Budapester Tagebuch #2 : Hilfsbereite Ungarn unterstützen die Flüchtlinge

Viele Flüchtlinge sind in den vergangenen Tagen aus Ungarn nach Deutschland gelangt. Am Bahnhof von Budapest versorgen inzwischen Helfer die verbliebenen Flüchtlinge. Unser Autor Frank Keil ist vor Ort und berichtet.

Nicht weit von meinem Apartment liegt die Kürt Utca, die Kürt Straße. Das Haus mit der Hausnummer vier beherbergt ein Tageszentrum von „Menhely Alapítvány“. Zu deutsch: „Stiftung Obdach“. Obdachlose erhalten hier mittags eine Mahlzeit, sie können sich rechtlich beraten lassen; sie können sich duschen und ihre Wäsche waschen. Und: Im Keller gibt es einen großen Raum, in dem Obdachlose ihren wenigen Besitzstand tagsüber lagern können. Im hinteren Teil des Hauses ein Schreibtisch, inmitten von Regalen, aus denen Unterlagen quellen: Sitz des Budapester Straßenmagazins „Fedél Nélkül“. Was etwa heißt: kein Dach mehr über dem Kopf haben.

Mich empfängt Zoltan Gurály; Soziologe, Sozialarbeiter, Mann für alles und schon seit Jahren bei „Menhely Alapítvány“ dabei. Wir unterhalten uns auf erst auf Englisch, bald auf Deutsch lange über die Geschichte der Einrichtung, die es nun seit 25 Jahren gibt; über die Geschichte der Straßenzeitung, über die große und leider wachsende Armut im Land. Und irgendwann sind wir bei den Flüchtlingen angelangt. Als ich nämlich seine Bemerkung aufgreife, dass es in Ungarn keine allzu große Kundschaft für ein Obdachlosenmagazin wie ihres gäbe, da es in Ungarn nicht sehr populär sei, Menschen, die in Not sind, zu helfen.

Warum das so sei? „Sehr, sehr komplizierte Frage!“, sagt er und wechselt interessanterweise zurück ins Englische. „Die allermeisten Ungarn teilen die Auffassung unserer Regierung, dass die Flüchtlingen Aliens sind, die bei uns einfallen“, sagt er. Und dann erzählt er von der Angst der Ungarn: „Seit 2010, als die Regierung wechselte und mit Orban die Rechtskonservativen an die Macht kamen, hat sich so viel verändert. Nichts scheint mehr sicher. Nun sehen wir, dass weitere Veränderungen auf uns zu kommen – und das macht uns Angst.“ Und diese Angst werde noch dadurch verstärkt, dass die Ungarn schon einmal erfahren hätten, wie es ist, wenn man alle Gewissheiten verliere: 1990, als nach dem Ende des Staatssozialismus nichts mehr so blieb, wie es vorher immer war.

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Vor allem junge Menschen unterstützen die Flüchtlinge. Auch eine Wasserstation wurde hergerichtet. So können sich Flüchtlinge immerhin waschen und rasieren.

Er rauft sich nicht gerade die Haare, aber es ist kurz davor. „Tut mir leid, dass ich dieses heikle Thema angesprochen habe“, sage ich, aber er winkt ab: „Ja, es ist beschämend, was passiert und wir alle, die wir hier arbeiten, diskutieren seit Tagen, was eigentlich los ist.“

Und dann platzt es aus ihm schier heraus: „Orban ist nicht plötzlich ein böser Mann. Er macht mit den Flüchtlingen das, was er mit uns uns macht. Du musst arbeiten, sonst … Er sagt nicht direkt: ‚Dann musst du verhungern‘, aber er meint es schon so.“ Und er nennt den Tagessatz, den ein Wohnungsloser heute in Ungarn erhält: umgerechnet 2,30 Euro. „Das ist nichts! Wie sollst du davon leben?“ Und er schüttelt den Kopf, und er sagt: „Ungarn ist so ein komisches Land.“

Dann muss er los. Zoltan hat wie viele seiner Landsleute einen Zweitjob:„Als wir vor Jahren hörten, dass es so was in den USA gibt, haben wir darüber gelacht. Heute haben die allermeisten meiner Freunde zwei Full-time-Jobs. Und auch das schlägt auf die Stimmung.“

Ich gehe wieder zum Bahnhof Keleti, an dessen Portal heute einträchtig die Flagge Ungarns und die der Europäischen Union weht. Wo unterhalb des Bahnhofsplatzes auf der breiten Fläche hin zur Metrostation weiterhin eine überraschend lockere Stimmung herrscht. Essen wird angeboten, mit Kindern wird gespielt, bereitwillig geben die Flüchtlingen den nach wie vor zahlreichen Journalisten kurze Interviews. Neu ist eine Station, wo die Flüchtlinge ihre Handys aufladen können; dazu gibt es freies Wlan. Die Zeugen Jehovas haben mittlerweile einen Stand aufgebaut und verbreiten ihre Vision, wie alles gut werden kann. Viel Zuspruch erhalten sie nicht. Anders bei der Konkurrenz: bei der Al-Wafaa Campaign, einer muslimischen Hilfsorganisation, die sich besonders dem Schutz der Familie verpflichtet fühlt. Sie können mit handfestem aufwarten, dass ihnen gerne abgenommen wird: mit Obst und Brot und Getränken.

Was auffällt: Die Helfer und Helferinnen mit ihren selbstgemalten Namensschildern sind weitgehend junge Leute. Und in der Regel deutlich unter 30. Ältere Ungarn stehen oben und schauen nach unten. Oder kommen vielleicht ein paar Treppenstufen herunter, blicken auf das quirlige Chaos und schütteln dann den Kopf, und ich muss an Zoltan denken und seine These von der Angst vor Veränderungen, die den Ungarn so sehr in den Knochen sitze.

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Für die Flüchtlinge ist es wichtig, Kontakt zu Verwandten und Freunden zu halten. Gut, dass es für sie jetzt eine Ladestation im Bahnhof gibt.

Und wie soll es jetzt hier weitergehen? Es ist zwar noch mal warm und klasse sonnig geworden, aber auch hier kommt in den nächsten Tagen der Herbst an. Was, wenn es anfängt zu regnen? Wenn es sich einregnet? Was, wenn es nicht nur in der Nacht kalt ist?

Als habe man meine Gedanken gehört, tut sich gegen 16.15 Uhr etwas im Bahnhof. Die Flüchtlinge, die sich dort zu einer langen Schlange vor den Absperrungen formiert haben, werden zu einem Zug durchgelassen.

Ein Regionalzug, er geht an die österreichische Grenze – und die Polizei winkt alle durch. Niemand muss seinen Paß vorzeigen; die Beamten schauen nicht mal auf die Fahrkarten, die ihnen die Flüchtlinge einer nach dem anderen demonstrativ entgegen halten. Weiter, weiter – winken sie. Und die Menschen hasten zu den Abteilen.

Wobei auch jetzt noch darauf geachtet wird, dass alles seine staatsungarische Ordnung hat: Die normalen Fahrgäste bekommen die Anweisung, sich in die vorderen zwei Waggons zu setzen; für die Flüchtlinge sind die hinteren beiden gedacht. Nicht, dass man vielleicht während der gut zweistündigen Fahrt zusammen sitzt, womöglich mit einander redet und sich gar kurz kennenlernt!

Nicht alle kommen mit. Aber keine Panik, beruhigt die Polizei. In einer Stunde führe der nächste Zug und der gehe gleich nach Salzburg. Und auch als einer der jungen Männer verspätet zu seiner Familie will, einfach losrennt, auf den fahrenden Zug springt, die Tür aufreißt, der Zug daraufhin sofort bremst, bleiben die Polizisten entspannt. Und sie bitten die Schaffnerin, den Zug einfach noch mal abzupfeifen. Was sie dann auch tut.

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Gleich neben der Absperrung am Bahnhof hängt ein Aushang, der den „sicheren“ Fluchtwege nach Österreich zeigt.

Aufbruchstimmung auch im Camp, wo sich die Nachricht von den Zügen sofort herumspricht. Die, die mit dem Salzburger Zug mitwollen, die nicht auf Freunde oder Familienangehörigen warten, die noch irgendwo unterwegs sind oder festsitzen, packen ihre Sachen; nehmen sich noch was zu Essen für die Fahrt mit; Bananen, Äpfel, Kekse und jede Menge Wasserflaschen. Und die Helfer fangen langsam an, Essen und Kleidung in Kartons zu verpacken. Aber so, dass alles griffbereit steht, denn die nächsten Flüchtlinge werden in den nächsten Tagen kommen und auch sie wollen dann versorgt werden.

Ich gehe runter Richtung Donau („Du warst noch nicht an der Donau?“, hatte mich Zoltan fassungslos gefragt). Gehe durch breite Straßen, die von mal mondän-modernisierten, mal morbide-heruntergekommenen Großbügerhäusern gesäumt sind, die bis in den Himmel ragen; schaue am Donauufer nach drüben auf die Pester Seite, wo sich die mächtige Burg erhebt und mir wird noch mal ganz anders klar, dass Österreich-Ungarn ja tatsächlich mal eine Weltmacht war, mit Wien im Westen und Budapest im Osten als die jeweiligen Zentren. (Vielleicht ist man deshalb so hart gegen die, die sich einbilden, sie könnten auf eigene Faust ihr Glück suchen? Könnte ja sein).

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Gleich am Donauufer befindet sich das Mahnmal für die zwischen 1944 und 1945 ermordeten Juden, die erschossen und dann in den Fluss geworfen wurden.

Auf der Uferpromenade, auf halber Strecke zum Parlament, stoße ich auf Dutzende von Schuhen, die an der Kante zum Fluss aufgereiht stehen. Schuhe aus Eisen – ein Mahnmal für die Tausenden von Juden, die die Pfeilkreuzer, die ungarische Variante der Nationalsozialisten, hier zwischen 1944 und 1945 erschossen und dann in den Fluss geworfen haben.

Text und Fotos: Frank Keil

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