Freiwillige vor!

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

„Willst du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt dir geben“, reimte einst Wilhelm Busch. Rund 460.000 Hamburger kümmert das nicht: Sie engagieren sich in Sportvereinen, Schulen, Kirchengemeinden oder im Umweltschutz. Anlass für Hinz & Kunzt, „Blitzlichter“ zum Ehrenamt zu sammeln.

Geschäfte mit der Not

Vermieter schlagen Profit aus der Unterbringung von Obdachlosen – Sozialbehörde kündigt die Verträge

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

Der Mitbewohner von Ralf (Name geändert) lässt sich nicht stören. Es ist Nachmittag, und er schläft seinen Rausch auf der oberen Matratze des Stockbetts aus. „Hübsch, was?“, sagt Ralf (50) sarkastisch und zeigt sein Reich: Mehr Luxus als das Bett und einen Tisch mit einem Uralt-Fernseher bietet das zwölf Quadratmeter kleine Zimmer nicht. Dazu feuchte Flecken an der Wand. Ein unwohnlicher Raum in einem „Hotel“ am Hamburger Berg (St. Pauli), einer Straße mit vielen Kneipen und Discos, deren Besucher jede Nacht zum Tag machen. Ralf lebt hier seit mehr als einem Jahr. Er teilt sich das Zimmer mit einem Junkie, der ihm schon mal die Herzmedikamente klaut und verkauft, so Ralf. Einmal sei der Typ durchgedreht, habe ihn mit einer Eisenstange auf den Kopf schlagen wollen.

Kurzbesuch im Märchenland

Der Geißleinweg in Billstedt liegt zwischen den Welten

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

„Geißleinweg“ – wenn eine Straße so heißt, dann muss sie entweder besonders idyllisch oder besonders unwirtlich sein.

Massel und Chuzpe

Manfred Lahnsteins Buch über die außergewöhnliche Rettung seiner jüdischen Familie vor dem Nazi-Terror

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

Wenn Juden sagen „Der hat Massel“, dann bedeutet das ungefähr: „Der hat Schwein gehabt.“ Und wenn sie von „Chuzpe“ sprechen, meinen sie eine Mischung aus Mut und Frechheit. Blanka und Rudolf Kandel, zwei junge Juden aus Kroatien, hatten beides. Sie entkamen mit ihren Familien den Nazi-Schergen aus Zagreb und schlugen sich auf einer Odyssee bis Rom durch. Dabei sprangen sie dem Tod mehr als einmal von der Schippe.

„Ball in die Kanone und ab!“

3500 geistig behinderte Sportler treten bei den Special Olympics an

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

„Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben!“ – Mit diesem Eid beginnen am 14. Juni die Special Olympics National Games in Hamburg Aus 14 Bundesländern reisen die rund 3500 geistig und mehrfach behinderten Sportler an, und auch europäische Nachbarländer schicken Athleten. Annette Woywode hat sich bei Hamburger Olympioniken umgehört.

Adel verpflichtet!

Aber wozu eigentlich? Titelträger berichten

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

Amt im Umbruch

Die neue Arbeitsagentur verspricht mehr Service für Jobsuchende

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

Neuerdings heißt das Arbeitsamt „Agentur“, der Berater „Fallmanager“ und der Arbeitslose „Kunde“. Doch was bedeutet das eigentlich, und was hat sich geändert in der umstrittenen Behörde?

Aufbruchstimmung in Argentinien

Arbeitslose übernehmen Fabriken und zwingen den Staat, ihnen zu helfen

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

Es war ausgerechnet der „Tag des Papierarbeiters“, als die Belegschaft der Papierfabrik San Jorge erfuhr, dass ihr Arbeitgeber pleite war. Er hatte sieben Millionen Dollar Schulden angehäuft, die Polizei räumte das Gelände in der Provinzstadt La Plata nahe Buenos Aires, und die Arbeiter standen auf der Straße.

Doch statt nach Hause zu gehen und sich ins Heer der argentinischen Arbeitslosen einzureihen, besetzte Pedro Montes, bis dato Elektriker bei San Jorge, nur Tage nach der Kündigung gemeinsam mit 24 Kollegen die Fabrik und gründete eine Kooperative. Heute ist Pedro ihr Präsident. „Wir schoben abwechselnd Wache, damit keiner die Fabrik plündern konnte“, erzählt der stämmige 50-Jährige. Mehrere Monate hielten sie aus, ohne Lohn, unterstützt nur von Arbeitslosenorganisationen, die ihnen täglich Lebensmittel brachten.

Seither sind zweieinhalb Jahre vergangen, in denen sich in La Plata wie auch in ganz Argentinien eine Parallelgesellschaft verfestigt hat: mit eigenen Organisationen, eigenen Unternehmen und eigenen Führern. Es ist das Reich derer, die im normalen Wirtschaftsleben keinen Platz mehr hatten. Doch sie sind nicht verschwunden – im Gegenteil: Ihr politischer und ökonomischer Einfluss bestimmt den Alltag des Landes heute sichtbar mit.

Das Genossenmodell der Papierfabrik hat seit seinen ersten Tagen zahlreiche Nachahmer gefunden. 150 Kooperativen mit insgesamt 12.000 Genossen gibt es in Argentinien. Was niemand erwartet hätte: Die Arbeiter von San Jorge sind heute erfolgreicher als der Pleite gegangene private Betrieb. Anfangs konnten sie nur Klopapier herstellen. Mit den ersten Erlösen brachten sie dann weitere Maschinen in Schwung und pressten Pappkartons aus Altpapier. In normalen Zeiten hätte ihnen kaum einer die Recycling-Ware abgenommen, aber weil die Regierung damals die Bindung des Peso an den Dollar löste und massiv abwertete, war importiertes Papier plötzlich so teuer, dass die Kooperative ihre Produkte problemlos absetzen konnte. Unter dem neuen Namen Union Papelera Platense nutzt die Fabrik heute wieder 70 Prozent ihrer maximalen Kapazität. 60 Genossen gibt sie Arbeit.

Alle Mitglieder der Kooperative sind sozialversichert, Strom, Wasser und Steuern werden pünktlich bezahlt, „alles wie in einem ganz normalen Unternehmen“, sagt Pedro stolz. So ist eine für Argentinien inzwischen normale, im westeuropäischen Wirtschaftsleben hingegen kaum vorstellbare Mischung aus Legalität und Illegalität entstanden. Unter den Genossen wird nach Abzug aller Kosten der Überschuss verteilt. Jeder bekommt gleich viel. Während der ersten vier Monate gab es zwar nichts zu verteilen, danach aber bekamen die Arbeiter umgerechnet 30 Euro. Bis heute hat sich die monatliche Ausschüttung auf 350 Euro gesteigert, was in Argentinien einem Mittelklassegehalt entspricht. In anderen Zeiten wäre die Entstehung und die Duldung einer solchen Kooperative nicht möglich. Aber Argentinien durchlebt seit drei Jahren die schwerste politische, wirtschaftliche und soziale Krise seiner Geschichte: Das Währungssystem kollabierte, Milliarden Dollar wurden ins Ausland überwiesen, Konten gesperrt, die Wirtschaft versank in der bislang tiefsten Rezession. Der Staat, faktisch bankrott, stellte zeitweise alle Zahlungen an internationale Gläubiger ein, der damalige Präsident wurde vertrieben, und nicht weniger als vier mehr oder minder lange amtierende Übergangspräsidenten wurden vom Chaos aufgerieben.

Die Folgen sind bis heute dramatisch: Knapp 20 Prozent der 14 Millionen Erwerbsfähigen haben keine Arbeit, ein weiteres Fünftel ist unterbeschäftigt. Obwohl die Wirtschaft 2003 knapp acht Prozent wuchs und auch 2004 nach Schätzungen der Dresdner Bank Lateinamerika etwa fünf Prozent zulegen wird, sinkt die Arbeitslosigkeit kaum. Laut dem offiziellen Statistikinstitut Indec lebt mehr als die Hälfte der 37 Millionen Argentinier in Armut.

Der einzelne Arbeitslose hat nur die Wahl, dies hinzunehmen – oder sich einer der Arbeitslosenorganisationen anzuschließen. Sie bilden heute ein mächtiges Gegengewicht zum Staat. Die meisten Arbeitslosen verfolgen keine alternativen Gesellschaftsentwürfe, sondern wollen zurück in eine imaginäre „gute alte Zeit“, zum Wohlfahrtsstaat, der zugunsten der Arbeitnehmer in den Wirtschaftsprozess eingreift und Einkommen umverteilt. Sie wollen einen Staat, in dem eine gewerkschaftliche Struktur das Rückgrat der Gesellschaft bildet und in dem notfalls eben auch Fabriken besetzt und fortgeführt werden. Wo der Staat das nicht leistet, legen die Arbeitslosenbewegungen selbst Hand an.

Was die Organisationen außer Suppenküchen, der Betreuung von Schulkindern und der Herstellung von Lebensmitteln noch unter Selbstorganisation verstehen, bekam unlängst eine Elektrizitätsgesellschaft zu spüren. Sie hatte den Strom in einer besetzten Fabrik abgedreht, in der 82 Familien Unterschlupf gefunden hatten. Die Arbeitslosen besetzten die Hauptstraße so lange, bis der Strom wieder floss. Von den Straßensperren, auf Spanisch „piquetes“, erhielten die aufsässigen Arbeitslosen ihren Namen: Piqueteros. Jetzt sammeln ihre Mitglieder jeden Monat von den Bewohnern der Fabrik das Geld für den Strom ein und bezahlen für sie die Rechnung.

Im ganzen Land können die unterschiedlichen Piquetero-Gruppen schätzungsweise rund 500.000 Menschen mobilisieren. Die Organisationen haben es geschafft, dass Präsident Nestor Kirchner direkt mit ihren Führern verhandelt Lieber bewilligt Kirchner ihnen ein Weihnachtsgeld von 100 Euro pro Kopf, als dass er blutige Auseinandersetzungen wie in den vergangenen Jahren riskiert.

Die Arbeiter der Papierfabrik von San Jorge haben indes andere Sorgen. „Politik interessiert uns nicht, wir wollen einfach nur unsere Arbeitsplätze erhalten“, sagt Jorge, wie Pedro ein Gründungsmitglied der Kooperative. Ungeklärt ist vor allem ihre rechtliche Situation.

Enteignungen waren ursprünglich nur „für einen öffentlichen Zweck“ möglich. Doch inzwischen haben mehrere Stadt- und Provinzregierungen entschieden, es sei besser, eine Kooperative zu legitimieren, als die Zahl der Arbeitslosen noch zu erhöhen. So auch im Fall der Papierfabrik von San Jorge, die dem Eigentum des Besitzers entzogen und den Besetzern zugesprochen wurde. Für die Nutzung des Geländes müssen sie allerdings etwa 2400 Euro Miete pro Monat zahlen.

Allerdings muss der Staat eine Entschädigung an den Besitzer zahlen. Geschehen ist nichts. „Die Provinz hat kein Geld“, weiß Pedro. Jetzt wollen die Arbeiter das Geld selbst aufbringen. Ein Angebot haben sie schon gemacht.

Anne Grüttner

Im Schatten des Boskop

In der Olendeelskoppel in Lemsahl fällt der Apfel nicht weit vom Stamm

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

„Abends haben wir Kinder alle in den Bäumen gesessen, denn damals war das hier alles eine Apfelplantage“, sagt Nicola Fürste und macht eine Geste, die weit über die Olendeelskoppel hinausragt, fast bis zur Lemsahler Landstraße im Westen und dem Lemsahler Bargweg im Osten. Dabei ist sie noch viel zu jung für so einen Großmuttersatz, Anfang, höchstens Mitte vierzig vielleicht, mit dichtem, dunklen Pagenkopf und großen lebhaften Augen. Genau der Typ, den französische Filmregisseure gerne besetzen.

Palme in der Wüste

Schüler unterstützen ein Jugendzentrum in Bosnien

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

Die meisten Jugendlichen, die in den Dörfern der Grenzregion zwischen Bosnien und Serbien leben, würden am liebsten weg. Ins Ausland oder in die Städte, in die ihre Eltern vor dem Bürgerkrieg geflohen waren. Ein Jugendzentrum im bosnischen Dorf Krizevici will den Rückkehrern Perspektiven bieten – unterstützt von Schülern aus Norddeutschland.