Kunzt&Kult : Dieser Männerchor singt „aus vollen Kehlchen“

Mai-Ausgabe
Beim Konzert im Stadtpark: „Da stehst du vor 4000 Leuten, und alle haben Goldkehlchen-Fähnchen“, schwärmt Vereinspräsident Flemming Pinck noch heute. Foto: Julia Tiemann

„70 Männer, ein Chor, keiner kann singen – you will love it!“ Mit diesem Slogan werben die Hamburger Goldkehlchen für sich. Kurz bevor das Coronavirus alles lahmlegte, besuchten wir die Jungs bei einer Probe.

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Flötenmartin singt aus vollem Halse: „So, Sally can wait“! Die Augen geschlossen, der ganze Körper im Einsatz. Nur gut, dass ihn andere übertönen. Denn tonale Treffsicherheit gehört nicht zu seinen Stärken. Im Gegenteil: Er ist völlig talentfrei. Aber das ist egal. Bei den Hamburger Goldkehlchen geht es nicht um die beste Stimme. Bei diesem ungewöhnlichen Männerchor geht es nur um Spaß, um Gemeinschaft und ganz nebenbei auch darum, sich sozial zu engagieren.

Es ist Montagabend, 21 Uhr, Chorprobe in der Schanze. Die Urlaubszeit ist noch nicht vorbei und Corona noch kein Grund, nicht zu verreisen. Von den 70 Männern im Alter zwischen 20 und 48 Jahren, die bei den Goldkehlchen eigentlich mitmachen, sind daher ausnahms­weise nicht viele gekommen. Aber die, die da sind, sind heiß: „Es ist befreiend, so ein Mal die Woche die Luft rauszulassen, bisschen rumzugrölen und zu singen“, sagt Flemming Pinck. „Das macht schon richtig Bock.“ Der 32-Jährige hat zusammen mit Max Michel vor vier Jahren die Hamburger Goldkehlchen gegründet. Flemming ist selbst ein großer Fan von Karaoke, und nach einem Abend in der Thai-Oase auf dem Kiez, an dem er und sein Kumpel mal wieder völlig beseelt nach Hause gingen, fassten die beiden einen Entschluss: Lass uns einen Chor suchen, der auch „einfache Songs anbietet, die wir mitsingen können“, keine „altbackenen, sondern peppige“. Einen, bei dem man nicht „super krass singen können“ muss.

Die Suche in Hamburg führte zu keinem Ergebnis. Also wurden die zwei selbst aktiv. Per Facebook-Post suchten sie nach einem Chorleiter. Gefunden haben sie Christian Sondermann. Dessen Terminkalender war eigentlich schon voll mit schrägen Projekten. Unter anderem leitet er einen Heavy-Metal- und den Lübecker Kneipenchor. Aber: „Ich hatte schon immer Bock auf einen Männerchor“, sagt Christian. Und montags um 21 Uhr – da war er noch frei. Für die Jungs ein Glückstreffer: „Er ist musikalisch sehr virtuos, kann viele Instrumente spielen, Noten lesen, Noten schreiben, also was ein echter Chorleiter so braucht“, sagt Philipp Baumgaertel, der von Anfang an dabei ist. „Vor allem kann er auch diese Leute im Gehege halten. Das macht er sehr gut.“

Gruppenfoto bei einer selten schlecht besuchten Probe in der Schanze. Die Stimmung ist trotzdem gut. In der Mitte am Piano: Chorleiter Christian Sondermann.

Leute wie Flötenmartin zum Beispiel, der eigentlich Martin Eckhardt heißt und vor drei Jahren über das obligatorische Casting zu den Goldkehlchen gestoßen ist. Das findet einmal im Jahr statt. Über soziale Medien verbreiten die Jungs die Bitte: „Bereitet zwei Songs vor, die ihr vortragen möchtet, seid gerne innovativ. Und dann sind wir alle hier und vorne ist ’ne Bühne und dann müssen die quasi ’ne Darbietung machen, einen Song singen und ein Bier exen oder zwei“, fasst Philipp das Prozedere zusammen. Beim letzten  Mal bewarben sich 500 Männer, allein 120 Videos sichteten die Kehlchen – nur 20 Bewerber wurden eingeladen.

Martin war damals vor seinem Casting „ultra aufgeregt“. Er weiß, dass er kaum einen Ton trifft. In der Schule wurde er „gezwungen, zum Chor zu gehen“, erzählt er und lacht. „Das war ’ne Katastrophe.“ Trotzdem macht ihm Singen nun mal Spaß. Flöte ­spielen kann er eigentlich auch nicht richtig, aber die hatte er schon zum Casting mitgebracht – und seitdem hat er seinen Spitznamen weg.

Flötenmartin wurde damals also ­sicher nicht wegen seiner gesanglichen Qualitäten zum „Freshkehlchen“, wie die Neuen im Chor heißen. Aber der 27-Jährige ist ein echter Entertainer, wie ein Video beweist (siehe Infokasten). Solche Leute sind gut für die Gemeinschaft. Und die ist den Goldkehlchen heilig. Die Kombination aus leidenschaftlich vorgetragenen Songs und Teamgeist wirkt so erfrischend, dass die Sänger inzwischen eine echte Fangemeinde hinter sich wissen. Und diese Beliebtheit nutzen sie: „Wir wollen was Gutes tun“, sagt Präsident Flemming

Hamburger Goldkehlchen in Aktion

Das Video zu Mr. Mercury:

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Und hier kann man das offene Casting, bei dem auch Martin und Sebastian mitgemacht haben, ansehen.

Das geht im Kleinen, wie im November vergangenen Jahres, wo sich die Goldkehlchen kurzerhand dazu entschlossen, Winterjacken zu sammeln. „Jacke gegen Glühwein“ lautete das Motto, die Spenden haben die Jungs zur Tagesaufenthaltsstätte CaFée mit Herz gebracht. Das geht aber auch im Großen, wie beim Sommerkonzert des Chors im letzten Jahr. Die Hamburger Tafel brauchte dringend einen neuen Lkw, 32.000 Euro mussten aufgetrieben werden. Also stellten sich die Jungs auf die Bühne im Stadtpark – und machten die Ansage, erst abzutreten, wenn das Geld zusammen ist. Was soll man ­sagen: Nach zweieinhalb Stunden war das Werk vollbracht. „Da stehst du wirklich vor 4000 Leuten, und alle haben so Goldkehlchen-Fähnchen und singen jeden Song mit – das war schon geil“, schwärmt Flemming noch immer. Auch dem Coronavirus setzen die Jungs etwas entgegen: Kurzerhand organisierten sie einen Einkaufsdienst für Menschen, die zur Risikogruppe zählen, und fahren Essen aus.

Hinz&Kunzt kam auch schon in den Genuss der Chor-Kreativität: Im Februar lancierten die Jungs ihren zweiten eigenen Song: Mr. Mercury. Schon im vergangenen Jahr brachten sie mit „Moin Moin Hamburg“ eine Hymne an ihre Heimatstadt raus und schafften es dank ihrer Fangemeinde, für 18 Stunden auf Platz eins in den Popcharts bei iTunes zu landen. Dieses Mal hatten sie eine Ode an Freddie Mercury komponiert. Jeder Download bei iTunes à 99 Cent ging an das Straßenmagazin. „Vielleicht wird Mr. Mercury ein Welthit“, alberte Philipp Baumgaertel vor der Veröffentlichung.

An Professionalität mangelte es zumindest nicht. Passend zum Song produzierten zwei Chormitglieder mit Riesenaufwand ein Musikvideo. Viele Goldkehlchen spielen darin Freddie Mercury, gekleidet im weißen Feinripp-Unterhemd und den typischen Schnauzer im Gesicht, den der Star trug. „Den Bart haben wir monatelang gezüchtet“, erzählt Flemming. „Nur einer hatte keinen Bartwuchs. Dem haben wir einen aufgeklebt.“ Auch Mr. Mercury landete auf Platz eins der iTunes-Popcharts – für vier Tage! Ein toller Erfolg, eine mega kreative Spende an Hinz&Kunzt und vor allem: Spaß für die Chormitglieder.

Spaß gehört für die Hamburger Goldkehlchen unbedingt dazu. Deshalb entstehen auch so musikferne Dinge wie ein Nacktkalender. Der zeigt zwölf Motive mit entblößten Goldkehlchen auf Shetlandponys, im Schnee oder am Hamburger Fischmarkt (leider ausverkauft). Die Verkaufserlöse gingen an ­eine Organisation zur Erforschung des Gendefekts „Smard“. Die augenzwinkernde Werbebotschaft: „Ein Meilenstein, nach dem niemand gefragt hat. … Der ideale Wegbegleiter für 365 Tage Sexual Healing fürs Auge.“

„Das ist schon Narrenfreiheit, die uns gewährt wird“– Chormitglied Sebastian Viets

„Das ist schon Narrenfreiheit, die uns gewährt wird“, sagt Sebastian Viets, der vor drei Jahren zu den Goldkehlchen stieß. „Viele Dinge laufen hier eher unter dem Aspekt: Es ist besser, sich hinterher zu entschuldigen als vorher um Erlaubnis zu fragen“, so der 33-Jährige, der beim Casting vor drei Jahren damit überzeugte, die Stimme von Udo Lindenberg extrem gut imitieren zu können. Den Teamspirit, durch den auch solche Highlights gelingen wie die Spendenaktion auf der Stadtparkbühne, kenne er „bisher nur aus meiner fußballerischen Karriere, die ich in der D-Jugend beenden musste“, erzählt er und lacht. Und tatsächlich sind viele der Sänger Sportler. Präsident Flemming Pinck spielte sogar Hockey-Bundesliga und hat etliche Kollegen aus Hockeyzeiten zum Chor gelotst.

Nach einem Kara­oke-Abend beschlossen Flemming Pinck und Max Michel (links), sich einen Chor zu suchen, der zu ihnen passt. Den gab es nicht, also gründeten sie einen. Im Stadtpark hatten die Sänger sogar instrumentale Unterstützung. Foto: Julia Tiemann

Die Beobachtung, dass gute Sportler meist nicht die besten Musiker sind, scheint hier zuzutreffen: „Ich kenne wenige Sportler – mir fällt sogar gar keiner ein – die musikalisch sind“, gesteht Flemming. „Ich hab’ mal Schlagzeug gespielt, so drei Monate, dann ist mein Schlagzeuglehrer abgehauen. Das spricht vielleicht auch für sich.“

Chorleiter Christian Sondermann sagt dagegen, inzwischen gebe es Fans, die meinen: „Ihr müsst aufpassen, dass ihr nicht zu gut werdet.“ Wenn man sich jede Woche zur Probe treffe, werde die Stimme nun mal trainiert. Tatsächlich klingt der Mr.-Mercury-Song ex­trem gut. Aber Flemming ist da ganz entspannt: Klar, im Kollektiv zwitschern die Goldkehlchen inzwischen gar nicht schlecht. „Aber es gibt welche, die können keinen Text, immer noch nicht nach vier Jahren, und die haben überhaupt kein Taktgefühl, aber das ist fein“, sagt er. Und ja: „Da sind schon ein paar dabei, die können singen. Die kriegen auch mal ’n Solo, wenn sie Bock haben. Aber es kriegen auch Jungs ’n Solo, die gar nicht singen können, wenn sie Bock haben. Warum nicht?“

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Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Annette Woywode
Chefin vom Dienst und stellvertretende Chefredakteurin

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