Der Privatbankier : So ist der „Krumm-Ex-Krimi“ entstanden

Journalist Oliver Schröm und Zeichnerin Isabel Kreitz. Foto: Dmitrij Leltschuk

Die Zeichnerin Isabel Kreitz und der Investigativjournalist Oliver Schröm heckten für Hinz&Kunzt die Geschichte eines fiktiven Hamburger Krumm-Ex-Bankiers aus. Das Ergebnis lesen Sie in der Mai-Ausgabe.

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Sie gilt als eine der besten Comic-Zeichnerinnen; er ist einer der bekanntesten Investigativ-Journalisten des Landes: Isabel Kreitz und Oliver Schröm aus Hamburg, beide mehrfach preisgekrönt in ihrer Branche. „Wir haben einen gemeinsamen Agenten, uns über ihn kennengelernt und den Kontakt gehalten“, erzählt Isabel Kreitz. Auch weil sie die Idee hatten, irgendwann mal etwas zusammen zu machen: der Rechercheur, der in großen Zeitungs- und Fernseh­redaktionen unterwegs ist, aktuell etwa für die NDR-Sendung „Panorama“, und die Illustratorin, die allein am Schreibtisch vornehmlich in fiktiv-literarische Welten abtaucht und akribisch Bild nach Bild zeichnet. Einen Arbeitstitel für ein mögliches Projekt gab es früh: „Konrad und die Kofferbomben“. „Ich schrieb in der Folge der Anschläge auf die New Yorker Twin Towers Bücher über Terrorismus“, erklärt Schröm. Kreitz ihrerseits war dabei‚ „Emil und die Detektive“ zu zeichnen.

Neben Erich-Kästner-Kinder­büchern hat sie auch Klassiker verarbeitet wie „Die Ent­deckung der Currywurst“ von Uwe Timm, der in die Nachkriegsjahre der Gegend um den Großneumarkt führt, mit strengen, fast harten Bildsequenzen in Schwarz-Weiß. Weicher im Strich und im Ton: ihre Adaption von „Rohrkrepierer“, der autobiografischen Erzählung einer 1950er-Jahre-Jugend des Schriftstellers Konrad Lorenz auf St. Pauli. Wichtig sei ihr, sagt sie, dass der literarische Text seine Kraft behält und nicht hinter wuchtigen Bildern verschwindet.

Oliver Schröm, früher lange Vorsitzender des Journalistenverbunds „Netzwerk Recherche“, beschäftigt sich seit 2013 mit den illegalen Cum-Ex-Geschäften großer Banken. Er hat da­rüber umfangreiche Dokumentationen und zeilensatte Artikel verantwortet; war zwischendurch Chefredakteur der Rechercheplattform Correctiv, Initiator und Leiter einer internationalen Medienkooperation, bei der 40 Journalisten aus zwölf Ländern eng zusammenarbeiteten: „Wir haben 2018 den Nachweis erbracht, dass nicht nur Deutschland, sondern halb Europa ausgeraubt wurde.“ Er kann sich darüber richtig in Rage reden. „Es geht bei Cum-Ex nicht um Steuerbetrug, was schlimm genug wäre. Es geht um ein Steuergeschäft, wo dreist eine Steuer mehrfach ausgezahlt wurde, obwohl man nur einmal eingezahlt hat. Auf gut Deutsch: Es ist Diebstahl.“

Mit dem großen Rundumschlag, dachte er, sei die Arbeit getan: „Gefühlt war ich durch mit dem Thema.“ Doch dann erfährt Schröm, dass es Tage­bücher von Warburg-Chef Christian Olearius gibt: „Dass ein Bankier, der in Cum-Ex-Geschäfte verwickelt ist, auch noch Tagebuch schreibt, fand ich ziemlich bizarr.“ Es gelingt ihm, Einblick in die Bücher zu nehmen, die zuvor im Rahmen einer Durchsuchung beschlagnahmt worden waren: „Wenn man da­rin stöbert, schaut man dem Privatbankier regelrecht in den Kopf. Und was man da sieht, ist nicht schön.“ Mithilfe der Tagebücher und weiterer vertraulicher Unterlagen enthüllt Schröm mit seinen Panorama-Kollegen, dass das Hamburger Finanzamt der Hamburger Privatbank M.M.Warburg Rückzah­lungen in Höhe von 47 Millionen Euro erlassen hatte, womöglich mit Billigung höchster Stellen in der Politik.

Immer wenn er Isabel Kreitz trifft, erzählt er von seinen Recherchen, auch von Eindrücken aus den Tagebüchern: „Bei ihr konnte ich alles abladen, all die Informationen, die da auf mich einprasselten.“ Kreitz’ Reaktionen waren für ihn wie ein Lackmustest seiner Thesen: „Isabel hat eine sehr klare Sicht auf die Dinge, sagt sofort: ‚Das ist spannend‘, ‚Das ist nicht spannend‘, ‚Das ist skandalös‘ …“ Sie fällt ihm ins Wort: „Ich bin entrüstet!“ Schröm lacht: „Wenn Isabel ‚entrüstet‘ ist, dann weiß ich: Ich bin auf dem richtigen Weg.“

Als Hinz&Kunzt bei Isabel Kreitz nachfragt, ob sie nicht eine Comicfolge zeichnen könnte, ist Schröm – quasi als ihre Muse – sofort dabei: „Ich finde es großartig, sich meinen harten Themen mal mit Fantasie und Humor zu widmen“, sagt er. „So war’s!“, sagt Isabel Kreitz knapp. „Oliver textete mich zu – und ich machte einen Witz daraus.“

Was ihr am Anfang gar nicht leichtfiel: „Es war sehr quälend, bis ich endlich den Zipfel einer Geschichte in der Hand hielt.“ Geholfen hätten ihr Olivers Erzählungen. „Ich versuche immer mir vorzustellen, wie meine Figuren sprechen, woran sie denken, wie sie überhaupt charakterlich geschaffen sind. Ich habe aus dem, was Oliver erzählt hat, mir vorgestellt, dass es einem schwerreichen Banker mög­licherweise schwerfällt, den Preis eines Liters Milch einzuschätzen, wenn er in einen Supermarkt gehen müsste.“ Daraus habe sie dann eine kleine, fiktive Charakterstudie gemacht. „Mehr ist es nicht“, stapelt sie tief.

In der Mai-Ausgabe

Teil 1 des Krum-Ex-Krimis „Der Privatbankier“ von Isabel Kreitz finden Sie in der Mai-Ausgabe von Hinz&Kunzt.

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Ob sie so eine Abgehobenheit empöre? Sie grinst. „Empörung wird bei mir ganz schnell überlagert von Faszination – ich habe ein Faible für Bösewichte. So schlimm man eine derartige Weltfremdheit finden mag, mir tut so jemand fast leid, weil er überhaupt kein Unrechtsbewusstsein hat. Nach dem Motto: ‚Wieso wollen mir jetzt alle erzählen, Cum-Ex ist illegal, das machen doch alle.‘“ Von daher sei ein sol­cher Charakter so dankbar. „Mickey Mouse ist im Comic die langweiligste Figur überhaupt; interessant ist doch Kater Karlo, interessant ist die Panzer­knacker­bande.“

Wie geht es weiter, jetzt, da die vier Folgen für Hinz&Kunzt fertig sind? Was ist mit den Kofferbombern? Oliver Schröm seufzt, rutscht etwas tiefer in seinen Stuhl. Seit Herbst vergangenen Jahres versucht im Hamburger Rathaus ein Untersuchungsausschuss, die Vorgänge um die Warburg-Bank und mögliche Einflussnahmen durch die Politik zu beleuchten. Cum-Ex, glaubt der Cum-Ex-Experte, werde die Gerichte und die Öffentlichkeit noch Jahre beschäftigen – und damit auch ihn.

Isabel Kreitz geht derweil ihrer Wege: Schon seit vier Jahren arbeitet sie an einer Geschichte, diesmal von ihr selbst erzählt. „Die ersten Vorzeichnungen sind fertig, und mit Glück bekomme ich das Buch in den nächsten zwei Jahren endlich fertig.“ Wenn nicht wieder etwas dazwischenkommt. Und dann rumort da noch ein alter Traum: „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann zu zeichnen. 1997 hat sie das erste Mal beim S. Fischer Verlag, der die Rechte innehat, nachgefragt – und eine glatte Absage kassiert. „Das hat mich damals ausgebremst, dabei hätte ich das so gerne gemacht“, sagt sie. Von daher erwähnt sie es immer mal wieder, um den Traum am Leben zu erhalten.

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