Doku über Obdachlose : Ganz nah dran

Peter (links) und Sergio teilen sich ein Zelt. Ihr ganzes Hab und Gut haben die Filmemacherinnen um ihr Zuhause herum drapiert. Foto: Thekla Ehling.

Vier Männer auf der Straße, vier Schicksale: Für ihre Doku „draußen“ haben zwei Kölner Filmemacherinnen vier Obdachlose begleitet. Herausgekommen ist ein leiser Film voller Würde. Er  startet am Montag im Abaton.

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Ordnung ist Elvis wichtig. Die hat man ihm schon früh im Heim eingebläut. Nun ist er über 70 und lebt in Köln unter einer Straßenbrücke – mit Blumen auf dem Tisch, den er liebevoll mit einem FC-Schal dekoriert, mit seiner CD-Sammlung vom King of Rock’ n’ Roll und unendlich vielen Elvis-Presley-Devotionalien.

Elvis ist der größte Fan des King: „Ohne ihn hätte ich gesoffen und mich hängen lassen. Er ist mein Freund und Talisman.“ Elvis ist einer von vier obdachlosen Männern, die die beiden Kölner Filmemacherinnen Tama Tobias-Macht und Johanna Sunder-Plassmann für ihren Film „draußen“ (hier zum Trailer) begleitet haben.

Der obdachlose Elvis nennt sich so wie sein großes Vorbild. Foto: Thekla Ehling.

Ein Jahr lang haben sie nach ihren Protagonisten gesucht. „Uns war wichtig, dass sie sich wirklich darauf einlassen können“, sagt Tama Tobias-Macht. „draußen“ ist eine leise, poetische Betrachtung über das Überleben auf der Straße, in der die persönlichen Gegenstände der Männer ein wundersames Eigenleben bekommen.

Die Filmemacherinnen zeigen das, was sonst in Tüten verborgen bleibt, wie im Museum, sie geben den Gegenständen eine eigene Wertigkeit und schaffen Tableaus von surrealer Schönheit – Bilder wie aus einem düsteren Märchen.

„draußen“ in Hamburg

Der Film hatte auf der Berlinale 2018 Premiere. Premiere mit Regisseurin Johanna Sunder-Plassmann: Mo, 3.9., im Abaton, 20 Uhr, Allende-Platz, 8,50/7,50 Euro ermäßigt, mittwochs Kinotag 6,50 Euro.

Die behutsame Annäherung der Filmemacherinnen lässt den vier Männern viel Raum – und sie haben den Mut, sich zu zeigen. Sergio und Peter teilen sich ein Zelt, zum Waschen muss ein Teich im Park herhalten. Und wenn andere sich zum Frühstück einen Kaffee machen, setzen sich beide erst mal einen Schuss Heroin, „damit wir funktionieren“.

Matze lebt im Wald

Sergio kommt aus Kasachstan, träumt von Action wie in seinen geliebten Jackie-Chan-Filmen und hat einen Großteil seines Lebens wegen Gewaltdelikten im Gefängnis verbracht. Zeltgenosse Peter, ein kölscher Altpunk mit echtem Schottenrock, war mal Karnevalsprinz, flog als Jugendlicher zu Hauseraus und rutschte ins Milieu ab: Drogen, Anschaffen, Kleinkriminalität, Knast.  Seine drei Kinder sind mittlerweile erwachsen, der Kontakt zu ihnen ist spärlich, denn Peter schämt sich vor ihnen für sein Leben.

„Ich habe alles mitgenommen, was die Straße so mit sich bringt.“– Peter

Matze fiel es zu Anfang schwer, Vertrauen zu fassen, erzählt Tama Tobias-Macht. Er ist ein Survival-Fan und lebt ein bisschen wie Rambo im Wald. Über seine Wanderungen führt er akribisch Buch, überall in Deutschland ist er schon gewesen. Auch ihn wollte zu Hause keiner, er hing mit der falschen Clique ab.

Matze hat viele Interessen. Was er erlebt, hält er mit Zeichnungen in Tagebüchern fest. Foto: Thekla Ehling.

Damals musste er da raus, um zu überleben. Das schafft er heute als Selbstversorger, er weiß Bescheid über essbare Pflanzen und kann mit Jagdmesser, Machete und Pfeil und Bogen beunruhigend gut umgehen. „Ich bin der Typ, dem man nicht im Wald begegnen will“, sagt er selbstkritisch. „Auch wenn ich keinem was tue.“

„draußen“ ist kein Film mit Happy End. Und er ist doch eine Hommage an die Würde, die Lebensweisheit und die Kreativität der Männer, die ihr schwieriges Leben jeden Tag meistern. „Es gibt Sachen, die ich besser nicht gemacht hätte“, sagt Matze. „Aber Erfahrungen machen uns zu dem, was wir sind.“ So kann aus Scham Stolz werden.

 

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