Obdachlose im Hotel : „Ein bisschen wie bei Freunden“

Mai-Ausgabe
Auch Hinz&Künztler Rainer ist in einem der Hotels untergekommen. Birgit Müller hat ihn für unsere Momentaufnahme getroffen. Foto: Mauricio Bustamante

Dank einer großzügigen Spende der Firma Reemtsma Cigarettenfabriken konnten Hinz&Kunzt, die Alimaus und die Diakonie Obdachlose in Hotelzimmern unterbringen. Wir haben die Hotelgäste im Bedpark im Schanzenviertel besucht.

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Neulich sah der Garten im Bedpark an der Stresemannstraße noch winterlich trostlos aus, jetzt ist er regelrecht erblüht. Die Blumen hat das Hostel bezahlt, aber fachmännisch ausgesucht und gepflanzt haben sie Artur und Krzysztof – als Dankeschön für die Gastfreundschaft. Denn selbst in Zeiten von Corona finden sie es alles andere als selbstverständlich, dass sie als Obdachlose im Hotel leben dürfen. Wer will, sogar im Einzelzimmer.

Möglich macht das eine Großspende der Firma Reemtsma Cigarettenfabriken. „Wir können endlich das um­setzen, was wir die ganze Zeit von der Sozialbehörde fordern: Menschen, wenn sie es wollen, in Einzelzimmern unterbringen“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Denn Reemtsma hat der Tagesstätte Alimaus und Hinz&Kunzt jeweils 150.000 Euro gespendet – genau für diesen Zweck.

Den Corona-Leerstand will das Bedpark-Team für einen guten Zweck nutzen: Hinz&Kunzt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer mit Hotelmanagerin Myléne Delattre (links) und Lisa Wost vom Marketing. Foto: Mauricio Bustamante

Wie der Zufall es will, hatte sich Bedpark fast zeitgleich wie Reemtsma bei Hinz&Kunzt gemeldet. Wir haben sofort zugegriffen. Klar war allerdings: Für uns alleine ist das Projekt zu groß. Deswegen hatten wir uns entschieden, die Straßensozialarbeiter von Caritas und Diakonie zu fragen, ob sie kooperieren wollen. „Sie betreuen die Menschen auf der Straße, kennen sie noch besser als wir und können dann auch im Hotel mit ihnen Kontakt halten“, so Stephan Karrenbauer. Gemeinsam besprachen sie das Vorgehen: „Wer einen Obdachlosen ins Hotel eincheckt, hinterlässt seine Visitenkarte und bleibt für die Zeit im Hotel der Ansprechpartner.“ Die 150.000 Euro wollten wir dafür verwenden, die Obdachlosen mindestens zwei, vielleicht sogar drei Monate unterzubringen. „Damit sie zur Ruhe kommen. Denn Corona wird im Mai nicht verschwunden sein“, sagt Stephan Karrenbauer.

Inzwischen ist das Projekt viel größer geworden: Was wir anfangs nicht wussten: Auch die Alimaus hat von Reemtsma 150.000 Euro bekommen. Und die Diakonie hat einen Koordinator gestellt, der weitere Hotels akquiriert. Inzwischen werden unsere Hotelgäste sogar mit warmem Essen und Lunchtüten versorgt.

„Ich hab auf dem Boden geschlafen, weil ich es nicht mehr gewohnt bin, im Bett zu schlafen.“– Hinz&Künztler Rainer

Einer der ersten Hotelgäste im Bedpark war Hinz&Künztler Rainer. Der 57-Jährige lebt seit vier Jahren auf der Straße. Erst war seine Frau gestorben, die er sehr geliebt hat. Dann hatte der Vermieter ihm wegen Eigenbedarf gekündigt. „Ich hatte keine Kraft mehr und bin einfach gegangen“, sagt er. Eingecheckt hat ihn Straßensozialarbeiter Johan Graßhoff. „Er wusste, dass es mir schlecht geht“, sagt Rainer, der gehbehindert ist und oft Schmerzen hat. „Ich hatte gesagt, dass ich nicht mehr kann.“ Mitgekommen ist er aber nur, weil er ein Einzelzimmer bekommen hat. „Sonst wäre ich auf der Straße geblieben“, sagt er. In ein Mehrbettzimmer zusammen mit anderen Menschen mit Problemen  würden ihn mit oder ohne Corona keine zehn Pferde mehr bringen. Das hat er im Winternotprogramm gemerkt. „Ich habe es dort einfach nicht ausgehalten“, sagt er. Mitten in der Nacht hatte er damals seine Sachen gepackt, sich unten im Erdgeschoss auf drei Stühle gelegt „und gewartet, bis um 6 Uhr endlich die erste S-Bahn fuhr“.

Und wie war die erste Nacht im Hotel – nach vier Jahren Straße? „Es war ein schönes Gefühl“, sagt Rainer mit Inbrunst. „Alleine schon deswegen, weil ich mich jetzt auch wieder duschen kann.“ Sonst hat er das immer im Bahnhof gemacht, „aber die haben wegen Corona zugemacht“. Schmunzelnd räumt er ein: „Ich hab allerdings auf dem Boden geschlafen, weil ich es nicht mehr gewohnt bin, im Bett zu schlafen.“

Dass sich Rainer hier so wohl fühlt, liegt mit Sicherheit auch an denen, die das Hostel schmeißen: die Myléne, die Lisa oder der Jörg. Alle duzen sich hier, das ist Politik des Hauses. „Es soll dazu beitragen, dass sich alle Gäste, egal ob Touristen aus aller Welt oder eben Obdachlose, hier willkommen fühlen“, sagt Hotelmanagerin Myléne Delattre.  „Ein bisschen wie bei Freunden.“ Sie ist froh: „Wir können den Leerstand für einen guten Zweck nutzen.“ Und klingt fast dankbar: „Als die Resonanz von Stephan zurückkam: ‚Wie toll, dass ihr das anbietet!‘, hat uns das richtig beflügelt.“ Gerührt ist Myléne auch über ihre neuen Gäste: „Sie sind so lieb und dankbar.“

So wie Krzysztof. Der Pole hatte zusammen mit seinem Freund Michael die Wintermonate in einem Wohncontainer bei einer Kirche im Rahmen des Winternotprogramms verbracht. Aber das ging Ende März zu Ende. „Da haben wir wieder auf der Straße geschlafen.“ Dass sie jetzt im Hostel wohnen können: ein Glücksfall. Die Zimmer sind sauber, hell und freundlich, erzählen sie, und jeden Tag komme die Putzfrau. „Die soll aber nicht viel arbeiten“, sagt Michael. Deswegen versuchen sie, Ordnung zu halten und sich nützlich zu machen. Gerade haben sie den Innenhof gefegt. Seit 14 Jahren ist Krzysztof in Deutschland, hat meistens als Maler und Tapezierer gearbeitet. „Aber schwarz, verstehst du“, sagt er. Alles klar: Er bezieht kein Arbeitslosengeld oder Hartz IV. Wie Rainer sind die beiden heilfroh, dass sie über den Hinz&Kunzt-Corona-Fonds eine Überlebenshilfe bekommen.

„Endlich komme ich zur Ruhe.“– Hinz&Künztler Rainer

Rainer wohnt inzwischen schon fast einen Monat im Hostel. Mittlerweile schläft er natürlich im Bett. Er, der früher im Sicherheitsdienst gearbeitet hat, hat sogar wieder Träume: Er hofft, nicht mehr zurück auf die Straße zu müssen. Ob er vielleicht eine kleine Wohnung finden könnte? Er ist auch dabei, Hartz IV zu beantragen. „Endlich komme ich zur Ruhe.“

Bitte spenden Sie

Die Mai-Ausgabe von Hinz&Kunzt erscheint wegen der Corona-Pandemie nur digital. Sie können Sie gratis lesen oder uns auch etwas spenden, damit Hinz&Kunzt auch in Zukunft Hilfe leisten kann. Danke für Ihre Solidarität.

Jetzt spenden

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Birgit Müller
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.