Arbeitszeitexperiment : Wie die 25-Stunden-Woche funktioniert

Lasse Rheingans (40), Inhaber der Agentur Rheingans, hat ein Buch über „Die 5-Stunden-Revolution“ geschrieben. Foto: Rheingans.io

Die Bielefelder Beratungsagentur Rheingans hat den 8-bis-13-Uhr-Tag bei vollem Lohnausgleich eingeführt. Ein Gespräch mit Inhaber Lasse Rheingans.

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Hinz&Kunzt: Wie oft hat der Chef vergangene Woche mehr als fünf Stunden am Tag gearbeitet?

Rheingans: Gemeine Frage (lacht). Es waren auch mal sieben Stunden. Aber was ist Arbeit? Sind das nur Tätigkeiten, die mich anstrengen? Oder auch die, aus denen ich Energie ziehe? Im Büro war ich nicht länger als fünf Stunden. Aber klar, nachmittags führe ich schon mal ein Gespräch oder beantworte eine Mail.

Wie sieht es bei Ihren 14 Mitarbeiter*innen aus?

Im Regelfall schaffen die das. Derzeit sind alle coronabedingt im Homeoffice, manche haben kleine Kinder. Da können nicht alle unser Modell, von 8 bis 13 Uhr fokussiert zu arbeiten, umsetzen. Sie müssen sich selbst organisieren. Ich vertraue da meinen Leuten. Aber wenn ich das Gefühl habe,
jemand arbeitet zu viel, rufe ich an und sage: „Pass auf dich auf!“.

Und Ihr Geschäft läuft?

Ja. Allerdings haben manche Auftrag­geber­*innen wegen Corona Umsatz­einbrüche erlitten. Das spüren wir.

Wie viele Mitarbeiter*innen haben seit Einführung des neuen Arbeitsmodells vor drei Jahren gekündigt?

Fünf sind gegangen. Klingt nach viel. Doch ich habe mich jedes Mal auch gefreut. Diese Kolleg*innen hatten plötzlich Zeit, darüber nachzudenken, was sie noch im Leben möchten. Einer ist etwa in die Industrie gewechselt, ein anderer hat ein Bibelstudium begonnen. Man kann seine Arbeit nur in fünf Stunden schaffen, wenn man sie wirklich mag.

Was machen die anderen mit der vielen Freizeit?

Die eine macht mehr Sport, der andere bildet sich fort. Wobei ich Letzteres nicht erwarte. Aber das passiert, wenn Menschen im richtigen Job sind.

Was geht verloren, wenn Menschen so effizient arbeiten?

Erst mal zum Gewinn: Man kann sich nicht mehr in die Tasche lügen. Wenn 15 Leute zwei Stunden zusammensitzen, kommt meist nichts bei rum. Das sparen wir uns. Vieles läuft bei uns effizienter. Was verloren geht, ist, die Kollegin zu fragen, wie es ihr geht. Oder über das Spiel vom Wochenende zu reden. So etwas ist wichtig, weil Menschen keine Maschinen sind. Das lässt sich aber durch Teamevents auffangen – etwa eine gemeinsame Yogastunde nach der Arbeit, für die ich eine Lehrerin engagiert habe.

Sie haben sich neuerdings der Glücks­forschung zugewandt.

Wir haben gelernt: Wenn eine*r keinen Bock mehr hat, färbt das aufs ganze Team ab. Deshalb entwickeln wir ein Instrument, mit dem jede*r regelmäßig prüfen kann, ob sie oder er gesund und zufrieden und an der richtigen Stelle ist.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor:in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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