Hinz&Künztler stellt Buch vor : „Ich habe es mir von der Seele geschrieben“

Für seine Lebensgeschichte stellte sich Jörg Petersen seiner schweren Vergangenheit – ein echter Kraftakt, auf den er sehr stolz ist. Foto: Mauricio Bustamante.

Jörg Petersen hat gemeinsam mit Karin Brose ein Buch über das Leben ohne Wohnung geschrieben: „Ich seh’ den Himmel …, aber die Straße bleibt im Kopf“.

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Jörg Petersen ist eigentlich immer bester Laune. Die blauen Augen des Hinz&Künztlers sind von fröhlichen Fältchen umrahmt, meist umspielt ein Lächeln seine Lippen. Trotz seiner ­Lebensgeschichte strahlt der 49-Jährige einen erstaunlichen Optimismus aus.

Das schätzen auch seine Kunden in Hittfeld, für die Jörg quasi zur Familie gehört. Seit acht Jahren verkauft er dort regelmäßig das Hamburger Straßenmagazin. Durch eine Kundin hat der Verkäufer vor einigen Jahren auch ein Zimmer gefunden. Und mit einer anderen Kundin, Karin Brose, hat er jetzt sogar ein Buch veröffentlicht. Mehrere Monate haben der Hinz&Kunzt-Verkäufer und die Autorin und ehemalige Studienrätin an „Ich seh den Himmel …, aber die Straße bleibt im Kopf“ gearbeitet. Der schmale Band enthält Texte von beiden: über das Leben auf der Straße, über Scham, das Überleben – und über Hoffnung und Hilfe.

Karin Brose fand die intensive Zusammenarbeit mit Jörg bereichernd. „Ich habe einen sehr ungewöhnlichen Menschen kennengelernt“, sagt die 69-Jährige. „Und ich habe viel gelernt. Normalerweise bin ich ein bisschen wie eine Dampfwalze: Ich nehme mir etwas vor und ziehe das durch. Mit Herrn ­Petersen (Anm. der Red.: Karin Brose siezt Jörg aus Hochachtung, wie sie sagt.) ging das nicht. Er hatte sein eigenes Tempo.“
„Es war eine verdammte Herausforderung“, fasst Jörg zusammen. Ein ungewohnt krasser Ausdruck für den immer so sanft auftretenden Mann. Aber zwischendurch geriet sein Schreibfluss ins Stocken. „Als das Persönliche kam, war mein Papierkorb ziemlich voll: Ich habe viele Seiten weggeworfen. Manchmal kamen mir dabei die Tränen.“

Obdachlosigkeit ganz persönlich:

Das Buch: „Ich seh’ den Himmel …, aber die Straße bleibt im Kopf“, Karin Brose/Jörg Petersen, Books on Demand, 7,99 Euro
Lesung: Am So, 15.12., lesen Jörg Petersen und Karin Brose aus dem Buch, Sonnenschein Café, Mathilde Bar Ottensen, Kleine Rainstraße 11, 15 Uhr, Eintritt frei

Mit „das Persönliche“ meint Jörg vor allem seine Kindheit. Der Vater war heimlicher Alkoholiker und gewalttätig, „Gürtel und Zollstock kamen regelmäßig zum Einsatz“. Jörg stand unter Druck, auch in der Schule, und hatte ständig Angst zu versagen. Zweimal hatte er einen Fahrradunfall, war bewusstlos, musste lange im Krankenhaus liegen. „Zum Glück hatte ich einen tollen Klassenlehrer und meine Oma, der ich mein Herz ausschütten konnte.“ Als er volljährig wurde, zog er aus. „Ich musste da weg“, erzählt Jörg. Sein Lächeln ist beim Erzählen erloschen.

Es folgen viele Stationen: „Zuerst habe ich auf Sylt in einem Eiscafé gejobbt. Da habe ich zuerst im Strandkorb geschlafen.“ Später landete er in einer Drückerkolonne. Es folgten Jobs in Berlin in einer Kneipe, als Klomann, als Pförtner und als Vertreter für Schallplatten. Die Wohnverhältnisse waren meist prekär: Jörg bewohnte oft nur ein Zimmer oder war Untermieter in einer Wohnung.

„Ich fing irgendwann an zu spielen. Heute bereue ich das.“– Jörg Petersen

„Nach ein paar Jahren wurde mir Berlin zu stressig“, sagt Jörg. Er kam nach Hamburg, lebte kurze Zeit auf der Straße, fand dann ein Zimmer und einen Job als Briefträger. Den machte er zehn Jahre lang. „Das war am Anfang toll: frische Luft und freie Zeiteinteilung.“ Aber Jörg wurde oft als Springer eingesetzt, hatte immer neue Touren, für die er lange brauchte. „Ich fühlte mich überfordert – und fing irgendwann an zu spielen. Heute bereue ich das.“

Er verschuldete sich und verlor die Wohnung, machte Platte und schaffte es aber trotzdem noch, zur Arbeit zu gehen. „Zwei, drei Kollegen wussten davon, aber das war anstrengend.“ Irgendwann konnte er nicht mehr, meldete sich krank – „und dann habe ich nie mehr etwas von mir hören lassen“.

Stabilisiert hat sich Jörg erst wieder durch Hinz&Kunzt: „Durch den Verkauf bin ich sesshaft geworden, habe ein Umfeld, das mich unterstützt.“ Mit seiner Vergangenheit hat Jörg seinen Frieden gemacht. „Ich bin dankbar für jeden Schritt, das hat meinen Charakter gestärkt.“ Auch das Buch hat ihm dabei geholfen. „Ich habe mir alles von der Seele geschrieben.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Sybille Arendt
Sybille Arendt
Sybille Arendt ist seit 1999 dabei - in der Öffentlichkeitsarbeit und der Redaktion.

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.