„Das sind richtige Schicksale“

Das Spendenparlament fördert gemeinnützige Projekte. Aber inzwischen wenden sich immer mehr Einzelpersonen in ihrer Not an den Verein

(aus Hinz&Kunzt 171/Mai 2007)

Fast 316.000 Euro hat das Hamburger Spendenparlament auf seiner jüngsten Sitzung Ende März an soziale Organisationen verteilt. Damit konnte der Verein den höchsten Betrag seit seiner Gründung vor elf Jahren weiterreichen. Doch obwohl das Spendenparlament nur gemeinnützige Projekte unterstützt, gehen immer mehr Anträge von Einzelpersonen in Not ein. Hinz&Kunzt sprach darüber mit dem Vorsitzenden der Finanzkommission, Erich Wanko (60).

Hinz&Kunzt: Seit 2005 bitten immer häufiger Privatpersonen das Spendenparlament um finanzielle Hilfe: Elf Prozent der Anträge waren es 2005, 18 Prozent im vergangenen Jahr, und auch dieses Jahr rechnen Sie mit einem Anstieg. Warum kann der Verein nichts für diese Menschen tun?

Erich Wanko:Wir unterstützen nur gemeinnützige Projekte, die sich gegen Armut, Obdachlosigkeit und Einsamkeit einsetzen. Die Einzelantragsteller sind zwar meistens genau davon betroffen. Wir können aber satzungsbedingt keine Einzelhilfe leisten – was wirklich bedauerlich ist. Schließlich liest man da von richtigen Schicksalen, und wir müssen die Briefe einfach zur Seite legen. Wir versuchen aber wenigstens, die Menschen im Ablehnungsgespräch oder schriftlich zu beraten.

Hinz&Kunzt: Welche Schicksale verbergen sich denn hinter den Anträgen?

Erich Wanko:Die meisten Einzelanträge werden von Eltern gestellt, die kranke oder behinderte Kinder haben. Viele bräuchten eine Delfintherapie, andere einen Rollstuhl oder ein spezielles Auto. Wer nicht viel Geld hat, gerät bei den enormen Kosten im Gesundheitswesen schnell in Schwierigkeiten.

Es gibt auch Haftinsassen, die sich an uns wenden. Neu ist, dass Arbeitslosengeld (ALG)-II-Empfänger um Hilfe bitten. Das finde ich wirklich erschreckend. Als es noch Sozial- und Arbeitslosenhilfe für die Menschen gab, kam das nicht vor. Man muss wissen, dass Sozialhilfeempfänger früher einen Kühlschrank oder Ähnliches extra bekommen haben. Bei den ALG-II-Empfängern ist jetzt nur noch ein geringer Betrag zum Ansparen für solche Anschaffungen vorgesehen. Wem der Kühlschrank kaputtgeht, gerät unter Umständen bös in Not.

Hinz&Kunzt: Gestiegene Armut in der Gesellschaft könnte also ein Grund für die Einzelanträge sein?

Erich Wanko: Die Zahl der Menschen, die nicht mehr klarkommen, wird größer. Das ist deutlich zu erkennen.

Hier finden Sie finanzielle Hilfe in Notlagen

Einzelne und Familien, die zum Beispiel durch Krankheit in Not geraten sind, können sich an Stiftungen und Vereine wenden. Hinz&Kunzt hat eine Liste mit Adressen zusammengestellt:

Die Fördergemeinschaft Kinder-Krebs-Zentrum Hamburg berät und unterstützt Eltern, die durch die Krebserkrankung ihrer Kinder in finanzielle Not geraten sind.

www.kinderkrebs-hamburg.de

Die Hamburger Gemeinschaftsstiftung für behinderte Menschen unterstützt Menschen mit Behinderung in allen Lebenslagen, z. B. mit Freizeitangeboten oder Gesprächskreisen für Eltern.
www.leben-mit-behinderung.de

Der Verein zur Förderung der Alpakatherapie bietet eine kostengünstige Alternative zur Delfintherapie und richtet sich u. a. an behinderte Kinder und Jugendliche.
www.alpakatherapie.com

Die Deutsche Hilfsgemeinschaft e.V. bietet günstige Kinder- und Jugendreisen an.

www.deutsche-hilfsgemeinschaft.de

Die Rückenwind Tours gGmbH gibt Unterstützung bei der Finanzierung von Reisen für Behinderte.

www.rueckenwind-tours.de

Der Verein Freiabonnements für Gefangene e.V. vermittelt Zeitungen für Menschen in Haft

www.freiabos.de

Annette Woywode

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