Ende des Hotelprojekts : Die meisten müssen jetzt wieder auf die Straße

Heiner zieht aus: Wie es für ihn weitergeht, weiß der 60-Jährige noch nicht. Foto: Mauricio Bustamante

Um sie vor Corona zu schützen, waren 170 Obdachlose drei Monate lang in Hotels untergebracht – auf Wunsch in Einzelzimmern. Jetzt musste das Projekt beendet werden, denn die Spenden waren aufgebraucht.

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„Wir würden uns mehr Gäste wie euch wünschen“, sagt Lisa Wobst vom Bedpark am Ende unseres Projekts, Obdachlose in Zeiten von Corona im Hotel unterzubringen. „Die meisten sind höflich, wissen, wie sie sich verhalten sollten und was sie lassen sollten.“ Auch Michael Funk, unter anderem Betreiber von My Bed in Bergedorf, findet für seine Hotelgäste nur Superlative: „Sehr toll, sehr positiv, super!“ Das sehen auch seine Kund*innen so: „Es gibt sogar viele, die Geld spenden wollen, damit die Obdachlosen nicht wieder auf die Straße müssen.“

Mit so viel Überschwänglichkeit war nicht zu rechnen, als wir vor drei Monaten starteten. Damals hatten die Tagesaufenthaltsstätte Alimaus, die Dia­konie und Hinz&Kunzt von der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH eine Großspende bekommen – um Obdachlose vor Corona in Sicherheit zu bringen.

Und das ging so: Straßensozialarbeiter fragten Obdachlose, ob sie vorübergehend ein Einzelzimmer haben wollten. Und Menschen, die vorher keine Notunterkunft annehmen wollten und konnten, haben begeistert Ja gesagt. Alle, die in der Wohnungslosenhilfe arbeiten, wissen, was gemeint ist – und der ein oder andere empathische Laie vermutlich auch. „Jeder Obdachlose ist permanent in einer Krise – und bräuchte dringend Privatsphäre“, sagt unser Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. „Und sich dann in einer großen Unterkunft permanent mit 100 Leuten und mehr auseinanderzusetzen, die dieselben Probleme haben, überfordert viele Menschen.“

„Jeder Obdachlose ist permanent in einer Krise – und bräuchte dringend Privatsphäre.“– Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer

Mitkommen durften alle, ohne Ansehen der Person: egal, ob sie psychisch krank, alkohol- oder drogenkrank sind, ob sie Hilfe vom Staat bekommen oder nicht, ob sie Papiere hatten oder nicht. Wichtig war nur: Sie hatten Kontakt zu Straßensozialarbeiter*innen. Er oder sie checkte die Gäste ins Hotel ein und blieb auch weiterhin Ansprech­partner*in. Es waren am Ende 170 Menschen.

Und das erwartete die Obdachlosen: Gastgeber*innen, die sich auf sie freuten und sie willkommen hießen. Ein Einzelzimmer mit Bad, frischer Bettwäsche und einem Fernseher. Ein Schlüssel und die Möglichkeit, zu kommen und zu gehen, wann sie wollten. Sozialarbeiter*innen, die stundenweise für sie da waren.

Selbst die Sozialarbeiter*innen waren erstaunt, wie schnell sich die Menschen erholten. Bei vielen passierte richtig etwas und einige haben jetzt mehr Power, ihr Leben anzugehen.

Daniel beispielsweise. Der 37-jährige Hinz&Künztler lebt seit Jahren auf der Straße und hat einen riesigen Schäferhund. Daniel wird schnell aggressiv und legt sich auch gerne an. (Er hat übrigens erlaubt, dass ich das schreibe.) Kurz vor Corona hörten er und seine Freundin Anja (53) auf zu trinken – und sie durften sogar mit Hund im Hotel My Bed in Bergedorf einchecken. Viel weicher ist Daniel geworden und zugänglicher. Das liegt natürlich daran, dass er nicht mehr trinkt. Aber auch daran, dass er zur Ruhe kommt und Bergedorf „etwas ländlicher“ ist. Oft machen die drei Ausflüge. Dass er sich ständig mit Leuten anlegt, sieht Daniel heute viel kritischer. „Ich bin zu abgestumpft“, sagt er und schüttelt etwas betreten den Kopf über sich selbst.

Krzysztof (links) ist seit 14 Jahren in Deutschland, seit zehn Jahren auf der Straße. Gearbeitet hat er meistens als Maler und Tapezierer. „Aber schwarz“, sagt er. Hier ist er im Gespräch mit Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Jonas Gengnagel. (Foto: Mauricio Bustamante)

Krzysztof: Der Pole ist seit vielen Jahren in Deutschland, hat viel gearbeitet, aber immer schwarz. Er trinkt mehr Alkohol, als ihm guttut, aber im Bedpark hat er zusammen mit einem anderen polnischen Obdachlosen angefangen, den Garten zu machen. „Um etwas zurückzugeben“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Ganz ähnlich ist es bei Artur. Er hat nicht nur die Sache mit dem Garten initiiert, „um Danke zu sagen“, er hat auch wieder angefangen zu malen. Und er erzählt, dass er aus einer Künstlerfamilie stammt und fünf Jahre die Kunsthochschule besuchte. Weil er nicht wusste, wie er sich durchschlagen sollte, ging er nach Deutschland, um zu arbeiten … und strandete.

Hans (Name geändert): Seit geraumer Zeit dachte er, er hätte Darmkrebs. Er hatte ständig Schmerzen und konnte nicht mehr aufs Klo. Beim Arzt war er nicht. Im Hotel hatte er seine eigene Toilette, das entspannte ihn wohl so, dass sich seine Verdauung wieder normalisierte und er keine Schmerzen mehr hat. Während es für unsereins völlig normal ist, jederzeit aufs Klo gehen zu können, war das für Hans in öffentlichen Einrichtungen immer eine Tortur, weil er auf dem sogenannten stillen Örtchen nie seine Ruhe hatte und ständig jemand gegen die Tür wummerte.

Auch Hinz&Künztler Rainer ist in einem der Hotels untergekommen. Foto: Mauricio Bustamante

Oder Rainer: Er fand auf der Straße keine Kraft, Hartz IV zu beantragen. Zwar war er im engen Austausch mit „seinem“ Straßensozialarbeiter, wollte sich aber „nicht mit den Ämtern herumschlagen“. Schon nach kurzer Zeit im Hotel war für den 57-Jährigen klar: „Ich will nicht mehr auf die Straße zurück.“ Er bezieht jetzt Hartz IV und ist schon in einen Wohncontainer umgezogen. Wichtig war dabei für ihn: „Ich brauche ein Zimmer für mich allein – und es dürfen nicht zu viele Menschen mit Problemen sein, die dort wohnen.“ Aber genau das ist jetzt die Perspektive für die meisten, selbst wenn sich der städtische Unterkunftsbetreiber fördern und wohnen nun bemüht, einigen Obdachlosen eine Anschlussper­spektive zu bieten: Angebote gibt es meist nur in großen Unterkünften und in Mehrbettzimmern.

Natürlich ist auch ein Hotel keine Dauerlösung, aber es wäre schön, man könnte Bedingungen, wie sie im Hotel gegeben sind, so lange fortführen, bis alle einen Ort gefunden haben, an dem sie bleiben können.

Hotelgutscheine zum Abschied

Zum Abschied hat das Team vom bedpark jedem Obdachlosen Gast einen Gutschein für fünf Übernachtungen in dem Altonaer Hotel geschenkt:

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Ende Juni sind die Großspenden aufgebraucht

Es liegt am Geld, dass wir Ende Juni Schluss machen mussten. Die Großspenden sind aufgebraucht – trotz mehrfachen „Nachschlags“ von der Firma Reemtsma, Reemtsma-Mitarbeiter*innen sowie weiteren Stiftungen. Aber es gibt viele gute Nachrichten. Keine*r hat eine Corona-Infektion. Mehr noch: „Das Projekt hat in eindrucksvoller Weise gezeigt, dass die Forderung Housing First richtig ist“, sagt Dr. Kai Greve, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Alimaus. „Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte!“ In dieser kurzen Zeit haben immerhin fünf Menschen wieder einen sozialversicherungspflichtigen Job gefunden und sechs eine Unterkunft.

Aber machen wir uns nichts vor: Die Mehrheit der Obdachlosen muss zurück auf die Straße. Vielleicht mit mehr Energie und Hoffnung als vorher. Die Initiatoren hoffen, „dass wir aus den Erfahrungen, die wir gemacht haben, Kraft und Ideen für die Zukunft schöpfen“, so Stephan Karrenbauer.Mindestens genauso wichtig ist aber, dass das Hotelprojekt Signalwirkung entfaltet. „Die Einzelunterbringung ist weder kosten- noch personalintensiv, es braucht keinen Sicherheitsdienst und sie gelingt dank guter sozialarbeiterischer Betreuung“, sagt Dirk Ahrens, Dia­koniechef und Herausgeber von Hinz&Kunzt. Und was besonders wichtig ist: „Wir konnten Menschen erreichen, die sonst durch das Raster der städtischen Angebote fallen.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Birgit Müller
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.

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