Budapester Tagebuch #3 : „Ich hatte keine Lust zu lernen, wie man jemanden umbringt“

In Zügen und zu Fuß auf der Autobahn bewegen sich tausende Flüchtlinge seit Tagen gen Norden. Eine zentrale Zwischenstation ist der Bahnhof in Budapest. Unser Autor Frank Keil ist vor Ort und berichtet über seine Begegnungen mit Helfern und Flüchtlingen.

Kurz nach Mitternacht. In meiner kleinen, tagsüber so schnuckeligen Straße ist in den verschiedenen Bars auch diese Nacht schwer Party angesagt. Junge Leute stehen auf der Straße, stehen in den Hauseingängen und sie quatschen und sie lachen und sie gröhlen, als sei es das letzte Mal in ihrem Leben. Sollen sie. Ich war auch mal jung (bin es noch).

Und wo nicht an Schlaf zu denken ist, will ich nochmal zum Bahnhof. Will wissen, wie es jetzt dort aussieht. In der Nacht zuvor – so hat man mir heute erzählt, seien nach und nach rund 1000 Leute angekommen – und die meisten seien eben noch in der Nacht oder in den Morgenstunden weitergereist Richtung Westen. Weshalb man am Morgen nichts davon sah. Gar nichts.

Ich sprach eine junge Helferin an, wie die Situation sei. Nun: An der Grenze von Serbien nach Ungarn sitzen aktuell 12.000 Flüchtlinge fest. Weitere 10.000 seien im Land unterwegs. Um am Ende nach Budapest zu gelangen, um von hier den Zug Richtung Österreich zu nehmen. „Ich weiß nicht, wie lange die Grenze nach Österreich noch offen ist; vielleicht ein paar Tage. Keine Ahnung, was dann passiert“, sagte sie noch. Weshalb auf den Zetteln, die überall hängen in Arabisch und Englisch darauf aufmerksam gemacht wird, dass sich die Situation an der österreichischen und an der deutschen Grenze jederzeit ändern könne und man sich mit seiner Weiterreise nicht allzu viel Zeit lassen sollte.

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Rund um den Bahnhof nächtigen die Flüchtlinge in Zelten und warten auf die Weiterreise.

Ich kam mit Macher ins Gespräch, ein Helfer, der – so erzählte er – selbst eine Fluchtgeschichte hinter sich hat: In Kuwait geboren, erst im Irak, dann in Syrien aufgewachsen, flüchtete er von dort, als man ihn zur Armee einziehen wollte („Ich hatte einfach keine Lust zu lernen, wie man jemanden umbringt und mich dabei schikanieren zu lassen.“).

Er ging zunächst nach Zypern, dann nach Bulgarien. Ohne Papiere, without anything – denn man hätte ihn ohnehin nicht aufgenommen. „Man hat mich mehrfach verprügelt, man hat mich ins Gefängnis gesteckt, aber am Ende ist alles gut gegangen“, erzählte er. Wozu er noch 1993 von Bulgarien nach Ungarn wechseln musste; damals als in Bulgarien nach einer schweren Staatskrise die öffentliche Ordnung weitgehend zusammenbrach und teilweise mafiöse Verhältnisse herrschten – dunkel erinnere ich mich. Nun aber ist er seit langem ungarischer Staatsbürger, nennt das Land seine Heimat, und er hat einen Süßigkeitenladen in der Budapester Innenstadt. „Auch mit Produkten aus Deutschland wie Milka!“, sagte er und strahlte. Überhaupt soll ich „das deutsche Volk“ grüßen, soll mich in seinem Namen bedanken für dessen Freundlichkeit den Syrienflüchtlingen gegenüber.

„Ich bin ein glücklicher Mensch, ich habe alles“, sagte er. Weshalb es eine Selbstverständlichkeit gewesen sei, hierher zum Bahnhof zu kommen, um zu helfen. „Ich weiß nicht, was mit den Ungarn los ist.“ Und er blickte mich aus seiner verspiegelten Sonnenbrille an. „Ich habe sie als so nett und herzlich und freundlich kennengelernt. Und obwohl ich eine dunklere Haut habe und etwas anders aussehe, bin ich nie schlecht behandelt worden, nie.“

Zu den aktuellen Flüchtlingsbewegungen hatte er allerdings eine ganz eigene Haltung: „Orban spinnt, Orban hat sie nicht mehr alle, aber in einem muss ich ihm recht geben: Es sollte nur der aufgenommen werden, der wirklich aus einem Kriegsgebiet kommt. Alle anderen sollte man sofort in den nächsten Flieger stecken und zurück nach Hause schicken.“ Er hatte da einen Vorschlag: „Ich spreche arabisch, und ich kann am Akzent sofort erkennen, aus welchem arabischen Land jemand kommt.“ Und so könnte er helfen herauszufinden, wer wirklich aus etwa Syrien oder wer etwa aus Ägypten komme und also nicht bedroht sei. „Aber mich fragt ja keiner.“

Wir wurden unterbrochen. Sein Kumpel brauchte ihn: „Bitte besorg‘ jemanden, der ein Handy hat und der Farsi spricht.“ Es ging um eine Gruppe Afghanen, die mit dem Zug weiter nach Österreich wollte.

Und dann zeigte er auf ein paar junge Syrier, die verlegen am Zugang zum Helferbereich herumdrucksten: „Bitte schau, dass wir für sie irgendwie Tickets kaufen. Sie haben buchstäblich nichts.“ Und Macher ging los, sich darum zu kümmern. Woher das Geld für die Tickets komme? „Spenden.“ Allerdings, die gäbe es.

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Im Bahnhof warten Flüchtlinge auf Züge, die nach Österreich fahren.

Wobei unklar ist, ob man aktuell wirklich Tickets braucht. „Gestern hat mir die Frau am Fahrkartenschalter gesagt, ich solle doch das Geld sparen, es werde niemand kontrolliert“, erzählte sein Kumpel. Aber sicher sei eben sicher. Und dann erzählte er, welches Geschäft einige Schlepper gerade jetzt machten: „Es gibt Flüchtlinge, die zahlen 6000 Euro dafür, dass sie jemand aus Ungarn nach Österreich bringt. Dabei ist die Grenze mit dem Zug offen.“ Und eine Fahrkarte bis zur Grenze koste gerade mal zwölf Euro pro Person.

Oben auf dem Bahnsteig ein ähnliches Bild wie am Tag zuvor: Lange Schlangen von Flüchtlingen warteten geduldig auf einen Zug, der sie mitnimmt. Leicht geändert hatte es sich auf Seiten der Polizei: Zwei höherer Dienstgrade waren jetzt vor Ort, erkennbar an den großen Mützen statt der schmalen Käppis, die die normalen Polizisten tragen. Und wichtige Zivilisten aus der Administration schienen anwesend zu sein: Mit kleinen Mäppchen unter dem Arm gaben sie mit kaum wahrnehmbaren Gesten ihre Anweisungen.

Überhaupt: Die Polizisten überschlagen sich nicht gerade vor Freundlichkeit, aber sie schikanieren die Leute auch nicht. Wenn man abends zum Vergleich die Fernsehbilder aus der Grenzregion zu Serbien sieht, wo Polizisten mit gezogenen Knüppeln versuchen die Flüchtlinge aufzuhalten, ist das schon ein großer Unterschied.

Und dann fuhr der Rail-Jet mit Ziel Wien auf Gleis acht ein. Und Grüppchen für Grüppchen wurde durchgelassen. Und man sah zwischendurch junge, kräftige Männer sich fahrig über das Gesicht wischen; sah, wie sie hektisch anfingen zu atmen, weil es vielleicht sein konnte, dass sie mit diesem Zug nicht mitkamen.

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Schon am kommenden Tag könnte es weitergehen. Helfer und Flüchtlinge bauen ein Zelt im Bahnhof auf.

Besonders die Helfer in ihren gelben Westen machen dann einen guten Job: Sie sprechen mit der Polizei, handeln noch ein paar Leute mehr aus, die mitkönnen. Und sie beruhigen die Situation sofort, wenn einer den Anschluss an seine Gruppe, die schon im Zug ist, verloren hat und nun wild gestikuliert und einer Panik nahe ist. Alles ging gut; alles geht gut – bisher. Danke dafür.

So war es am Nachmittag. Und jetzt ist es wie gesagt dunkle Nacht. Ich gehe an den Feiernden vorbei, biege um die Ecke und nehme die sechsspurige Rákóczi utca Richtung des Bahnhofs Keleti (es gibt noch den Bahnhof Nyugati und den Bahnhof Déli), menschenleer ist sie. Gehe fast mechanisch meinen Weg immer geradeaus (schade, dass mein Lieblingscoffeeshop geschlossen hat, natürlich ist er geschlossen), gehe über den Bahnhofsplatz, schaue nach unten auf die Unterführung – und bin mit einem Mal glockenwach! Es sind vielleicht drei-, vier-, fünfmal so viele Flüchtlinge wie am Tag. Lauter neue Gesichter.

Und ein Trubel, ein Geschnatter, ein Lachen und ein fröhliches Durcheinanderlaufen, als würde gleich ein Musikfestival starten. Die Leute rollen Isomatten aus, bauen Zelte auf oder sie telefonieren liegend auf dem Boden oder essen etwas miteinander. Und ständig wird man freundlich begrüßt, als würde man sich von irgendwoher kennen.

Ich gehe zu den Helfern: „In der Nacht kommen vorzugsweise die Familien. Sie kommen gerade aus Serbien, übernachten jetzt hier und morgen früh, wenn die ersten Züge fahren, sind sie alle wieder weg und es ist hier wieder ruhig“, sagt mir eine junge Helferin. Und ja, es sei ein bisschen anstrengend nachts zu arbeiten, aber sie würden eben am meisten in der Nacht gebraucht. Sie kommt aus Schweden: „Wir sind eine ganze Gruppe“, sagt sie lachend und dann muss sie sich um den jungen Mann kümmern, der nicht einsehen will, dass es heute Decken nur für die Kinder gibt und er keine bekommen kann.

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Neue Freunde gewonnen: Am Bahnhof lernte Frank Keil die Flüchtlinge Ammar, Osama, Essam, Hamid und Ali (von links nach rechts) kennen.

Ich lerne Ammar kennen, also das geht so: Ammar sieht mich von weitem, er lächelt mich an, er geht auf mich zu, dann nimmt er mich halb in den Arm und reißt sein Handy hoch. Klick – und schon sind wir verewigt: er stolz lächelnd, ich etwas verdattert. Und dann erzählt er mir ein bisschen von sich.

Ammar kommt aus Syrien, ist mit vier Freunden unterwegs, über die Türkei, dann Griechenland, Mazedonien, Serbien, und an der ungarischen Grenze haben sie ein Taxi nehmen können, dass sie hierher gebracht hat. Für 1000 Euro!

Er weiß, dass ist viel zu viel, aber was hätten sie denn machen sollen? Besorgt fragen mich seine Freunde, die längst dazugekommen sind, ob die Grenze nach Österreich noch frei sei. Da kann ich sie beruhigen. Und sie nicken erleichtert, und sie sind überhaupt froh, dass sie es bis hierher geschafft haben, und sie wollen natürlich nach Deutschland, weil Deutschland gut ist und die Menschen gut behandelt, und Ammar hat schon einen Onkel in Deutschland, das wird helfen. „Vier von meiner Familie sind umgekommen“, sagt er. „Vier.“

Jetzt aber suchen sie sich einen Schlafplatz, jeder drückt mir die Hand und jeder strahlt mich an, und sie sind wirklich glücklich, dass sie nun in Budapest sind. Und wir tauschen noch unsere Namen aus und Ammar spricht zweimal sehr deutlich „Frank“ aus, als sei das jetzt ein wichtiges Wort, dass er sich für sein neues Leben merken müsse.

Ich schlendere weiter herum. Es ist – vielleicht ist das jetzt unpassend, das so zu sagen – eine sehr nette Stimmung. Ein paar Jugendliche spielen aufgekratzt Fußball, bis man ihnen sagt, dass das zu laut ist. Ein älterer Mann spült sich mit Wasser hingebungsvoll die Füße ab. Am Stand von Al-Wafaa stehen jetzt nur junge Frauen statt der ernsten, älteren Männer, die meisten ohne Kopftuch. Und ich lande wieder bei den Helfer-Partyzelten, und Christer spricht mich an, zeigt auf meine Kamera – ah, ein Journalist.

Auch er gehört zu der schwedischen Gruppe, wollte eigentlich nur eine Woche hier sein, aber hat nun verlängert: „Weil ich mich jeden Tag mehr über das ärgere, was bei uns in der Zeitung steht. Ja – sie fahren wirklich mit einem Schlauchboot übers Meer! Ja – es sind wirklich viele Syrier. Ja – sie wollen nicht einfach unser Geld, sie wollen sich aus eigener Kraft eine Existenz aufbauen.“ Er weist mich auf ein Auto hin, das gerade abfährt: ein Helfer unterwegs zur serbischen Grenze, er sammelt Flüchtlinge ein, damit sie nicht auf die Schlepper angewiesen sind oder die räuberischen (Christers Wort) Taxifahrer. Eine Art kleiner Pendelverkehr. Ab dem 15. September könnte das verboten sein – die ungarische Regierung hat ein Eilgesetz beschließen lassen, das mit sehr vagen Formulierungen Hilfe für Flüchtlinge unter Strafe stellt.

„Hier zu sein ist wie eine Fortbildung für mich. Und mehr als das: Ich weiß, dass ich anders nach Hause kommen werde“, sagt Christer noch. Dann wird er gerufen, er entschuldigt sich, sie müssen den Rest der Nacht arbeitsmäßig untereinander aufteilen.

Und ich schlendere noch ein wenig weiter, sehe dann meine fünf syrischen Jungs in einer Nische liegen, und sie sehen mich auch. „Hallo Frank“, rufen sie und winken. Dann legen sie sich wieder hin. In zwei Stunden, um vier, öffnet der Bahnhof, dann können sie sich für Tickets anstellen. Zwei Stunden später fährt der erste Zug und es geht weiter. Da können sie ein bisschen Schlaf gut gebrauchen.

Text und Fotos: Frank Keil

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