Hamburgs Partnerstadt in Nicaragua : Die Müllbergkinder von León

Sie wühlen im Dreck anderer, damit sie selbst nicht im Dreck enden: die Kinder in Hamburgs Partnerstadt in Nicaragua. Der Arzt Jürgen Steidinger engagiert sich seit 25 Jahren dafür, ihnen einen Schulbesuch und ein besseres Leben zu ermöglichen. Foto: Jürgen Steidinger.

Sie wühlen im Dreck anderer, damit sie selbst nicht im Dreck enden: die Kinder in Hamburgs Partnerstadt in Nicaragua. Der Arzt Jürgen Steidinger engagiert sich seit 25 Jahren dafür, ihnen einen Schulbesuch und ein besseres Leben zu ermöglichen.

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Am schlimmsten war es, wenn die Kinder im Müll nach Essen wühlten, sagt Jürgen Steidinger. Erst seit ein paar Monaten ist der Kinderarzt wieder zurück aus Nicaragua. Die Erinnerungen sind noch frisch.

9346 Kilometer Luftlinie trennen Hamburg und ihre Partnerstadt León. Auf den ersten Blick haben sie nur wenig gemein. Einwohnerzahl Hamburgs: 1,86 Millionen. Einwohnerzahl Leóns: 158.000. Durchschnittliches Bruttoeinkommen pro Monat in Hamburg: 4111 Euro. In León: 100 Euro. Hamburg hat auch keinen riesigen Müllberg, auf dem Kinder im Abfall wühlen können, damit sie und ihre Familien überleben.

Steidinger, ein agiler Mann mit Glatze und runder Brille, ist 74 Jahre alt, 25 Jahre hat er in León gelebt. Dafür hat er eine sichere Stelle als leitender Oberarzt für die Frühgeborenen- Intensivpflege am AK Wandsbek hingeworfen. „Nichts Außergewöhnliches“, sagt er lapidar, er habe schon immer gern über den Tellerrand geschaut. Neben seiner Arbeit als Kinderarzt demonstrierte er gegen Atomkraftwerke und für den Frieden, nervte Arbeitgeber im ÖTV-Personalrat. Nach Nicaragua ging er 1986 zum ersten Mal, „mit dem Enthusiasmus für die Revolution und all das, was sich da bewegt hat“. Danach fuhr er jedes Jahr wieder hin – der Menschen wegen. 1992 blieb er ganz.

Auf dem Müllberg gehört ein Fund wie diese Computertastatur schon zu den wertvolleren Schätzen. Foto: Jürgen Steidinger

Im Krankenhaus in León konnten sie seine Fachkenntnisse gut gebrauchen. Steidinger brachte Brutkästen für die Frühchen mit. León hatte damals die höchste Sterblichkeitsrate von Neugeborenen im Land. Während der Arzt in Hamburg Babys gerettet hatte, die 500 Gramm wogen, musste er in León mitansehen, wie seine Kollegen Eltern ihre 3000 Gramm schweren Babys tot im Schuhkarton zum Begräbnis mitgaben: „Die Kinder starben, weil die Mutter eine Infektion hatte oder die richtige Medizin fehlte“, sagt er. Auch sonst waren die Gepflogenheiten gewöhnungsbedürftig: „Die Putzfrauen haben immer das Putzwasser mit dem Desinfektionsmittel im vollen Schwung gegen die Wände geschüttet. Das floss dann alles bis in die Steckdosen“, so Steidinger. Trotz widriger Umstände gelang es ihm und seinem Team, binnen einem Jahr die Neugeborenensterblichkeit deutlich zu senken.

Müllsammeln wird nicht verschwinden, solange so viele in Armut leben– Jürgen Steidinger

Was blieb, waren die Müllbergkinder. Kinder wie José. Der war neun Jahre alt, als der Vater die Familie verließ. Die Mutter: arbeitslos. Also musste José jeden Tag auf dem Müllberg El Fortín im Süden der Stadt nach Verwertbarem suchen. „Rund 100 Kinder waren jeden Tag auf dem Müllberg“, sagt Steidinger. „Sie suchten nach allem. Am meisten Geld bekamen sie für Aluminium und Kupfer.“ Er sah, wie sie mit bloßen Händen Autobatterien auseinandernahmen, um das Blei herauszupulen. Er sah ihre kranke Haut. Er hörte sie husten und wusste, wie sehr sie unter dem Durchfall litten, weil sie Vergammeltes vom Müllberg gegessen hatten. Manche Kinder hatten schwere Organschäden – weil sie Schusterleim und Reizgas aus weggeworfenen Spraydosen schnüffelten. „Das ist schwer toxisch und zieht bleibende Gehirnschäden nach sich, ähnlich wie bei Crackopfern“, sagt Steidinger.

Vom ersten Tag an arbeitet der Arzt mit sozialen Initiativen in León zusammen, unterstützte und initiierte Projekte. „Ohne Geld passiert nix, also musste ich Geld suchen.“ Er sammelte Geld, damit sich die Menschen vom Müllberg nach dem Hurrikan Mitch 1998 neue Häuser bauen konnten. In der Siedlung „Reparto Hamburgo“ stehen noch alle 52 Häuser – mit Namen wie Altona, Sasel und St. Pauli. „Aus Dankbarkeit“, sagt Steidinger.

Er koordiniert bis 2001 ehrenamtlich die Städtepartnerschaft, die seit Mai 1989 besteht und von der der Erste Bürgermeister Olaf Scholz zum 25-jährigen Jubiläum sagte: „Was als Akt der Solidarität begonnen hat, ist ein Akt der Freundschaft geworden.“ Aus Freundschaft schickte Hamburg sogar schon Müllfahrzeuge nach León.

Ohne Geld passiert nix, also musste ich Geld suchen– Jürgen Steidinger

Denn auch wenn es seit den vergangenen Jahren mit Nicaragua langsam aufwärtsgeht: Noch immer leben 29,6 Prozent der Menschen in Armut (Stand: Februar 2017). Sie haben am Tag nicht mehr als 2 Dollar zur Verfügung. Wer in den Wellblech- und Kartonsiedlungen am Fuße des El Fortín lebt, wie die Familien der Kinder vom Müllberg, hat oft noch weniger.

Steidinger und viele Helfer sammelten auch Geld für ein Schulzentrum, das 1995 in León gebaut wurde. Die Müllbergkinder liebten das Lernen sofort, ihre Eltern weniger. „Ein Kind, das zur Schule geht, ist ein Kind weniger, das arbeiten und die Familie mit ernähren kann. Bei drei Kindern macht das sechs Hände weniger“, sagt er. Gemeinsam mit dem Verein „Niños del Fortín“ setzt sich Steidinger bis heute für die Kinder ein. „Ohne Schulbildung gibt es kein Entkommen aus der Armut“, sagt er. Das Geld reicht derzeit für die Betreuung von 100 Kindern zwischen 5 und 15 Jahren. Alle bekommen täglich ein warmes Mittagessen. Seit Bestehen des Programms wurden insgesamt 426.000 Mahlzeiten verteilt.

Spender aus Leóns Partnerstadt Hamburg ermöglichen rund 100 der Müllbergkinder den Schulbesuch und täglich ein warmes Mittagessen. Foto: Jürgen Steidinger

Möglich machen das bis heute auch viele städtische Beschäftigte aus Hamburg. Jeden Monat überlassen sie die Centbeträge ihres Monatsgehalts dem Verein. Durch die „Restcent-Aktion“ kamen bereits rund 3 Millionen Euro zusammen. Der Senat hat auch Geld gegeben für Schulrucksäcke und -uniformen. Inzwischen haben 16 Jungen und vier Mädchen aus dem Projekt Abi gemacht, drei Jungen ein Studium abgeschlossen. Sie arbeiten als Ingenieur, Lehrer und Psychologe, andere sind noch an der Uni oder haben Jobs bei der Feuerwehr und der Polizei. Steidinger sagt: „Das zeigt, es funktioniert.“

Man kann das Müllsammeln nicht zum Verschwinden bringen – schon gar nicht, solange so viele Menschen in Armut leben– Jürgen Steidinger

Trotzdem gibt es in León auch heute noch Kinder, die Müll sammeln. „Man kann das Müllsammeln nicht zum Verschwinden bringen – schon gar nicht, solange so viele Menschen in Armut leben“, sagt er. Manchmal führen sogar gut gemeinte Hilfsangebote dazu, die Armut vor Ort zu verfestigen. Auf dem Müllberg sorgten Umweltaktivisten aus dem Ausland dafür, dass eine Recyclinganlage gebaut wurde. „Ohne zu bedenken, dass man damit den Menschen vom Müllberg ihre Existenzgrundlage nimmt“, sagt Steidinger. 80 Familien bekamen zwar in der Anlage einen Arbeitsplatz, doch das waren längst nicht alle, die vorher vom Müllberg gelebt hatten. „Die anderen fingen an, den Müll in den Straßen der Stadt auszusortieren. Sie wurden vom Berg in die Stadt vertrieben“, so Steidinger.

Dabei arbeiteten sie so gründlich, dass bald der Müll für die Recyclinganlage fehlte. Schließlich brannte sie ab. Inzwischen ist der Müllberg wild bewachsen, eine Müllhalde nahe der Stadt hat ihn ersetzt. Nur ein kleiner Teil der Kinder ist noch dort. Der Großteil zieht allein oder mit Familie nachts durch die Straßen Leóns: „Sie sind jetzt Müllsammler, keine Müllbergkids mehr.“

Der 74-Jährige mag wieder in Hamburg leben, gedanklich hängt er weiter an León. Mit Gleichgesinnten hat er gerade einen neuen Verein gegründet, sein Name: Kinderträume – „Sueños de Niños. „Ich will meine verbleibende Zeit und Kraft einsetzen, das Überleben der Projekte für die Kinder in Not zu sichern“, sagt Jürgen Steidinger. Nach Ruhestand klingt das nicht.

Podiumsdiskussion zu Kinderrechten, Kinderarbeit, Ausbeutung, Di, 19.9. ,19.30 Uhr. Mit Amalia Cuadra, Vereinsgründerin „Ninõs del Fortín“ (Nicaragua), und Regina Hewer, Vize-Präsidentin von terre des hommes. Saselhaus, Saseler Parkweg 3, Eintritt frei

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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