Friedrich, 48, verkauft bei Rewe in Ochsenzoll. Sein Leben war lange bestimmt von schrecklichen Erfahrungen in seiner Kindheit.
Es gibt in seinem Leben den einen Tag, an dem alles ins Rutschen kam. Friedrich war sieben Jahre alt, seine Eltern waren in den Urlaub gefahren und hatten ihn bei einem Verwandten gelassen. „Da sind Dinge passiert, die nicht hätten passieren dürfen“, erzählt er. Der Verwandte habe ihn sexuell missbraucht. Bis heute plagt Friedrich, dass seine Eltern ihm nicht glauben wollten: „So etwas gibt es bei uns in der Familie nicht“, hätten sie ihm entgegnet.
Auf dessen Beerdigung entlud sich dann der ganze Hass auf seinen Peiniger: „Ich habe ihm aufs Grab geschissen“, berichtet er. Mit 16 Jahren landet er daraufhin im Heim. Besser wurde es nicht: Auch dort sei er missbraucht worden, erzählt Friedrich mit fester Stimme und dreht eine Zigarettenschachtel in der rechten Hand. „Die Leute sollen wissen, dass sie trotzdem etwas für sich tun können“, sagt er dann. Wir sollen seine Geschichte erzählen, damit sich andere ein Beispiel daran nehmen: „Ich hab’s doch auch geschafft!“
Doch es war ein langer Weg. Seine schrecklichen Erfahrungen haben sein ganzes Leben bestimmt. Jahrelang hat Friedrich Heroin genommen – „weil ich es nicht anders ausgehalten habe“, sagt er. Zweimal fällt er deswegen sogar ins Koma und überlebt nur knapp. Erst als er 30 ist, schafft er es, von der Nadel wegzukommen. Aber seine Vergangenheit lässt ihn nicht los: Er hat Depressionen, ist aggressiv und unruhig, kann sich nicht richtig konzentrieren. Immer wieder kommt er stationär in die Psychiatrie, insgesamt zehn Mal. „Die konnten mir nie richtig helfen“, sagt Friedrich. Zwischendrin landet er immer wieder auf der Straße, wechselt oft die Stadt. Zur Ruhe kommt er fast nie.
Erst 2017 fällt Ärzten auf, dass ihn neben den traumatischen Erfahrungen noch etwas anderes plagt: Friedrich hat von klein auf ADHS, eine angeborene Verhaltensstörung, die der Volksmund auch „Zappelphilipp-Syndrom“ nennt. Mit 47 Jahren bekommt er dagegen erstmals Medikamente. Und sie wirken! „Deutlich ruhiger“ sei der Patient damit, notieren die Ärzte. Und Friedrich kann sein Glück kaum fassen: „Mir hat das mein Leben zurückgegeben“, sagt er. In der Reha hat er außerdem viele kleine Kniffe gelernt, um seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Er weiß jetzt etwa, dass Sport ihm hilft und auch die Ernährung Einfluss hat: „Jetzt habe ich wieder Hoffnung!“
Eine Traumatherapie muss er trotzdem noch machen. Inzwischen hat er aber auch etwas anderes gefunden, das ihm Halt gibt: Seinen Verkaufsplatz und seine Kunden, die ihm Anerkennung entgegenbringen. „Ich hätte mein Leben längst weggeschmissen, wenn das nicht wäre“, sagt Friedrich. Der Verkauf von Straßenzeitungen – auch in anderen Städten – ermöglicht ihm seit Jahren, dass er im Hostel schlafen kann, meistens allerdings im Mehrbettzimmer. Auf Dauer ist das aber keine Lösung für ihn: „Ich wünsche mir einfach nur ein Zimmer, in dem ich zur Ruhe kommen kann“, sagt Friedrich und macht eine kurze Pause. „Und irgendwann eine Freundin.“
