Duzen oder Siezen?

Glosse: Die Du-Klasse

(aus Hinz&Kunzt 138/August 2004, Die Verkäuferausgabe)

Es gibt in Deutschland eine Du-Klasse: Menschen, die man einfach duzen darf, ohne dass sie einem das angeboten haben. Zum Beispiel Ausländer, Behinderte, Bettler, Obdachlose.

Du da unten, Sie da oben. Und dann wird runtergeduzt: Du Penner, willst du nicht mal arbeiten gehen, du faule Sau. Aber der da unten ist doch auch ein Mensch. Hat er nicht die mindeste Achtung verdient? Mehr als nur „Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei?“

Ist eine dunkelhäutige Toilettenfrau eigentlich eine Doppel-Du, weil dunkelhäutig und Klofrau? Und demnach ein studierter Generaldirektor ein Doppel-Sie? Was ist mit der Königin von England? Ausländerin, also du. Demnach sagen wir: Du Königin du, willst du nicht mal arbeiten gehen? Aber als Königin ist sie eine Sie, vielleicht sogar eine Dreifach-Sie? Dagegen ist ein Blinder, der im Rollstuhl sitzt und auch nicht sprechen kann, ein Dreifach-Du. Ist doch logisch, du, oder?

Autor: Klaus Lenuweit

[F]Diskriminierung per Sie[/F]

Viele Hinz & Kunzt-Verkäufer werden spontan geduzt. Das muss nicht entwürdigend sein und kann den Kontakt sogar erleichtern, findet Verkäuferin Laura. Sie hat andererseits erlebt, dass Diskriminierung per Sie und ganz ohne Worte möglich ist.

Hinz & Kunzt-Verkäufer, die mit Du angesprochen werden, empfinden das oft als verletzend, und einige Male ist es auch so gemeint. Manche Kollegen nennen es „Herunterduzen“.

Ich spüre häufig, dass spontanes Duzen andere Gründe hat als die Absicht herabzuwürdigen. Es lässt zwischen mir und dem Kunden Nähe entstehen, eine Begegnung wird möglich.

Viele Menschen träumen davon, einfacher und unmittelbarer miteinander umzugehen. Das Duzen der Verkäufer untereinander ist die ursprünglichere Form der Anrede. So mancher Kunde erlebt die Wärme, die da mitschwingt, als Gegensatz zu unpersönlichen, korrekten, gestelzten Umgangsformen in seinem Berufsleben. Die geahnte Unmittelbarkeit ist verlockend für den Kunden, sie wirkt ungetrübt. Er möchte an der Wärme teilhaben, verwickelt den Hinz & Künztler in ein Gespräch, fragt persönliche Dinge und erzählt seinerseits Persönliches.

Wo die Grenze ist, wo das Duzen anfängt, wehzutun, das müssen wir Verkäufer lernen, rechtzeitig zu fühlen. Mir tut es jedenfalls gut zu glauben, dass Duzen nicht gleichzusetzen ist mit geplanter Diskriminierung.

Und die habe ich – ohne Du – durchaus schon erlebt. Ich will zwei Ereignisse mit eindeutiger Absicht zur Demütigung schildern, die mich sehr getroffen haben. Beides trug sich an der Brücke zum Museumshafen in Övelgönne zu, wo seit einem halben Jahr mein Verkaufsplatz ist.

Die erste böse Überraschung war bei klirrender Kälte, im Februar. In der Dämmerung kamen zwei junge Männer auf mich zu, blieben vor mir stehen, und der eine sagte: „Die ganze Umgebung, wo Sie stehen, stinkt. Haben Sie in die Hose gemacht? Merken Sie das nicht?“

Ich hatte leichten Schnupfen. Verdattert suchte ich nach einem frischen Hundehaufen, den ich vielleicht übersehen hatte. „Gucken Sie nicht so rum, Sie stinken!“, sagte der Mann weiter, „aber vielleicht können Sie nichts dafür, Sie kriegen so etwas wohl nicht mehr mit.“ Und zu seinem Begleiter: „Die Typen sind kurz zu halten.“

Mich plagt Gott sei Dank keine Stoffsucht. Ich war am besagten Tag nüchtern, weil ich immer nüchtern bin. Bestürzt fragte ich Passanten, ob etwas in meiner Umgebung stinke, das ich nicht riechen kann. Sie verneinten. Ich erzählte den Vorfall. „Das sind dumme Jungs“, war ihr Kommentar.

Das zweite Ereignis war im Mai. Ein junger Mann kam mit seiner Clique auf mich zu. Er machte eine Geste, als ob er eine Zeitung wünschte, fasste mich vertraulich an der rechten Schulter, streifte schnell und heftig einen Finger an meinem rechten Oberarm ab und entfernte sich jäh, ohne Worte. An meinem roten T-Shirt hinterließ er einen dicken Popel.

Laura

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