Marseille : Stigma für Obdachlose

In Marseille sollen Obdachlose ein gelbes Dreieck an der Kleidung tragen, auf dem persönliche Informationen vermerkt sind. Nachdem Sozialverbände die Ähnlichkeit zum „Judenstern“ der Nazis kritisierten, machte die Stadt einen Rückzieher.

Marseille_AFP_Getty
Ein Obdachloser in Marseille trägt den umstrittenen Ausweis.

70 Jahre ist es her, dass auch in Marseille Juden von Nazis dazu gezwungen wurden, einen gelben Stern an der Kleidung zu tragen. Nun hat die südfranzösische Stadt vorgeschlagen, dass Obdachlose gut sichtbar ein gelbes Dreieck tragen sollen – freiwillig allerdings. Auf diesem Ausweis sollen Daten für die medizinische Notfallversorgung stehen. 300 Exemplare hat die Stadtverwaltung schon an Obdachlose verteilt. Doch die Ähnlichkeit zum „Judenstern“ hat Obdachlose und Sozialverbände gegen die eigentlich gut gemeinte Idee aufgebracht. „Ich will nicht, dass man mit dem Finger auf mich zeigt“, sagte ein Obdachloser bei einer Protestaktion dem Fernsehsender Euronews. Das sei ja ohnehin der Fall. „Aber so? Mit dieser Karte? Wo soll uns das hinführen?“

Der Ausweis sei im Hinblick auf Datenschutz und den stigmatisierenden Effekt problematisch, sagte Raymond Negren von der Hilfsorganisation Médecins du Monde à Marseille der Nachrichtenagentur AFP: „Er steht gegen all unsere Arbeit und Bemühungen auf der Straße. Ärztliche Behandlungen, auch auf der Straße, sind an den Hippokratischen Eid gebunden, der gleichermaßen für Obdachlose wie für alle anderen gilt.“ Neben dem Namen des Obdachlosen und seiner Sozialversicherungsnummer soll auf dem Ausweis auch die Blutgruppe, Angaben zu Allergien, Schizophrenie oder HIV aufgelistet werden. Das findet laut taz auch das Rote Kreuz „problematisch“: Der Ausweis sei ein „Etikett“, dass man den Obdachlosen anhefte. Einen Ausweis, den Obdachlose sichtbar tragen sollen, lehnt auch Hinz&Kunzt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer ab. Er schlägt als Alternative eine Scheckkarte vor, auf der Name und Telefonnummer einer Kontaktperson angegeben sind, die Ärzte im Notfall anrufen können.

Die Verteilung der Ausweise hat die Verwaltung nach dem Euronewsbericht wieder eingestellt, als die Empörung über die Ähnlichkeit mit dem Judenstern zunahm. „Unsere eigentliche Absicht war es, eine Lösung zu finden, um Obdachlose identifizieren zu können“, sagte ein Rathaussprecher. „Ihnen werden oft ihre Papiere gestohlen.“ Das Aussehen des Ausweises soll nun überarbeitet werden.

Text: Benjamin Laufer
Foto: AFP/Getty Images

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