5 Jahre „Wir schaffen das!“ : Freude, Hoffnung und eine Portion Neid

Foto: dpa / Daniel Reinhardt

Die ganze Stadt hat 2015 eine immense Kraftanstrengung unternommen, um Geflüchteten eine neue Heimat zu bieten. Eine wundervolle Aufbruchstimmung! Allerdings wurden die Obdachlosen nicht mitbedacht. Und auch sonst lief einiges schief.

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Fünf Jahre ist es her, dass Deutschland eine Million Geflüchtete aufnahm und dass Kanzlerin Angela Merkel den denkwürdigen Satz „Wir schaffen das!“ sagte. Und dass an den Bahnhöfen in der Republik Einheimische die Fremden mit Freuden willkommen hießen, sie beklatschten und sie mit Wasser und Lebensmitteln versorgten. Es herrschte eine welteinmalige Willkommenskultur.

Hamburg nahm mehr als 22.000 Menschen auf, viele Hamburger*innen enga­gierten sich in Flüchtlingsinitia­tiven, wollten so den Menschen helfen, hier anzukommen.

Freund*innen fragten mich damals, ob es mich nicht frustriere, dass sich jetzt alle für die Geflüchteten engagierten. Dass es sogar dieses Motto gab: „Wir schaffen das!“ Wir schaffen es, sie unterzubringen, zu integrieren und ­ihnen eine neue Heimat zu bieten. So viel Engagement hatte es für Obdachlose nie gegeben.

Nein, dieses Engagement frustrierte mich nicht. Im Gegenteil: Es war wie ein Märchen, wie ein Traum, eine gelebte Utopie. Ein wenig trugen wir alle dazu bei, die Welt ein bisschen besser zu machen. Die Menschen, egal ob in der Politik, in den Behörden, in den Unterkünften und auch Freiwillige – sie alle arbeiteten bis an den Rand der Erschöpfung. Detlef Scheele (SPD) (siehe auch das Interview in unserer September-Ausgabe), der im September 2015 noch Sozialsenator war, platzte in der Bürgerschaft sogar der Kragen, als die ignorante AfD die Not der Geflüchteten kleinredete: „Machen Sie die Augen auf, Himmel, Arsch und Zwirn!“

In der September-Ausgabe

Geflüchtete wie Zahra (Titelbild) erzählen, wie Sie in den vergangenen fünf Jahren in Hamburg angekommen sind. Arbeitsagentur-Chef Detlef Scheele spricht im Interview über Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt. Das und mehr lesen Sie in unserem Schwerpunkt. Zum Inhalt.

Diese Meisterleistung einer ganzen Stadt, dieses „Himmel, Arsch und Zwirn“ begeisterten mich und viele in unserem Projekt. Es machte uns Mut.Ein Kollege war ganz aktiv in der Flüchtlingshilfe. Auch viele Obdachlose und Ex-Obdachlose engagierten sich.

Wie Hinz&Künztler Gerrit. Er hatte an seinem Verkaufsplatz viele Klamotten bekommen, die er verteilen sollte. Er brachte sie in die Messehallen, die größte und lebendigste Kleiderkammer der Stadt. „Ich bin da quasi hängen geblieben und habe zwei oder drei Wochen lang mitgeholfen, Klamotten in Regale zu sortieren“, erzählt Gerrit. Warum? „Weil die Flüchtlinge nichts hatten – und ich bin St.-Pauli-Fan, da ist Helfen selbstverständlich.“ Wir waren Teil der Willkommenskultur, allerdings hatten wir die Illusion, dass sie vielleicht alle umfassen könnte: Geflüchtete wie Obdachlose – auch die auf Hamburgs Straßen gestrandeten Wanderarbeiter­*innen aus Osteuropa.

Denn die Obdachlosen waren nicht erst durch die Ankunft der Geflüchteten ins Hintertreffen geraten. Sie waren es schon lange vorher. Aber jetzt wurde so richtig deutlich, was alles möglich ist, wenn eine ganze Stadt sich anstrengt. Und wenn man es nur will.

„Wer es schafft, 26.000 Menschen unterzubringen, der schafft auch 2000 mehr“, sagte unser Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Auf diese Zahl schätzten wir damals die Obdachlosen – maximal.

„Wer es schafft, 26.000 Menschen unterzubringen, der schafft auch 2000 mehr.“– Stephan Karrenbauer

Aber ziemlich schnell stellte sich heraus, dass diese Kraftanstrengung, dieser politische Wille nicht ausgedehnt wurde auf die Obdachlosen und gestrandeten Wanderarbeiter*innen. „Finanziell nicht leistbar“ sei es, sie unterzubringen, sagte Sozialsenator Detlef Scheele damals. Und das, obwohl viele der Obdachlosen sogar ein ver­fassungsmäßiges Anrecht auf Unterbringung hatten und haben. Von ­Perspektiventwicklung ganz zu schweigen. Nicht mal dafür reichten die Energie und Kraftanstrengung – und auch bei anderen Senator*innen hatten sie nie gereicht.

5 Jahre Willkommenskultur im interaktiven Zeitstrahl

Wir rekapitulieren die wichtigsten Ereignisse der vergangenen fünf Jahre. Klicken Sie sich durch unsere Zeitleiste!

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Und so wurde eine Gruppe von Menschen in Not gegen die andere ausgespielt. Damals wie heute werden mal die Geflüchteten, mal die Obdachlosen besser oder schlechter behandelt. Ein Beispiel: In der Erstaufnahme für Flüchtlinge dürfen die Menschen den ganzen Tag drinbleiben. Für Obdachlose gab es vor Corona nur im Winter ein Notprogramm, da mussten sie ­morgens raus und durften erst abends wieder rein. „Dank“ Corona hat sich das etwas geändert: Das Notprogramm läuft auch im Sommer weiter. Tagsüber raus müssen sie trotzdem.

Dafür habe ich damals Erstaufnahmen gesehen, in denen Geflüchtete auf engstem Raum untergebracht waren – da waren sogar viele Obdachlose geschockt. In dem Baumarkt, in dem ich Karim (siehe auch unsere September-Ausgabe) kennengelernt habe, lebten um die 100 Menschen in einer riesigen Halle. Männer und Frauen gemischt. Solche Zustände gibt es zum Glück nicht mehr.

Später wurden für die Geflüchteten Siedlungen und Expressbauten errichtet, wir fanden das hervorragend. Aber auch hier wurden die Obdachlosen nicht mitgedacht.

„Für viele obdachlose Bekannte von mir war es ganz schön hart.“– Hinz&Künztler Ronni

Das schürt den Neid. „Für viele obdachlose Bekannte von mir war es ganz schön hart“, sagte Hinz&Künztler Ronni. „Die hatten den Eindruck: Die Flüchtlinge bekommen plötzlich alles.“ Er selbst sei nicht neidisch gewesen. „Ich hatte damals schon eine Wohnung.“ Neulich sprach ich mit Viktor, der vor vielen Jahren als russischer Wanderarbeiter in Hamburg gestrandet war und bis heute obdachlos ist. „Deutschland wollte damals die ganze Welt retten“, sagte er bitter. „Sie hätten ja auch uns retten können. Aber ich werde nicht gerettet – nicht mal die deutschen Obdachlosen werden gerettet.“

Und was dann gar nicht mehr nachvollziehbar war: Irgendwann standen Wohncontainer leer, in denen vorher Geflüchtete untergebracht waren – und wurden nicht den Obdachlosen zur Verfügung gestellt.

Dass eine Gruppe neidisch auf eine andere ist, sind wir gewohnt. Hinz&Kunzt ist ein Kooperationsprojekt – viele haben vom Leben bislang wenig Gutes bekommen. Binsenweisheit: Je weiter unten einer steht, desto größer der Wunsch, dass unter ihm noch einer stehen möge. Das mag ihm Sicherheit geben. Das alles können wir verstehen, aber nicht tolerieren. Schlimm ist, wenn dann der Frust an denen ausgelassen wird, die ja nichts dafür können. Wenn wir wüste Beschimpfungen miterleben, bekommt jemand auch schon mal Hausverbot. In jenen Monaten kam das oft vor.

Die Verteilungskämpfe auf der Straße wurden härter

Nicht nur bei uns wurde mehr gepöbelt. Auch in der Bevölkerung machte sich Unmut breit. Besonders bitter: Auch in betuchteren Stadtteilen wollten manche Anwohner*innen die Geflüchteten nicht in ihrer Nachbarschaft ­haben – schon gar nicht Obdachlose.

Die Ungleichbehandlung und die steigende Zahl von Obdachlosen hat auch dazu geführt, dass die Verteilungskämpfe auf der Straße härter und brutaler wurden. Die Zahl der Gewalttaten hat zugenommen. Oft streiten sich Obdachlose untereinander. Erschreckenderweise geht es manchmal „nur“ um einen trockenen Schlafplatz.

Politisch kommen wir uns manchmal vor wie Dauernörgler*innen, wenn wir gebetsmühlenartig wiederholen, dass es keine bezahlbaren Wohnungen oder Unterkünfte mehr gibt. Und mit den Jahren streiten wir auf einem immer niedrigeren Niveau. Früher forderten wir bezahlbaren Wohnraum für Obdachlose, dann wenigstens Einzelzimmer in Unterkünften. Der Tiefpunkt: Aus Mangel an Alternativen setzen wir uns oft dafür ein, dass sie in einer verdreckten Ecke liegen bleiben dürfen, weil die immerhin überdacht ist.

„Ein bisschen wie bei Freunden“
Obdachlose im Hotel
„Ein bisschen wie bei Freunden“

Ausgerechnet Corona hat da für kurze Zeit etwas für uns verändert: Die Alimaus, die Diakonie und wir bekamen eine Großspende, mit der wir rund 170 Obdachlose für drei Monate in Einzelzimmern in leer stehenden Hotels unterbringen konnten. Es war das erste Mal seit Jahren, dass wir die Möglichkeit hatten, vielen Obdachlosen einfach eine gute Unterkunft anzubieten. Ein Zimmer, in dem sie willkommen waren und in dem sie Ansprech­partner*innen hatten. Drei Monate Urlaub von der Straße, in denen sie Kraft sammeln konnten. Plus drei Monate eine einmalige Willkommenskultur.

„Dass wir Obdachlosen etwas zu bieten hatten, ohne Vorbedingung – das war wie ein Sechser im Lotto“, sagte unser Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Natürlich sollen Menschen nicht ewig im Hotel wohnen, aber es könnte der Anfang für eine neue Ausrichtung sein. Aber noch gibt es ihn eben nicht, den politischen Willen zur Veränderung. Und so sind die meisten Obdachlosen trotz Corona inzwischen wieder zurück auf der Straße.

Fazit: Wie wirkungsvoll es ist, wenn ein ganzer Staat, eine ganze Stadt und viele Freiwillige einer Gruppe von Menschen helfen, zeigen unsere Zahlen (ab Seite 18 in der September-Ausgabe). Schon nach fünf Jahren haben viele Geflüchtete Deutsch gelernt, eine Ausbildung gemacht oder sie arbeiten. Aber natürlich gibt es auch noch viele Baustellen (siehe Seite 26 in der September-Ausgabe).

Bei den Obdachlosen hat sich die Situation eher verschlechtert. Auch schon vor Corona. Der rot-grüne Senat will sich nicht mal darauf festlegen, wie viele Obdachlose er mit Perspektive in Wohnungen unterbringen will. Weil die Not auf der Straße so sichtbar ist, gibt es inzwischen viele ehrenamtliche Initiativen, aber weder die Profis noch sie können auffangen, was der Staat versäumt.

Trotzdem: Wir können es uns nicht leisten, frustriert zu sein. Im Gegenteil: Diese Bilanz muss ein neuer Ansporn sein. Wir alle – der Bund, der Senat und unsere Gesellschaft – müssen den unbedingten Willen haben, es zu schaffen. Erst recht in Zeiten von Corona: Wir brauchen einen Schutzschirm für alle, die in Not sind. Nach dem Motto: „Wir schaffen das! Himmel, Arsch und Zwirn!“

Autor*in
Birgit Müller
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.

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