„Das halbe Leid“ : Grenzerfahrung als Theater-Performance

Pamela (Sonja Pikart) ist eine der Leidenden, die die Zuschauer für eine Nacht begleiten. Foto: Schauspielhaus/Erich Goldmann.

Die Eintrittskarte für „Das halbe Leid“ führt mitten ins Elend von Menschen, die in Not sind.  Zwölf Stunden, eine ganze Nacht, werden die Zuschauer Teil des Geschehens. Hautnah erfahren sie Angst und Gewalt, obwohl Obdachlose und psychisch Kranke „nur“ Darsteller sind. 

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„Man muss keine Angst haben“, sagt eine der Frauen, die mit mir wartet. Sie war schon mal hier. Ich fürchte mich trotzdem. Wir sind gekommen, um Elend zu erleben. In zwölf Stunden, bis morgens um sieben, werden 40 Menschen aus der Mitte der Gesellschaft in einer Barmbeker Werkshalle Mitgefühl trainieren.

Immerhin: Jeder bekommt ein Bett. So steht es im Programm zu „Das halbe Leid“, einer Performance von SIGNA für das Schauspielhaus.

Wir betreten eine unbeheizte Halle. Gestalten lauern im Halbdunkel, Parolen an der Wand: „HAUT AB!“ Ein Mann nimmt uns in Empfang. „Willkommen in unserem Verein“, sagt er. „Ich bin der Peter.“ Im beheizten Vortragsraum erfahren wir mehr. Der Peter ist Vereinsgründer, sozusagen der erste „Mitleidende“. Er hält eine Ansprache: „In unserer Gesellschaft bleiben Menschen auf der Strecke und leben auf der Straße.“ Wirkungspause.

Vieles ist in der Theaternacht nur schwer auszuhalten:
Dreck, Lärm, die Angst der anderen – so geht es bis zum Morgen. Foto: Schauspielhaus/Erich Goldmann.

Erzähl mir was Neues, denke ich. Wir sollen nun unser gewohntes Leben für eine Nacht zurücklassen, predigt der Peter weiter. „Erfahren Sie, was Leid wirklich ist.“ Dazu bekommt jeder von uns „Kursisten“ einen „Leidenden“ als Mentor und soll fünf „Leidsätze“ einhalten:

1. Ich trage deine Kleidung und deinen Namen.

2. Ich ekle mich nicht vor dir.

3. Ich darf dich nicht beurteilen.

4. Ich versuche nicht, dir dein Leid wegzunehmen.

5. Ich nehme teil an deinem Leid.

Bevor mir klar wird, wieso mich Leidsatz 4 so irritiert, werden wir im Frauenschlafsaal in einer Reihe aufgestellt. Susi, die hier das Sagen hat, wählt als Erste ihre Kursistinnen aus: „Du und du. Kommt.“ Ich werde mitgenommen von einer Leidenden mit Puppe auf dem Arm. Pamela heißt sie, und ich, eben noch Annabel, heiße jetzt Pamela IV – gemeinsam mit Pamela II und III soll ich heute Nacht so werden wie sie.

Ich versuche so zu denken wie Pamela

Unsere Mentorin führt uns zwischen zwei Metallstockbetten – „hier ist es sicher“ – und gibt uns ihre Kleidung. Ich bekomme ein löchriges Unterhemd, eine rosa Fleecejacke und eine enge Jogginghose. „Die ist etwas dreckig“, sagt Pamela. „Macht nichts“, murmele ich.

Leidsatz 2: nicht ekeln. Ich fühle mich wie nackt in der dünnen Hose, aber ich sage nichts, nehme auch die schmutzigen Socken und schlüpfe in rosa Crocs. Rosa ist Pamelas Lieblingsfarbe. Nach und nach erfahre ich, worunter Pamela leidet. Sie glaubt, dass in den Wänden Drähte wachsen, dass Wanzen in die Menschen eindringen und ihre Gedanken manipulieren.

Pamela ist eine der Leidenden, die die Zuschauer für eine Nacht begleiten. Foto: Erich Goldmann.

Pamela sagt, ihre Schutzschicht sei am Bauch durchlässig. Daher die Puppe: „Baby“ soll ihre Schwachstelle versiegeln. Sie darf sie nie weglegen. Nie. „Alkohol hilft auch, denn der macht dicht“, erklärt Pamela. Manche hier hätten das verstanden, die seien in Ordnung. Es ist ihr sehr wichtig, dass wir – Pamela II, III und IV – es auch verstehen.

Dann beginnen die Aktivitäten, die uns helfen sollen, das Leid an uns heranzulassen. Auf Pamelas Tipp hin wähle ich den Kurs „Rückenwind“ mit Annette, einer Mitleidenden, und dem obdachlosen Rollstuhlfahrer Sheriff. Sheriff sagt, er fühle sich allein und im Dunkeln gefangen. Nun sollen wir ihn in seiner Wahrnehmung bestärken. „Auch, wenn das sein Leid verschlimmert?“, frage ich. „Ja“, sagt Annette. Seine Wahrnehmung sei schließlich das Letzte, was der Leidende noch besitze.

Regel 4: kein Leid wegnehmen.

Sheriff pflichtet ihr bei. Es tue weh, wenn andere sich sperrten, sein Elend anzuerkennen. „Jedes Mal macht da ein Stückchen Seele seinen Abgang“, sagt er. Sein Blick bettelt um unser Einverständnis. Also sagen wir reihum: „Sheriff, deine Wahrnehmung ist richtig. Du bist allein und eingesperrt im Dunkeln.“ Annette lobt uns. So kämen wir dem Leid näher.

Alle 30 Minuten eine andere Aktivität. Je mehr ich mitmache, desto schneller vergeht die Zeit. Ich spiele mit beim Wahrheitsspiel, wo jede Frage ehrlich beantwortet werden muss. Ich unterhalte mich mit Leidenden über ihren Seelenschmerz, den sie „Dolores“ nennen wie eine Person, die jeder hier kennt, und löffle versalzene graue Suppe aus einem Plastiknapf.

Schlafen können die wenigsten

Ich brülle ins kalte Dunkel der Halle, um Hemmschwellen abzubauen und durchlässig zu werden. Und immer wieder versuche ich zu denken wie Pamela, die stets auf der Hut ist und alles richtig machen will. So lasse ich mich auf das Experiment ein und vergesse trotzdem  nicht, dass ich mich schützen muss.

Ich spüre einen Brocken in der Kehle– Annabel Trautwein

Nervös werde ich dennoch: Die Nacht naht. Schlafen können die wenigsten, warnt Pamela schon beim Zähneputzen. Nachts wachsen die Drähte. Nachts ist die Seele im Dunkeln allein. Nachts sind alle ausgeliefert. Pamela will sich mit einer Aktivität ablenken: weinen mit Viola. „Das tut mir immer ganz gut“, sagt sie. Ich bezweifle das, gehe aber mit. Was Pamela denkt, kann ich als Pamela IV nicht besser wissen.

Viola, die Mitleidende, zertritt eine Zwiebel, hält sie sich vors Gesicht und atmet tief ein. Dann bittet sie Pamela, die Runde anzuleiten – sie schaffe das heute nicht. Pamela umklammert ihre Puppe und bittet uns, die Augen zu schließen. „Stellt euch euren liebsten Platz in eurer Wohnung vor“, beginnt sie. Sie gibt uns Zeit, wir sollen ihn genau ins Gedächtnis rufen. „Und jetzt stellt euch vor: Der Platz ist leer. Für immer.“

Publikumsgespräch

Nach 28 Vorstellungen wird am 14. Januar 2018 zum letzten Mal die Performance-Installation „Das halbe Leid“ des dänisch-österreichischen Künstlerkollektivs SIGNA zu sehen sein. Zum Abschluss der Vorstellungsserie findet am 16. Januar 2018 um 19 Uhr im Malersaal ein Publikumsgespräch mit SIGNA und Darsteller statt. Der Eintritt ist frei. Aufgrund der großen Nachfrage werden beim Einlass ab 18.00 Uhr Zählkarten vergeben (maximal eine Karte pro Person), Malersaal, Kirchenallee 39. 

Viola greift nach einem leeren Schnapsglas, lässt ihre Tränen hinein kullern und stellt es in die Mitte für die anderen. Pamela wiederholt die Übung, jetzt ist das liebste Erinnerungsstück dran. Ich denke an ein Foto meiner Oma und spüre einen Brocken in der Kehle. Als auch mein Freund verschwinden soll, wische ich Mascaratränen in die rosa Fleeceärmel. Das Schnapsglas verweigere ich.

Plötzlich stürmt ein Mann in den Raum und würgt Pamela

Als neben mir Pamelas Stimme bricht, bin ich fast wieder ruhig. Plötzlich stürmt ein Mann in den Raum und auf Pamela zu, packt ihre Kehle und würgt sie. Pamela zappelt, sie hat nur eine Hand frei, der Leidende brüllt auf sie ein. „Lass sie in Ruhe!“, schreie ich, versuche seine Finger wegzubiegen von Pamelas Hals, vergeblich, er ist zu stark. Ich gerate in Panik. Endlich lässt er los, Pamela ringt nach Atem und in mir bricht alles zusammen. Ich schluchze hemmungslos, neben mir weint Pamela und stammelt: „Warum … gar nichts getan …“ Viola reicht mir ein Taschentuch.

Das Dunkel im Schlafsaal tut gut. Pamela sitzt neben mir auf dem Sofa und erklärt, dass die anderen ja nichts dafür können, die Gewalt komme daher, dass sie keinen Schutz hätten gegen die Drähte. Sie nimmt einen Schluck Wein aus ihrem Tetrapack. „Wenn du das so siehst, kannst du ja nie wütend sein“, wende ich ein.

Dann steht plötzlich jemand vor uns. Susi. „Ich kann dir ja mal die Puppe wegnehmen“, sagt sie leise. Pamela schreit: „Nein, nicht Baby! Niemand darf mir Baby wegnehmen!“ Aber Susi hat schon ein Puppenbein geschnappt, zerrt daran und reißt Pamela von der Couch.

Gewalt, Angst und Hilflosigkeit: Die Performance zeigt die Hoffnungslosigkeit eines
Lebens auf der Straße. Das Stück führt auch die Schauspieler des Ensembles oft an ihre Grenzen. Foto: Schauspielhaus/Erich Goldmann.

„Susi, lass“, protestiere ich schwach, aber ich habe selbst Angst und Susi hört mich gar nicht. Zum Glück kommt Hilfe. „Soll sie auch mal sehen, wie das ist, wenn man seine Kinder verliert“, ruft Susi. Pamela krümmt sich am Boden über ihre Puppe, ihr Rücken bebt, ich streichle sie. Trink einen Schluck Wein,  mach dich wieder dicht, denkt Pamela IV. Aber Annabel bringt es nicht über die Lippen.

Eine Weile halte ich noch durch, schweife mit Pamela umher, tröste sie, als sie in eine Zimmerecke erbricht. Dann kann ich nicht mehr. Inszenierung hin oder her, hier ist niemand sicher. Ich verschanze mich im Bett und lauere: schmuddeliges Kunstfaserplüsch, Planen, Kuscheltiere, umherschwirrende Lichtkegel, verhuschte Schatten. Ich horche: „… dann kriegt er einen Stein auf den Kopf …“ „Es ist immer Dolores …“ „MANN IM SCHLAFSAAL!!!“ „… wenn ich das aushalte, kann sie auch …“ „Hör auf zu weinen, Pamela!“

Wie lange noch?

Von unten das Gebrüll einer Schlägerei, ein Mädchen heult: „Mach bitte meine Musik an, bitte!“ Technobeats hämmern, Schlumpfstimme singt dazu: „Du bist mein Superhäschen …“ Als zwei Leidende Pamela überfallen, in eine Ecke zwingen, sie unter dem Vorwand einer Entschuldigung wieder hervorlocken und dann mit Bier überschütten, stelle ich mich schlafend.

Ich stelle mich schlafend– Annabel Trautwein

Pamela weint. Ein grünes Notausgangs-Schild leuchtet wie ein Versprechen. Ich könnte abbrechen. Sie nicht. Wie lange noch? Als das Licht angeht, bin ich zu schwach, um mich zu freuen. Halb sechs, noch anderthalb Stunden. Ich schlucke einige Löffel wässrigen Frühstücksbrei und schlurfe in den Morgenkreis.

Es gibt Kursbescheinigungen. Pamela setzt drei Mal ihre Unterschrift: „Ihr habt alle mit Erfolg teilgenommen.“ Dann streife ich ihre Kleider ab, ziehe mich wieder an – meine Socken, meinen warmen Wollmantel –, als in einer Ecke die Hölle losbricht: „Scheiß-Kursisten! Verpisst euch!“ Gegenstände knallen gegen die Wände. Die Frau, die mir vor zwölf Stunden Mut machen wollte, heult Rotz und Wasser.

Ich flüchte aus der Halle, umarme Pamela zum Abschied, haste über die Schwelle. Nicht mehr leiden ist mein neues Glück.

 

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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