Armutsforscher Harald Ansen : „Es geht um die Frage, wie die Gesellschaft zufriedener leben kann.“

Armutsforscher Harald Ansen im Interview: "Es ist davon auszugehen, dass die sehr ungleiche Vermögensverteilung weiter zunimmt." Foto: CYQUEST GmbH

Vermögen ist in Deutschland noch ungleicher verteilt, als gedacht. Armutsforscher und Hinz&Kunzt-Beirat Harald Ansen erklärt im Interview die Folgen und welche Maßnahmen für mehr Vermögensgerechtigkeit sorgen würden.

Hinz&Kunzt: Herr Ansen, Vermögen ist in Deutschland noch ungleicher verteilt, als man bislang dachte. Das geht aus einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hervor. Wieso ist das ein Problem?

Harald Ansen: Eine massive Vermögensungleichheit, wie sie in Deutschland vorliegt, das zeigen die aktuellen Daten, birgt auch politische Risiken. Menschen fühlen sich abgehängt, ungerecht behandelt, sie misstrauen der politischen und gesellschaftlichen Ordnung, wenden sich teilweise auch von ihr ab, wie Wahlergebnisse und grassierende Verschwörungstheorien ja zeigen. Es braucht eine Vermögenspolitik, die auch den Haushalten mit weniger Einkommen die Chance bietet, Vermögen aufzubauen. Dafür braucht man Hinweise, wie Vermögen verteilt ist und dieser Bericht (Die Studie des DIW) zeigt ganz deutlich eine Spreizung, die mittlerweile unappetitlich ist: Eine Ballung bei den obersten 10 Prozent, während einkommensärmere Haushalte leer ausgehen. Deren Vermögen liegt, wenn überhaupt, bei 3000 bis 4000 Euro, viele haben auch gar kein Vermögen.

Trotzdem ist Deutschland doch ein verhältnismäßig reiches Land. Gibt es hier wirkliche Armut überhaupt?

Rein formal kann man differenzieren zwischen absoluter Armut, da fehlt das zum Leben unerlässliche, denken sie an Wohnungslosigkeit, an Geflüchtete ohne gültige Dokumente, die sich durchschlagen müssen. Das haben wir auch in Deutschland. Das ist eine existenzielle Gefährdung. Menschen sterben früher, werden häufiger schwer krank und sind unterversorgt. Daneben kennen wir den Begriff der relativen Armut, gemessen in Bezug auf den Wohlstand der Gesellschaft in der man lebt: dort gibt es eine Armutsgrenze von 60 Prozent des nach Haushaltsgrößen gewichteten Einkommens. Wer weniger hat, ist von Ausgrenzung akut betroffen. Und wir kennen eine politische Armutsgrenze, das sind die Leistungen der Grundsicherung und der Sozialhilfe, die werden politisch festgelegt. Wer weniger hat als nach der Grundsicherung SGB II oder der Sozialhilfe SGB XII gilt als arm.

Und welche Folgen hat Armut in Deutschland ganz konkret?

„In der Coronakrise wird deutlich: Die Armen zahlen eine höhere Zeche, auch gesundheitlich.“– Harald Ansen

Armut bedeutet für viele betroffene Menschen, dass sie sich im Alltag erheblich einschränken müssen, dass sie Ausgrenzung erleben, dass sie schlechtere Wohnungen haben, dass sie soziale Kontakte verlieren, weil sie nicht mithalten können, dass sie persönliche Perspektiven und Hoffnungen verlieren, dass sie ihre Potenziale nicht entfalten können. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind davon betroffen, wie ihre vielfältigen armutsbedingten Bildungsbarrieren zeigen. Denken Sie außerdem an die gesundheitlichen Benachteiligungen, die kürzeren Lebenserwartungen sowie die höhere Krankheitsanfälligkeit für von Armut Betroffene. Und auch in der Coronakrise wird deutlich: Die Armen zahlen eine höhere Zeche, auch gesundheitlich. Unter den Corona-Erkrankten, die ins Krankenhaus müssen, dominieren SGB-II-Empfänger, also Langzeitarbeitslose. Weil die oftmals auch in einer vulnerablen Lebenslage stecken und dann von so einer Virusinfektion noch heftiger getroffen werden als andere, die bessere Ausgangsbedingungen haben.

„Es ist davon auszugehen, dass die sehr ungleiche Vermögensverteilung weiter zunimmt.“

In der Coronakrise erleben wir, wie besonders viele prekär Beschäftige als erstes ihre Jobs verlieren. Welche Auswirkungen wird die Krise auf die Vermögensverteilung haben?

Es ist davon auszugehen, dass die sehr ungleiche Vermögensverteilung weiter zunimmt. Diejenigen, die kleinere Rücklagen haben, werden diese aufbrauchen müssen. Durch den Verlust von Arbeitsplätzen und Kurzarbeit werden die Möglichkeiten der Vermögensbildung weiter reduziert. Geringverdienende und Frauen sind dabei überproportional betroffen, sodass wir auch eine „Retraditionalisierung“ der Rollenverteilungen befürchten. Die Perspektiven sind hinsichtlich der Korrektur von Vermögensungleichheit düster.

Die Bundesregierung versucht, mit einem Sozialpaket gegenzusteuern …

Das ist zwar gut gemeint und hat auch viele gute Elemente, aber es hat keine strategische Langzeitkomponente. Etwa eine Neujustierung der Relation von Einkommen und Miete, denn Ärmere zahlen 50 Prozent ihres Einkommens für Miete, Wohlhabende deutlich unter 30 Prozent. Und wir beobachten eine Zunahme der Verschuldung mit langfristigen Folgeproblemen für die Betroffenen. Hier müsste ein noch deutlicherer Schutzschirm aufgebaut werden, der über die jetzigen Maßnahmen hinausgeht.

Welche Maßnahmen würden Ihrer Meinung nach denn ganz unmittelbar dabei helfen, Armut abzumildern?

Wir brauchen dringend eine Anhebung der Grundsicherung um mindestens 50 Euro, zumal ja gerade auch die freiwilligen Infrastrukturen, wie die Tafeln, teilweise wegbrechen. Außerdem müsste die Grundsicherung bedingungsarm sein, mit nicht mehr so hochschwelligen Vermögensprüfungen, mit einer höheren Toleranz den Mieten gegenüber. Wir bräuchten eine Anpassung des Wohngeldes an die tatsächlichen Mietbelastungen, vor denen Menschen stehen. Wir bräuchten ein höheres Kurzarbeitergeld von etwa 80 Prozent, vom ersten Tag an. Nicht erst nach Monaten, wie es ja im Sozialpaket der Bundesregierung avisiert ist. Wir bräuchten aber auch für die Geringverdiener ein Mindestkurzarbeitergeld. Und wir brauchen ganz dringend einen höheren Mindestlohn von etwa 12 Euro, der auch existenzsichernd ist. Der Weg dahin ist zu schleppend. Alle wissen das: Von 12 Euro kann man einigermaßen – armutsnah – leben.

Gerade erst hat eine Studie gezeigt, dass die Mietpreisbremse kaum Wirkung zeigt. Was muss sich in der Wohnraumpolitik tun?

Prof. Dr. Harald Ansen

ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Er forscht zu Armut und berät Hinz&Kunzt als Mitglied des externen Beirats zu sozialpolitischen Fragen.

Wir bräuchten ganz dringend Wohnungsförderung, notfalls die Umwidmung von Gewerberäumen in Wohnräume, um alle unterzubringen. Wir bräuchten höhere Standards für Wohnungslose. Gerade durch Corona ist nochmal deutlich geworden: Einzelzimmer müssen Standard sein, um Infektionsketten gar nicht erst in Gang zu bringen. Jeder Mensch ist so viel Wert, wie der andere auch. Wir sollen Abstand halten aber muten den Betroffenen von Wohnungslosigkeit zu, in Mehrbettzimmern zu liegen. Das ist inhuman.
All das wären unmittelbare Maßnahmen, die das Leben für Menschen, die in Armut leben, erleichtern würden.

Und langfristig?

„Wir brauchen eine politische Situation, in der Armut ein Skandal ist und nicht als individuelles Versagen betrachtet wird.“

Langfristig brauchen wir, das ist unvermeidlich, eine Umverteilung. Das ist eine politische Frage: Wie gestalten wir ein Steuersystem, wie können mir Menschen, die mehr haben, stärker heranziehen? Eine Option sind Vermögenskonten, auf denen der Staat Geld für arme Menschen einzahlt. Das ist eine gute Möglichkeit, um Vermögen aufzubauen. Wir kennen das aus den skandinavischen Ländern. Wir müssen uns auch fragen, wie wir den Wohnungsbau so gestalten, dass die Mieten erschwinglich bleiben und Wohnraum nicht zum Renditeobjekt wird? Wie können wir Arbeitsförderung betreiben, auch für Langzeitarbeitslose?
Wir brauchen eine Kindergrundsicherung, wir brauchen eine Befreiung des Kindergeldes von der Anrechnung auf Grundsicherung, damit die Kinder endlich ihre Bildungschancen wahrnehmen können. Wir brauchen Investitionen in Sozialräume, um abgehängte Distrikte nach vorne zu bringen. Wir brauchen eine Politik, die nicht die Armen stigmatisiert und überfordert, sondern ihnen die Voraussetzungen liefert, dass sie ihr Leben gestalten können. Und wir brauchen eine politische Situation, in der Armut ein Skandal ist und nicht als individuelles Versagen betrachtet wird.

Wie nehmen sie die öffentliche Debatte über Vermögensungleichheit denn wahr?

Man kann über die Vermögensverteilung öffentlich nur schwer debattieren, ohne in den Verdacht einer Neiddebatte zu kommen. Darum geht es aber nicht. Es gibt eine Fülle von Untersuchungen, die sagen: Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit haben ein höheres Maß an Zufriedenheit, ein höheres Maß an Gesundheit und geringere gesellschaftliche Verwerfungen. Es geht um die Frage, wie die Gesellschaft insgesamt zufriedener leben kann.

Autor*in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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