10 Jahre Gängeviertel : Die bunteste Baustelle der Stadt

Im Gängeviertel wird gefeiert: Zehn Jahre nach der als Hoffest getarnten Besetzung haben die Aktiven und die Stadt Hamburg die Selbstverwaltung des Viertels fest vereinbart. Foto: Mauricio Bustamante

Das Gängeviertel feiert seinen zehnten Geburtstag und einen großen Erfolg: Die Zukunft ist gesichert. Wie kam das alles zustande? Das neue Museum „Vor-Gänge“ gibt Antwort.

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Kulturoase, Lebensraum oder die bunteste Baustelle der Stadt: Was das Gängeviertel ist, hängt immer davon ab, wen man fragt. Also einfach hingehen und nachfragen? Das war bisher gar nicht so leicht. Muss ja erst mal jemand auffindbar sein, der Überblick hat und gerade den Kopf frei, um zu erzählen. Hat nicht jeder. Erst recht nicht, wenn am Vorabend eine dieser rauschenden Partys gestiegen ist.

Stephan Fender hat Lust, zu erzählen. Und Überblick hat der 37-Jährige auch: Seit Ende 2018 ist er Vorstand des Vereins Gängeviertel, der das Kulturprogramm koordiniert. Vorher war er Vorstand der Gängeviertel Genossenschaft, saß im Aufsichtsrat und in verschiedenen Arbeitsgruppen. Sein neues Projekt: das Museum „Vor-Gänge“ in der Schierspassage, das der Historiker mit Studierenden der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) entwickelt hat, um Geschichte und Gegenwart des Gängeviertels greifbar zu machen.

„Für die Armen, die hier gewohnt haben, hat die Solidarität das Leben in der Stadt erst möglich gemacht.“– Stephan Fender, Museums-Initiator

Wer die kleine Butze betritt, bekommt als Erstes selbst eine Frage gestellt. „Was ist deine Utopie?“ steht auf der Eintrittskarte, die – wie alles im Viertel – zum selbst gewählten Preis erstanden wird. Die Botschaft ist klar: Hier sollen die Museumsgäste selbst aktiv werden, und zwar mit Hirn und Händen.

In der Ausstellung ist Anfassen ausdrücklich erwünscht: Quer im Raum verteilt hängen Schriftrollen mit Titeln wie „Grundlagen und Selbstverständnis“, „Was bisher geschah“ oder „Buschfunk“. Text kommt erst zum Vorschein, wenn man daran zieht. Nicht die Auswahl eines Kurators, sondern die Besucher selbst bestimmen, was und wie viel sie hier erfahren.

Stück für Stück schildern die Autoren, die alle selbst im Viertel aktiv sind, die verschiedenen Phasen und Facetten des Projekts. Doch wie fühlt es sich an, Teil des Gängeviertels zu sein? „Darüber kann man keinen Text schreiben“, sagt Stephan. Aber man kann den Leuten zuhören, wie sie ihre Erlebnisse schildern.

Zum Fenster raus und rein ins Viertel

Im folgenden Raum sind dafür Lautsprecher in Sitzbänke und Liegeflächen eingelassen, an der Decke läuft ein Film: ein Rundgang durchs Viertel mit Blick zum Himmel, als schwebte man, begleitet von den Stimmen der Erzähler. Wer danach auf Erkundungstour gehen möchte, hat es nicht weit: Zum Fenster geht es wieder raus aus dem Museum – und rein in die gebaute Wirklichkeit.

Vitrinen gibt es in den „Vor-Gängen“ nicht. „Die Häuser und das Viertel an sich sind die Exponate“, erklärt Stephan. Das Museum war früher eine Arbeiterwohnung, in der drei Generationen mit Kindern lebten. Dazu kamen die Schlafgänger: Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war Wohnraum knapp in Hamburg und für die Ärmsten kaum zu bezahlen, weshalb sich einige nur ein Bett mieten konnten. Ging der Besitzer zur Schicht, legte sich der Schlafgänger hin, bis er selbst zur Arbeit musste.

Slum in der City passt nicht ins Narrativ von der reichen Kaufmannsstadt

Enge, Armut, Schmutz – für die meisten Menschen in der Hamburger Innenstadt gehörte das zum Alltag. Bis Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die Gängeviertel den Großteil der heutigen City ein: Die Flächen der Speicherstadt, der Mönckebergstraße und Spitaler Straße, die südliche und nördliche Neustadt. Der letzte Abriss eines historischen Gängeviertels erfolgte Anfang der 1960er Jahre. Auf der Fläche wurde anschließend das Unilever-Hochhaus errichtet.

Hunderttausende hat das Leben in den Gängen geprägt. Und doch werde dieses Kapitel Hamburger Historie kaum erzählt, sagt Stephan. Zum einen wegen der dünnen Quellenlage: „Arme Menschen hinterlassen kaum Dokumente.“ Zum anderen passten die Gängeviertel nicht in das Bild, das Hamburg von sich zeichnen wolle. „Das offizielle Narrativ der Stadtgeschichte ist das der reichen Kaufmannsstadt. Der Slum in der City passt da nicht rein.“

Vier Tage Jubiläumsfest

Der 10. Gängeviertelgeburtstag beginnt am Donnerstag, 22. August, bis Sonntagabend wird durchgefeiert: In 20 Locations zwischen Caffamacherreihe und Valentinskamp steigen Konzerte, Ausstellungen, Performances und Partys. Dazu gibt es eine Menge Informationen zur Entstehung und Zukunft des Projekts. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei, hier ist das Programm zu finden

Das Museum „Vor-Gänge“ hilft, die Gedächtnislücke zu schließen. Wer dem Rundgang folgt, bekommt einen lebhaften Eindruck vom Alltag im 19. Jahrhundert: In der heutigen Speckstraße begann der Rotlichtbezirk, viele in der Nachbarschaft arbeiteten als Tagelöhner. „Die mussten morgens um fünf am Hafen stehen und gucken, ob sie einen Job kriegen“, erklärt Stephan. Da war an ein Leben außerhalb der Stadttore nicht zu denken. Immer voller und enger wurden die Gängeviertel – und umso wichtiger die Kneipen. Hier konnte man nicht nur trinken und feiern, sondern fand auch Genossen, die Unterkunft oder Arbeit vermittelten. Historiker Stephan sagt: „Für die Armen, die hier gewohnt haben, hat die Solidarität das Leben in der Stadt erst möglich gemacht.“

Sichere Zukunft für das Gängeviertel

Im heutigen Gängeviertel soll diese Solidarität weitergelebt werden. Das zeigt sich in den Zukunftsplänen, auf die sich Stadt und Viertel nach jahrelangen Verhandlungen geeinigt haben: Häuser und Höfe werden von der Genossenschaft verwaltet, die Mieten bleiben bezahlbar, Kultur und soziale Angebote unkommerziell. Außerdem lebt das Viertel schon immer vom Gemeinschaftssinn: Die Leute, die hier arbeiten, tun es freiwillig und fast immer ehrenamtlich. Seit zehn Jahren bestimmen Gäste an Tür und Tresen weitgehend selbst, wie viel sie zahlen. „Wir stehen hier auf einer der teuersten Flächen Europas“, sagt Stephan. „Aber wir schließen die Leute, die keine Kohle haben, nicht aus.“

Mitten in einer Stadt, in der fast alles einen Preis hat, wird eine andere Art zu leben erprobt. Das Museum zeigt, wie verdichtet sich hier das Leben abgespielt hat, was alles fast verloren gegangen wäre und wie ein neues Kapitel der Stadtgeschichte geschrieben wird.

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Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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