Lebenslinien : „Er soll nicht so anonym verschwinden, wie er gelebt hat“

April-Ausgabe
Andreas beim Betteln in der Spitaler Straße. Foto: Tanja W.

26 Jahre lang war Andreas obdachlos – mit Unterbrechungen. Kurz bevor er in eine Wohnung hätte ziehen können, ist der 56-Jährige gestorben. Filmemacherin Tanja W. möchte, dass er nicht in Vergessenheit gerät.

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Tanja W. kann es immer noch nicht fassen, dass Andreas Georgiew tot ist. Wir sitzen auf einer der futuristischen Holzbänke auf dem Gertrudenkirchhof, wo sie Andreas interviewt hat. Beim Erzählen über den verstorbenen Obdachlosen kämpft die sympathische 47-Jährige immer wieder mit den Tränen „Ich kannte ihn zwar noch nicht lange, aber er hat mich tief berührt. Das Interview war interessant und teils sehr traurig, aber auch spannend, und wir haben viel gelacht. Andreas hatte viel Spaß an der Zusammenarbeit. Er sagte immer: ,Es ist wichtig, dass wir ­alle miteinander reden.‘“

Wie und woran genau der 56-Jährige verstorben ist, scheint nicht ganz klar. Am 28. Februar soll Andreas  auf der Straße einfach umgefallen sein, berichten Obdachlose, die in der Nähe waren. „Die Ärzte sagen, er konnte nicht wiederbelebt werden.“ Woher sie das weiß? „Ich habe mich im Krankenhaus als Angehörige ausgegeben. Die Ungewissheit, was mit Andreas ist, hat mir Sorgen gemacht.“ Die genaue ­Todesursache wird erst nach der Unter­suchung durch die Gerichtsmedizin feststehen. Das wird vermutlich noch dauern.

„Ich hatte sofort einen Draht zu Andreas.“– Tanja W.

Kennengelernt hat die Filmemacherin den Mann mit dem auffälligen Rauschebart im Dezember 2019, als sie für einen Kunden aus dem sozialen ­Bereich ein Video über Vorurteile gegenüber Obdachlosen drehen soll. Das war gar nicht so leicht. „Ich bin durch die Innenstadt gelaufen und habe viele Obdachlose angesprochen. Nach dem zehnten wollte ich an dem Tag auf­geben“, sagt Tanja W. „Dann traf ich Andreas. Ich hatte sofort einen Draht zu ihm.“ Freundlich und aufgeschlossen sei er gewesen. Bereitwillig spricht ­An­dreas in die Kamera. Auch nach dem Dreh reden die beiden noch ewig weiter. Über seine Lebensgeschichte, Alltagsprobleme – und über Pferde. Tanja W. hat Pferde, Andreas hat früher mal als Tierpfleger beim Circus Krone gearbeitet. „Er hat gesagt, das seien die schönsten Tiere auf diesem Planeten. Ich habe ihm auch von meinen Pferden erzählt, und er wollte mir gern bei der Ausbildung der jungen Stute helfen“, erzählt die Filmerin. Es hat noch viele Gespräche und Treffen gegeben, nachdem der Dreh längst abgeschlossen war. „Ich spreche noch immer viel mit Andreas und stelle mir vor, was er antworten würde. Das hilft mir beim Abschiednehmen, was mir schwer fällt. Andreas war ein schöner Mensch, der mich in unseren Gesprächen oft überrascht hat.“

Tanja W. hat Andreas bei Dreharbeiten zu einem Film kennengelernt. Foto: Andreas Hornoff

Aber nicht nur sie trauert um Andreas. Wir treffen Dalkiran Adem, den Geschäftsführer eines italienischen Restaurants in der Nähe. „Er war so ein ­lieber Mensch.“ Der Obdachlose hat öfter dort ­gegessen oder einen Kaffee getrunken. „Natürlich immer umsonst“, sagt der Gastronom. „Etwas ­Taschengeld hat er auch bekommen.“ Genau wie Jens, Andreas’ bester Freund, der gerade wie bestellt bei dem Restaurant vorbeischaut.

Jens setzt sich an unseren Tisch und muss erst mal tief durchatmen und ein paar Tränen wegblinzeln. „Ich habe die ersten Tage nur geheult, nachdem Andreas gestorben ist“, erzählt er. „Endlich hatte ich mal einen richtigen Freund auf der Straße. Leider nur für kurze Zeit.“ Die beiden haben ­gemeinsam in der Spitalerstraße Platte gemacht. ­Jeder auf der anderen Seite der Fußgängerzone, aber direkt gegenüber.

„Ich habe die ersten Tage nur geheult, nachdem Andreas gestorben ist.“– Jens

„Andreas war morgens der Erste und abends der Letzte, den ich gesehen habe. Und er war immer so hilfsbereit.“ Die beiden Obdachlosen haben alles geteilt: den Inhalt ihrer Schnorrbecher und ihre Vergangenheit. „Zu seiner Mutter hat Andreas noch Kontakt gehabt“, weiß Jens. Auch über die bewegte Lebensgeschichte des Verstorbenen kann er einiges berichten. „Andreas hat als Tierpfleger, Hausmeister und Lkw-Fahrer gearbeitet. Der ist viel rumgekommen.“ Auf der Straße sei er zuletzt gelandet, weil der Freund starb, bei dem er gewohnt hat und bei dem er selbst nur Untermieter war. Aber auch vorher habe es Schicksalsschläge gegeben und insgesamt ein fast drei Jahrzehnte langes Leben auf der Straße.

Über seine Lebensgeschichte hat er auch mit Tanja W. geredet. Zu ihr sagte er auch, dass er weg möchte von der Straße. Und das wäre sogar möglich gewesen: Als Resonanz auf ihr Video bekam die ­Filmemacherin ein Wohnangebot für Andreas. „Es war auf dem Land, auf einem Hof mit vielen ­Tieren, auch Pferden. Andreas hat sich so darauf gefreut“, sagt Tanja W. Der Umzug stand unmittelbar bevor. Sie hatte sich vor Ort alles angesehen und mit ­Andreas besprochen.

Zum Umzug ist es jetzt nicht mehr gekommen. Nun bleibt ihr nur noch, sich um eine würdige ­Bestattung zu kümmern. Und darum, dass er nicht vergessen wird. Aktuell wird noch nach den Ange­hörigen gesucht. „Er soll nicht so anonym verschwinden, wie er gelebt hat.“

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Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Sybille Arendt
Sybille Arendt
Sybille Arendt ist seit 1999 dabei - in der Öffentlichkeitsarbeit und der Redaktion.

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