Bustamante

Viel ist passiert seitdem. Die Kinder gehen in die Schule, die Eltern zum Deutschkurs und sie bereiten sich auf die Berufstätigkeit vor. Zahra hat inzwischen ihr Abitur gemacht – mit einem Notendurchschnitt von 1,8. Sie hatte die ganze Zeit ein Ziel vor Augen: „Ich will Medizin studieren.“ Schon als Kind wollte sie das. Aber ihre Erlebnisse auf der Flucht haben sie noch mehr motiviert. „Als ich nach Deutschland kam, hat jeder gesagt: ‚Das ist unmöglich, das schaffst du nicht. Du musst ­einen Plan B haben!‘“, sagt Zahra ­lachend. „Aber ich habe immer gesagt: Das werde ich schaffen, egal, wie lange es dauert – und einen Plan B wird es auf keinen Fall geben.“ Und den braucht sie jetzt auch nicht mehr.

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Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Birgit Müller
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.

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